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    Paris

    Analyse: Mutig oder verantwortungslos?

    Schließbefehle für Botschaften und Auslandsschulen, Polizeischutz für Journalisten und überaus hektische Beschwichtigungsversuche: Die Veröffentlichung provozierender Mohammed-Karikaturen in Frankreich schürt die Angst vor neuen anti- westlichen Protestaktionen radikaler Islamisten.

    Stephane Charbonnier
    Die Zeichnungen seien nicht provozierender als gewöhnlich, so der verantwortliche Redakteur Stephane Charbonnier.
    Foto: Olivier Corsan - DPA

    Länderübergreifend tobt nun eine Diskussion über die Rechtmäßigkeit der Publizierung. War sie mutig oder verantwortungslos?, lautet die alles entscheidende Frage.

    Die Argumente der beiden Lager sind klar. Kritiker verweisen auf die gewaltsamen Proteste gegen das Mohammed-Schmähvideo aus den USA und werfen dem Satireblatt vor, den Zorn der Fundamentalisten völlig unnötig anzustacheln. «Charlie Hebdo» gieße neues Öl ins Feuer, kritisierten französische Politiker wie Außenminister Laurent Fabius. Er ordnete besonderen Schutz für französische Einrichtungen in rund 20 Ländern an.

    Muslimische Organisationen in Frankreich wettern in Anspielung auf frühere Veröffentlichungen von «Charlie Hebdo» gegen eine weitere islamfeindliche Entgleisung. Schätzungsweise 3,5 Millionen Menschen gehören in Frankreich der muslimischen Glaubensgemeinschaft an. So viele wie sonst nirgends in der EU.

    Das gegnerische Lager ist in seiner Argumentation nicht weniger forsch. Die Kritik an der Redaktion des Blattes sei ein übler Angriff auf die Pressefreiheit. Es wäre eine Schande, wenn sich die westliche Welt von den Gewalttaten einschüchtern ließe, heißt es. Auch der Papst oder Jesus würden immer wieder auf die Schippe genommen.

    Die Redaktion druckte direkt neben den Karikaturen eine bissige Rechtfertigung. «Malst Du einen glorreichen Mohammed, stirbst Du, zeichnest Du ihn lustig, stirbst Du. (...) Mit diesen Faschisten gibt es nichts zu verhandeln», kommentiert der verantwortliche Redakteur Stéphane Charbonnier alias Charb. Das Gesetz gebe die Freiheit, sich ohne Rückhalt zu amüsieren und die systematische Gewalt der Islamisten gebe sie auch.

    In Interviews sprach Charb von völlig normalem Karikaturen und forderte die Regierung auf, Rückgrat zu zeigen. Premierminister Jean-Marc Ayrault hatte zuvor das Recht auf Meinungsfreiheit und Karikaturen betont, gleichzeitig aber an die Verantwortung der Medien appelliert.

    Für die französische Regierung kommt die Veröffentlichung zu einem denkbar ungelegenen Zeitpunkt. Sie hatte gerade erst entschieden, eine für Samstag geplante Demonstration gegen den Mohammed-Schmähfilm aus den USA zu verbieten - unter Berufung darauf, dass der Film im Ausland produziert worden sei. Bei den zu erwartenden Protesten gegen die in Frankreich veröffentlichten Karikaturen dürfte dieses Argument nicht mehr ziehen.

    Uneingeschränkt freuen werden sich wohl nur die Buchhalter des immer mal wieder kriselnden Wochenblattes «Charlie Hebdo». Sie haben von der aktuellen «Mohammed-Ausgabe» eine Auflage von 150 000 Exemplaren einplant, während sie in normalen Wochen gerade einmal 75 000 Exemplare drucken lässt.

    Klagen gegen die Veröffentlichung kann es relativ gelassen entgegenblicken. Bereits nach der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen im Jahr 2006 hatte es von einem Gericht Rückendeckung bekommen. Es sah darin keinen Angriff auf Muslime, sondern klar auf eine kleine Minderheit, die Terroristen. Die reagierten im November des vergangenen Jahres auf ihre eigene Art und Weise. Damals gab es nach einem «Scharia»-Sonderheft einen Brandanschlag auf die Redaktionsräume.

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