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    Kairo

    Report: Schrubben und Fegen auf dem Tahrir-Platz

    Am Tag danach feiern viele Menschen auf dem Tahrir-Platz in Kairo immer noch. Sie singen und trommeln, wie sie es seit Freitagnachmittag tun, als Vizepräsident Omar Suleiman die Erklärung über den Rücktritt von Präsident Husni Mubarak im Fernsehen verlas.

    Abrüstung
    Ägypter sammeln Steine auf dem Tahrir-Platz ein.

    Andere stehen stumm vor einer Gedenkstätte für die rund 300 Toten der Demokratiebewegung. Auf einer großen Plastikfolie, die auf dem Boden ausgebreitet sind, stehen ihre Namen.

    Junge Männer und Frauen mit Gummihandschuhen und schwarzen Müllsäcken schwärmen aus, um den Abfall der dramatischen letzten 18 Tage aufzulesen. Ihr Humor ist auch dabei allgegenwärtig. «Eine kleine Spende für die Familie Mubarak!», ruft ein junger Mann und hält seinen offenen Müllsack den auf dem Platz flanierenden Passanten entgegen. Andere schrubben und fegen den Boden und wirbeln dabei enorme Mengen Staub auf. Sie haben sich Papierblätter an die Brust geheftet, auf denen auf arabisch und englisch steht: «Entschuldigen Sie die Störung! Aber wir bauen ein neues Ägypten auf.»

    Der Medizinstudent Adam Haithem campiert seit dem 28. Januar auf dem Tahrir-Platz. Er bückt sich, um weggeworfene Plastikflaschen und anderen Unrat in seinen Müllsack zu stecken. Der Aufruf zum Saubermachen sei am Morgen über die Internet-Plattform Facebook verbreitet worden. Haithem ist guter Dinge. «Wir haben im Präsidentenpalast aufgeräumt, jetzt räumen wir das Land auf», frohlockt der hochgeschossene junge Mann mit dem dünnen Schnurrbart. Mubarak ist weg - und wer auch immer an seiner Stelle regieren wird: «Er muss das Volk um Erlaubnis fragen».

    Deshalb will Haitham sein Zelt auf dem Platz noch nicht abbrechen. «Ich bleibe, bis unsere Forderungen erfüllt sind.» Es sind die politischen Anliegen, die die Demokratiebewegung schon vor Tagen formuliert hat: Aufhebung des seit 30 Jahren geltenden Ausnahmezustands, Festsetzung eines Termins für die Neuwahl des Parlaments und Bildung einer mehrheitlich zivilen Übergangsregierung.

    Ähnlich sieht es der 23-jährige Hilfskellner Islam Mahmud. Neben seiner schmutzig gewordenen Decke, die ihm seit zwei Wochen als Schlafplatz dient, hat er ein Stück Papier ausgebreitet, auf das er mit dickem Filzstift geschrieben hat: «Ich bin seit dem 28. Januar hier. Gestern abend ging ich nach Hause, um mich zu duschen. Seitdem bin ich wieder da.» Persönliche Stellungnahmen wie diese sind typisch geworden für die Protestbewegung. Die Menschen haben schnell begriffen, dass sie hier ihre individuellen Bedürfnisse und Stimmungen völlig frei ausdrücken können.

    Mahmud will gleichfalls ausharren, bis die Forderungen der Bewegung erfüllt sind. Dies seien ohnehin nur minimale Wünsche, meint er. «Denn wir fragen auch: Wo ist das Geld?». Der Mubarak-Clan und seine Privilegienritter sollen viele Milliarden Euro unterschlagen und weggeschafft haben. Mahmud will das nicht hinnehmen: «Das Geld muss zurückgegeben wird, damit die Armut bekämpft werden kann. Mubarak und sein Regime müssen vor Gericht gestellt werden.»

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