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Koblenz

Alltagspoesie knackt ein neues Publikum: Best-of-Poetry-Slam feiert im Café Hahn Premiere

Ein Experiment ist geglückt: Erstmals sind am Mittwoch im Café Hahn vier Alltagspoeten angetreten, um ihre Texte dem Publikum zu präsentieren und miteinander in Sachen Sprachwitz, Kreativität und Erzählkunst zu wetteifern. Für die Veranstalter der Gülser Kleinkunstbühne war es ein Testlauf. Man wollte erproben, ob sich das Format Poetry-Slam für eine eher junge Zielgruppe auch als abendfüllendes Hauptprogramm eignet, hieß es im Vorfeld – der Besucherandrang dürfte die Zweifel nun zerstreut haben.

Alltagspoet Stefan Dörsing knackt das Publikum im Café Hahn: Mit melancholisch-hoffnungsvollen Texten hat der Slam-Poet den meisten Applaus eingeheimst – oder galt der doch seinen schlechten Witzen?
Alltagspoet Stefan Dörsing knackt das Publikum im Café Hahn: Mit melancholisch-hoffnungsvollen Texten hat der Slam-Poet den meisten Applaus eingeheimst – oder galt der doch seinen schlechten Witzen?
Foto: Marvin Ruppert

Von unserer Redakteurin Melanie Schröder

Für den Großteil der Gäste war es die erste Begegnung dieser Art, wie Moderator Philipp Herold gleich zu Beginn des Abends im Zwiegespräch mit dem Hahn-Stammpublikum herauskitzelt. Auf die Frage „Wer von euch ist zum ersten Mal bei einem Poetry-Slam?“ gehen kollektiv die Arme in die Höhe. Herold kommentiert diesen Fakt süffisant: „Okay und was habt ihr dann die letzten zehn Jahre so gemacht?“

Denn natürlich ist Poetry-Slam kein neues Phänomen. Wurde der moderne Dichterwettstreit anfänglich in einer kleinen Szene zelebriert und machten sich die Freizeitschriftsteller früher noch ohne Aussicht auf eine Abendgage auf den Weg quer durch die Republik, hat sich Poetry-Slam inzwischen längst aus der Nische herausgearbeitet und auch kommerzialisiert. In Meisterschaften werden regelmäßig die besten Dichter gekürt, einige Slammer haben den Sprung in Fernsehcomedyshows geschafft, treten inzwischen solo auf oder werden im Juni mit einer Best-of-Veranstaltung das Millerntor-Stadion in Hamburg füllen.

Vier etablierte Künstler im Wettstreit

Unter das Motto Best-of-Poetry-Slam hat auch Herold sein Format im Café Hahn gestellt. Vier bereits etablierte Künstler aus verschiedensten Ecken Deutschlands folgten seinem Ruf, ein noch jungfräuliches Publikum für Poetry-Slam zu begeistern. Herold setzte dafür auf künstlerische Abwechslung.

Mit einer persönlichen Vorliebe fürs Scheitern, für liebenswürdige menschliche Abgründe und die ganz banalen, alltäglichen Sinnkrisen steigt Stefan Dörsing in den Ring. Seine Trümpfe: Beatboxen und schlechte Witze, mit denen er das Publikum dennoch gewinnt. Zum Beispiel mit diesem: „Wo trifft man einen Angler meist an? Zwischen Tür und Angel.“ In seinen Texten gelingen ihm schlichte, aber treffend komisch-melancholische Vergleiche für die persönlichen Momente des Strauchelns: „Wenn du das fünfte Rad am Wagen bist – und dann ist's ein Motorrad.“

Stefan Dörsing setzt sich durch

Unter Klatschen, Fußgetrappel und Jubelrufen (bei einem Poetry-Slam entscheidet der Publikumsapplaus über Sieg und Niederlage jedes Einzelnen) setzt sich Dörsing im Finale eindeutig gegen Jule Weber durch, die mit schwermütigen Texten im getragenen Flüsterton antritt. Künstlerisch greift sie auch mal auf die griechische Mythologie zurück und verwebt beispielsweise Andromedas Heldengeschichte mit ihrem eigenen Dasein als Mutter. Wie vielseitig sie schreibt, zeigt zudem ein experimenteller Text. Er erzählt von einer zerbrechlichen Liebesgeschichte, der ersten Begegnung zwischen Mann und Frau und verzichtet dabei auf Verben. Heraus kommt ein rauschendes Stück Literatur, das wie Landschaft während einer Zugfahrt an einem vorbeizieht, ohne dass man wegschauen oder in diesem Fall weghören will.

Für zwei Poeten reicht es nicht bis ins Finale

Den Sprung ins Finale haben hingegen Paul Bokowski und Florian Cieslik verpasst. Bokowskis witzige Alltagsanekdoten über Menschen in seiner Umgebung kommen zwar beim Publikum an („Meine Nachbarin hat eine seltene Krankheit – ihre Unterarme sind am Fensterbrett festgewachsen“), lassen den Funken jedoch nicht komplett überspringen. Knapper fällt die Entscheidung noch bei Cieslik aus, der viel Jubel für seine sprachlich formvollendeten Texte erntet. In seiner Hommage an die Schönheit der Sprache zeigt er sein kreatives Potenzial. Die personifizierte Sprache lässt sich über den heutigen Umgangston aus, der „Sprechreiz“ auslöst und nicht anders als als „Klommunikation“ bezeichnet werden kann. Cieslik schafft damit eine bemerkenswerte Abwechslung im meist doch sehr egozentrierten Kosmos des Poetry-Slams, in dem persönliche Erfahrungen und Anekdoten häufig zum Erzählstoff werden.

Umso besser zeigt Herolds Künstlerauswahl auf, wie variabel Spitzenslammer texten. Dass dieses Format künftig im Café Hahn Wurzeln schlagen kann, deutet sich an. Und im kleinen Stil macht die Slam-Szene damit auch in Koblenz einen weiteren Schritt heraus aus der einstigen Nische. Melanie Schröder

  • Der nächste Best-of-Poetry-Slam findet am 8. Oktober im Café Hahn statt. Weitere Infos unter www.cafehahn.de
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