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    Washington

    Analyse: USA schauen hilflos nach Kairo

    Schmerzliche Erkenntnis in Washington: Die Zeiten, in denen die USA von ihren Verbündeten Gefolgschaft erzwingen konnten, scheinen endgültig vorbei zu sein.

    Obama
    Obama fordert "Klarheit" über den Weg der Führung in Kairo.

    Jahrzehntelang haben die USA Milliarden und Abermilliarden nach Ägypten gepumpt - doch jetzt erweist sich, dass die Supermacht ohne Einfluss ist. Der 82-jährige Staatschef Husni Mubarak zeigt sich taub gegenüber den Rufen seines eigenen Volks und der USA. Washington ist ratlos. Was tun?

    Statt effektiven Einfluss auf den Verbündeten auszuüben und die Ereignisse mit zu gestalten, wirkt Präsident Barack Obama mittlerweile wie ein Außenstehender, der die Entwicklung staunend verfolgt.

    Immerhin, in der Anfangsphase der Krise hatte Obama noch direkten Kontakt zu Mubarak. Mindestens zweimal soll er mit ihm telefoniert haben. Dann setzte das Schweigen ein. Auch Verteidigungsminister Robert Gates und Generalstabschef Mike Mullen sollen das letzte Mal vor einer Woche mit ihren ägyptischen Kollegen gesprochen haben.

    In der schwersten außenpolitischen Krise seit Jahren ohne echte Gesprächskanäle und Ansprechpartner - ein schwaches Bild für die Washingtoner Diplomatie. «Im Weißen Haus weicht die Frustration einem Gefühl der Machtlosigkeit», meint das «Wall Street Journal».

    Einen Schritt weiter geht Steven Clemons, Gründer des Instituts American Strategy Program at the New America Foundation: «Der Nimbus des Status der amerikanischen Supermacht ist zerschlagen.»

    Das Dilemma: Von Anfang an hatten die USA keine klare Strategie im Krisenmanagement. Die Angst, dass nach Mubarak im größten arabischen Land die Muslimbruderschaft zur bestimmenden Kraft werden könnte, wirkte lähmend. Zudem grassiert die Furcht vor einem Flächenbrand im gesamten Nahen Osten.

    Statt klarer Worte entschloss sich Obama zum Balanceakt: Einerseits forderte er einen raschen Übergang zu Demokratie und Freiheit, andererseits mied er das entscheidende Wort Rücktritt. Barack Obama, der Friedensnobelpreisträger - Mann des Volkes oder Realpolitiker? So genau weiß man das nicht.

    Selbst am verrückten Donnerstag, als alle Welt davon ausging, dass Mubarak das Handtuch wirft, kam Obama das Wort Rücktritt nicht über die Lippen. Die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo fanden das gar nicht gut. «Das ist für den Präsidenten eine Chance, klarzumachen, dass die Vereinigten Staaten Reformen unterstützen», meint Nicolas Burns, ehemaliger Top-Diplomat. Bislang hat Obama die Chance nicht ergriffen.

    Hunderte Milliarden Dollar und unzählige Leben im Kampf für Demokratie in Afghanistan und Irak hätten die USA in den letzten Jahrzehnten investiert, meint Mubarak-Gegenspieler Mohammed El Baradei in einem Beitrag der «New York Times». Wenn die USA jetzt in Kairo «aus taktischen Gründen weiter das alte Regime stützen, das das Vertrauen des eigenen Volkes verloren hat, wäre das absurd».

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