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    Gaza/Ramallah

    Report: Palästinenser feiern Heimkehrer als Helden

    Rot, gelb, grün und schwarz: Zehntausende feiernde Palästinenser haben den Al-Katiba-Park in Gaza in ein Meer aus Flaggen verwandelt. Sie schwenkten euphorisch Fahnen aller palästinensischen Fraktionen, obwohl das Grün der im Gazastreifen herrschenden Hamas klar überwog.

    Frenetischer Empfang
    Ein Ex-Häftling wird frenetisch empfangen.
    Foto: Abed Al Hashlamoun - DPA

    Immerhin ist es die radikalislamische Organisation, die in ihren Augen mehr als tausend Palästinensern zur Freiheit verholfen hat. Im Gegenzug musste Hamas nur einen Israeli freilassen, den 2006 entführten Soldaten Gilad Schalit.

    Mehr als 100 000 Menschen drängten sich in Gaza um eine riesige Bühne, die zur Begrüßung der etwa 300 Häftlinge in dem Park aufgebaut worden war. «Allahhu akbar!», Gott ist groß, rief die Menge begeistert, als die Heimkehrer auf die Bühne traten. Mehrere Palästinenser feuerten Freudenschüsse in die Luft. 477 Palästinenser hat Israel freigelassen, in zwei Monaten sollen weitere 550 folgen.

    Eine der Angehörigen, die die Heimkehrer nach ihrer Ankunft im Gazastreifen jubelnd begrüßten, ist die Frau von Omar Al-Ghul. Seit 1987 saß das Mitglied des militärischen Flügels der Hamas im israelischen Gefängnis. Er war wegen tödlicher Anschläge auf Israelis zu viermal lebenslanger Haft verurteilt worden. Sein Sohn, ebenfalls Hamas-Mitglied, sitzt weiter in israelischer Haft.

    «Ich bin glücklich über die Freilassung meines Mannes und seiner Mithäftlinge, aber auch traurig, weil mein Sohn Mahmud weiter inhaftiert ist», sagte Umm Ibrahim. «Seit dem Tag der Entführung von Schalit haben wir mit diesem Tauschhandel gerechnet», sagte die Frau, die ein Kopftuch und ein braunes Kleid mit langen Ärmeln trägt. «Aber ich hätte nie gedacht, dass es so schnell gehen würde.» Als Kopfschmuck hat sie ein grünes Hamas-Tuch mit weißer Aufschrift umgebunden. Ein weiterer Sohn, auch Hamas-Mitglied, sei während des Gaza-Kriegs Anfang 2009 getötet worden, erzählt sie.

    Der spektakuläre Gefangenenaustausch hat der Hamas auch im Westjordanland, wo die rivalisierende, gemäßigte Fatah herrscht, zu neuer Popularität verholfen. Zum ersten Mal seit dem Bruch zwischen den beiden größten Palästinenserorganisationen vor vier Jahren schwenkten viele Menschen wieder offen Hamas-Flaggen in den Straßen von Ramallah. Auch an vielen Häusern und Autos flatterten die grünen Fahnen. Vertreter der strengreligiösen Gruppierung konnten erstmals seit Jahren wieder frei auf einer öffentlichen Bühne sprechen.

    Für Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und dessen Fatah-Organisation ist die Hamas die größte innenpolitische Rivalin. Deshalb war Abbas sichtlich bemüht, sich auch etwas in dem Erfolg zu sonnen. Er empfing Häftlinge nach ihrer Heimkehr ins Westjordanland in seinem Amtssitz in Ramallah und küsste sie überschwänglich. In einem sehr ungewöhnlichen Auftritt sprach er gemeinsam mit dem Hamas-Führer Hassan Jussef auf einer Bühne. «Der Tauschhandel gibt uns die Hoffnung, dass noch mehr Palästinenser befreit werden können», rief Jussef der jubelnden Menge zu. Hamas hat angekündigt, man wolle noch weitere Israelis entführen.

    Bei aller Freude der Palästinenser über den Tauschhandel ist es für viele ein Wermutstropfen, dass rund 40 Freigelassene nicht in die Palästinensergebiete zurückkehren dürfen. Sie sollen über Ägypten in Drittländer abgeschoben werden. Die Türkei, Katar und Syrien haben sich bereiterklärt, sie aufzunehmen. Der Exilchef der Hamas, Chalid Maschaal, will die Freigelassenen persönlich auf dem Flug nach Syrien begleiten.

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