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    Hamburg

    Stille am Himmel – Kritik an Luftraumsperrung

    Am Himmel herrscht Stille, am Boden rumort es: Die Sperrung vieler Lufträume über Europa wegen der Aschewolke aus einem isländischen Vulkan sorgt für Milliardenverluste - und einige Airlines zweifeln mittlerweile daran, ob die tausenden Flugausfälle seit Donnerstag notwendig waren.

    Es habe keine genauen Messdaten über die Aschekonzentration am Himmel gegeben, warfen sie Meteorologen und Vulkanologen vor. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) erklärte am Sonntag, Messungen in Süddeutschland hätten Vulkanasche in der Luft belegt.

    In Deutschland durften bis mindestens 20.00 Uhr am Sonntagabend keine Flugzeuge starten oder landen. In weiten Teilen Frankreichs, in Norditalien, Finnland, Dänemark, Tschechien, Österreich, Schweiz und Ungarn wurden Airports bereits bis Montag geschlossen. Spanien schloss am Sonntag elf Flughäfen, darunter Barcelona.

    In Deutschland sei noch nicht mal ein Wetterballon aufgestiegen, um zu messen, ob und wie viel Vulkanasche sich in der Luft befindet, kritisierte Joachim Hunold, Vorstandschef der zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft, Air Berlin, in der «Bild am Sonntag». «Die Schließung des Luftraums erfolgte ausschließlich aufgrund der Daten einer Computersimulation beim Vulcanic Ash Advisory Centre in London.»

    Lufthansa fordert verlässliche Daten

    Auch die Deutsche Lufthansa verlangte verlässliche Asche-Messungen für den deutschen Luftraum. Es gebe bislang keine konkreten Daten über die tatsächlichen Auswirkungen des Vulkanausbruchs, sagte ein Konzernsprecher in Frankfurt. Man könne sich nicht allein auf die Daten aus dem Vulkanasche-Zentrum in London verlassen. Für künftige Fälle müsse das System deutlich verbessert werden.

    Lufthansa verwies auf einen Bericht der «Bild am Sonntag», demzufolge ein Forschungsflugzeug des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums (DLR) nicht einsatzbereit war. Von Lasermessgeräten des Deutschen Wetterdienstes seien fünf von sechs gerade in der Wartung gewesen. Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) kündigte in der «Bild am Sonntag» an, am Montagabend ein Flugzeug mit Wissenschaftlern des Instituts für Atmosphärenphysik in Oberpfaffenhofen starten zu lassen.

    Wetterdienst: Aschestaub nachgewiesen

    Der DWD hat nach eigenen Angaben mit einem Lasergerät auf dem Hohenpeißenberg bei München Aschestaub in den Luftschichten zwischen 3000 und 7000 Metern nachgewiesen, sagte ein DWD-Meteorologe in Offenbach bei Frankfurt. Dies könne anhand deutlich gesunkener Messwerte für Ozon gezeigt werden, das mit Stoffen aus der Aschewolke reagiert habe. «Die Wolke ist da.» Die Teilchen aus der Vulkanasche können nach Expertenmeinung die Triebwerke und Sensoren von Flugzeugen in vielen Kilometern Höhe beschädigen und Piloten die Sicht nehmen.

    Der frühere Formel-1-Weltmeister und Airline-Chef Niki Lauda («Flyniki») kritisierte die Luftraumsperrung in Österreich: «Die Partikel sind nach Rücksprache mit meinem Triebwerkserzeuger mittlerweile kein Problem mehr» sagte Lauda am Samstag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit den Austrian-Airlines-Vorständen Peter Malanik und Andreas Bierwirth in Wien. «Meiner Meinung nach könnte man schon lange fliegen.»

    «Keine Kratzer» bei Positionierungsflügen

    Die größte europäische Luftfahrtgesellschaft, die Lufthansa, hatte am Samstag mit sogenannten Positionierungsflügen zehn Flieger ohne Passagiere auf andere Airports gebracht. In Höhen bis zu 8000 Metern hätten sie «keinen Kratzer» durch Aschestaub erlitten. Die Interkontinentalmaschinen stünden jetzt dort, wo sie benötigt werden, wenn der Flugbetrieb wieder aufgenommen werden kann.

    Air Berlin hatte bei Positionierungsflügen zwei Airbusse problemlos von München nach Düsseldorf, einen weiteren von Nürnberg nach Hamburg gebracht - unter Sichtflugbedingungen auf einer Flughöhe von 3000 Metern, teilte die Fluggesellschaft am Sonntag mit. Danach seien keinerlei Mängel festgestellt worden.

    150 Millionen Euro kostet nach Angaben des Flugverbandes IATA jeder Tag mit weitreichenden Luftraumsperrungen in Europa die Branche. Meteorologen und Vulkanologen in Reykjavik gehen davon aus, dass der Vulkan unter dem Gletscher Eyjafjalla «sicher noch Tage, vielleicht aber auch Wochen oder Monate» riesige Mengen Dampf und Asche in die Atmosphäre spucken wird.

    Hunderttausende sitzen überall in Europa fest. Viele müssen sich mit Zügen, Mietautos oder Bussen durchschlagen. Im europäischen Luftraum gab es am Samstag nur geschätzte 5000 der üblichen rund 22 000 Flüge, wie die für 38 Länder zuständige Flugsicherheitsbehörde Eurocontrol in Brüssel mitteilte. Sollte die Sperrung der Lufträume aufgehoben werden, kann es nach Ansicht von Experten bis zu einer Woche dauern, ehe sich der Reiseverkehr normalisiert hat. Die Fluggesellschaften forderten vorsorglich bereits eine Lockerung des Nachtflugverbots.

    Merkels Odyssee durch Europa

    Bei der Trauerfeier für den polnischen Ministerpräsidenten Lech Kaczynski und seine Frau Maria fehlten wegen des Chaos im Reiseverkehr am Sonntag zahlreiche Staatsgäste, darunter US-Präsident Barack Obama und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Deutschland wurde in Krakau von Bundespräsident Horst Köhler und Außenminister Guido Westerwelle (FDP) vertreten.

    Merkel setzte unterdessen ihre Odyssee quer durch Europa fort. Die Kanzlerin hatte auf dem Rückweg von ihrer USA-Reise zunächst in Lissabon und dann in Rom Station machen müssen. Als sie am Samstag per Limousine nach Südtirol weiterreiste, wurde die Delegation auch noch von einer Reifenpanne an einem Bus aufgehalten. Nach einer weiteren Übernachtung in Bozen brach Merkel am Sonntagmorgen nach Berlin auf. «Uns geht es wunderbar. Wir haben uns hier sehr wohlgefühlt», sagte Merkel vor Beginn der Weiterfahrt. «Jetzt freuen wir uns auf die Heimreise nach Hause, nach Berlin.»

    Angehörige der vier in Afghanistan getöteten Soldaten müssen weiter darauf warten, dass die Särge nach Deutschland kommen. Die Maschine mit zwei schwer verletzten Soldaten musste in der Türkei zwischenlanden. Die Hannover Messe begann am Sonntag wie geplant. Von den europäischen Flughäfen wurden Busse nach Hannover eingesetzt.

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