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    Berlin

    Das Schweigen: Juristisch hui, moralisch pfui

    Die Meinungen im Internet und auf Plakaten am Unglücksort sind eindeutig: «Sauerland trete zurück! Du hast als OB versagt», steht auf einem Schild am Aufgang zum Loveparade-Gelände in Duisburg.

    «Führt diesen Mann endlich in Handschellen aus dem Rathaus», heißt es in einem Kommentar beim Nachrichtenportal «DerWesten». Wütend macht viele Menschen nach dem Unglück in Duisburg vor allem, dass Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) und andere Verantwortliche kaum Genaues zum Hergang sagen - und dass sie sich nicht entschuldigen.

    Juristisch allerdings ist es aus Expertensicht das einzig mögliche Verhalten. Hintergrund seien versicherungsrechtliche und strafrechtliche Aspekte, erläuterte Ekkehart Schäfer, Vizepräsident der Bundesrechtsanwaltskammer in Berlin. Insbesondere gegenüber möglicherweise Geschädigten sei Zurückhaltung bei Statements geboten. «Weil jede dieser Erklärungen natürlich auch ausgelegt werden kann wie "Ich erkenne einen Anspruch an" oder Ähnliches.»

    Traumatherapeutin Sybille Jatzko aus Krickenbach in Rheinland- Pfalz hält dieses Verhalten für fatal. «Für die Betroffenen ist das natürlich ein Schlag ins Gesicht», sagte sie. «Die Hinterbliebenen, die nun ihren eigenen Fantasien ausgesetzt sind, die jetzt im Moment überhaupt nicht wissen, aus was für einem Grund ihre Kinder umgekommen sind, die entwickeln natürlich enorme Wut und Ärger.» Zu erfahren, was genau passiert ist, sei von enormer Bedeutung für die Angehörigen. «Wir wissen aus der Erfahrung von anderen Unglücken, das die eigenen Fantasien schlimmer sind, viel viel schlimmer als das, was wirklich passiert ist.»

    Schlimm sei das Verhalten der Verantwortlichen aber nicht nur für die Hinterbliebenen, sondern auch für die Überlebenden. «Sie bekommen genau das nicht, was so wichtig ist, Würdigung für das, was ihnen passiert ist.» Stattdessen würden sie mit Aussagen konfrontiert, das Geschehen gehe auf das Fehlverhalten Einzelner zurück, die «einfach so» über andere hinweggelaufen seien. «Das löst tiefe Schuldgefühle aus gerade bei so jungen Menschen, die ihr eigenes Verhalten in dieser Situation gar nicht verstehen können.»

    Schäfer gab zu bedenken, dass bereits mehrere strafrechtliche Ermittlungsverfahren gegen die Verantwortlichen liefen. «Strafverteidiger raten ihren Mandanten immer zuerst: Mund halten, nichts sagen und abwarten, was der Vorwurf ist.» Das erkläre etwa das Schweigen von Duisburgs Oberbürgermeister. «Alles, was er jetzt sagt - das ist so, wie man das aus dem Kino kennt - kann sozusagen gegen ihn verwendet werden», betonte der Rechtsexperte.

    Jeder, der von einem strafrechtlichen Ermittlungsverfahren betroffen sein könnte, halte sich derzeit zurück. «Das würde jeder so machen in so einer Situation», sagte Schäfer. «Dass das für die öffentliche Meinung nicht gut ist oder dass man sich dadurch möglicherweise selbst schon vorverurteilt, dieser Eindruck mag entstehen. Aber es ist in einer strafrechtlichen Auseinandersetzung das Vernünftigste, was man machen kann.»

    Aus moralischer Sicht aber sei das Verhalten bedenklich, hielt Jatzko entgegen. «Für Menschen ist eine familiäre Katastrophe entstanden und das braucht Würdigung.» Abhilfe schaffen, zumindest was das fehlende Wissen um die tatsächlichen Geschehnisse angeht, könnten Nachsorgegruppen, in denen sich Hinterbliebene und Opfer austauschen. Solche Gruppen vermittelten zudem das wichtige Gefühl, nicht allein zu sein, Halt zu finden. «Zu vermitteln: Ich bin normal, andere haben diese Reaktionen und Probleme auch.»

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