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    Münster

    Report: Kanzlerkandidat Steinbrück ganz cool

    So wenig Aufmerksamkeit ist die beliebte nordrhein-westfälische Landesmutti gar nicht gewohnt. Fast unbemerkt bahnt sich die verschnupfte Hannelore Kraft den Weg zu den vorderen Stuhlreihen. «Wenn Sie mich freundlicherweise einmal durchlassen würden?»

    An aufgeregten Reportern drückt sie sich vorbei ins grelle Blitzlicht. Da steht am Samstag meist nur einer - ein ziemlich cooler Peer Steinbrück. Ein Küsschen zur Begrüßung, dann setzt sich der designierte Kanzlerkandidat der SPD unbeeindruckt auf den Stuhl mit seinem Namenszettel, während ihm die Tonangeln der Reporter fast im Gesicht hängen. Auf ihn wartet eine Wohlfühlveranstaltung.

    Blitzeilig musste die nordrhein-westfälische SPD noch einmal vieles umwerfen am Tag vor ihrem zuvor eher unspektakulär anmutenden Landesparteitag in Münster. Platz musste her für eine Rede von Steinbrück - seiner ersten als ausgerufener Kanzlerkandidat der Partei. Und für über 50 zusätzliche Journalisten, die sich nach dem Bekanntwerden der Personalie am Freitag spontan ankündigten.

    In NRW ist der frühere Ministerpräsident Steinbrück zu Hause - hier hat er aber auch viele Kritiker. Die scheinen sich einen Tag nach der unerwarteten Verkündung seiner Kandidatur in Luft aufgelöst zu haben. Die Sozialdemokraten haben längst in den Schmusemodus umgeschaltet, loben die finanzpolitische Kompetenz Steinbrücks und sein keckes Auftreten. «Er war mein Lieblingskandidat, ich habe gehofft, dass er es wird», sagt Susanne Maaß, Ortsvorsitzende der SPD in Reichshof im Oberbergischen Kreis. Und: «Man darf auch Ecken haben.»

    Man muss schon genau hinhören, um im wohligen Harmoniestrudel des NRW-Parteitags kritische Töne einzufangen. «Gibt's da was umsonst?», kommentiert eine Delegierte hinter vorgehaltener Hand die Menschentraube, von der Steinbrück umgeben ist. «Schreiben Sie jetzt nicht, dass ich ihn nicht mag!» bittet ein Genosse, nachdem er den neuen Spitzenmann nur zögerlich gelobt hat.

    Nur aus einigen Mündern klingt die Euphorie gedämpft. «Ich glaube, dass er viel Aufmerksamkeit bekommen wird, und das wird unserer Partei nicht schaden», sagt Veith Lemmen, Landeschef der Jusos. «Ich bin froh, dass die K-Frage geklärt ist» oder «Ich habe nichts dagegen» lassen andere Delegierte verlauten. SPD-Fraktionsvize Axel Schäfer macht kein Geheimnis daraus, dass er jemand anderen lieber gehabt hätte: «Ich bedaure, dass Frank-Walter Steinmeier nicht zur Verfügung steht. Er hat drei Jahre lang als Fraktionsvorsitzender hervorragende Arbeit geleistet.»

    Am Rednerpult stimmt auch Peer Steinbrück in den Wohlfühlchor mit ein. Es sei ihm eine ehrliche Freude, so viele bekannte Gesichter zu sehen, sagt der Hanseat mit ernster Miene. «Die Unterstützung aus dem Landesverband hat mich immer getragen - manchmal habt ihr mich auch ertragen», sagt der 65-Jährige. Etwas erleichtert wirkt er. Seine Stirn glänzt im Scheinwerferlicht.

    Siegessicher, selbstironisch und vor allem sichtlich entspannt präsentiert sich Steinbrück in der nächsten halben Stunde seinen Zuhörern. Witz und Leichtigkeit will er mit in den Wahlkampf nehmen. «Ob ich mir Bilder wie die Kavallerie ausdenke, weiß ich noch nicht so genau», sagt er mit einem Augenzwinkern über den Umgang mit der Steuerpolitik der Schweiz. «Manchmal habe ich den Eindruck, man hätte nicht nur über sie reden sollen, sondern man hätte sie auch satteln sollen.» Der Kanzlerkandidat ist voll in seinem Element.

    Nur einmal kitzelt der kantige Kanzleramts-Anwärter etwas Empörung aus den Genossen heraus: «Ihr müsst dem Kandidaten an der ein oder anderen Stelle auch etwas Beinfreiheit einräumen», sagt er da. Und wirft gleich hinterher: «Ihr müsst keine Befürchtungen haben, meine Beinfreiheit ist ungefähr 1,80.» Das Raunen im Saal wandelt sich zügig in Applaus.

    Am Ende gibt es Standing Ovations für den angriffslustigen Hoffnungsträger der Sozialdemokraten. Nach Krafts Wiederwahl als Landeschefin und einer Tasse Kaffee macht sich der künftige Kanzlerkandidat am Mittag aus dem Staub. Er hat seinen Auftritt gehabt - und Kraft das Rampenlicht wieder für sich.

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