40.000
  • Startseite
  • » Brennpunkt
  • » Analyse: Gewalt statt «Liebe für den Propheten»
  • Aus unserem Archiv
    Neu Delhi

    Analyse: Gewalt statt «Liebe für den Propheten»

    Von Bigotterie sprach Pakistans Premierminister im Zusammenhang mit dem islamfeindlichen Schmähvideo aus den USA: Es gehe nicht um Meinungsfreiheit, sagte Raja Pervez Ashraf, sondern um Hass, der durch den Streifen geschürt werde.

    'Mein Leben für Mohammed'
    "Mein Leben für Mohammed", verkündet das Stirnband einer Demonstrantin im pakistanischen Lahore.
    Foto: Rahat Dar - DPA

    Scheinheiligkeit ist allerdings ein Vorwurf, der auch gegen Ashrafs Regierung erhoben werden könnte. Sie hatte den Freitag zum «Tag des Ausdrucks der Liebe für den Propheten» und zum Feiertag erklärt - nachdem Islamisten für denselben Tag zu Protesten aufgerufen hatten. Dass solche Proteste in Pakistan nicht von Liebe, sondern in aller Regel von Gewalt dominiert werden, ist im Land jedem bekannt.

    Zwar rief die Regierung zur Gewaltfreiheit auf, doch sie ahnte wohl schon, was drohte: Vorsorglich sperrte die Polizei nach dem Freitagsgebet alle Einfallstraßen in die Hauptstadt Islamabad. Gewalt verhinderte dies nicht. Landesweit protestierten Zehntausende Menschen. In Islamabad, Karachi und Lahore versuchten Aufrührer, die Botschaft oder die Konsulate der USA zu stürmen. Auch aus anderen Orten wurden Zusammenstöße gemeldet.

    Während es in der restlichen muslimischen Welt am Freitag relativ friedlich blieb, starben in Pakistan zahlreiche Menschen, Dutzende weitere wurden verletzt. Molotow-Cocktails und Steine flogen, die Polizei reagierte mit Tränengas und schließlich auch mit scharfen Schüssen. Paramilitärische Truppen mussten die überforderten Polizisten unterstützen. Dennoch brannten Kinos, Restaurants und Banken. Wieder gingen jene Bilder eines hasserfüllten Mobs um die Welt, die seit Jahren das Image Pakistans prägen.

    Die US-Regierung hatte zuvor noch versucht gegenzusteuern. In einem ungewöhnlichen Schritt kaufte sie für umgerechnet mehr als 50 000 Euro Sendezeit auf pakistanischen Fernsehkanälen, um einen kurzen und in der Landessprache Urdu untertitelten Spot ausstrahlen zu lassen. US-Präsident Barack Obama spricht dort über die Toleranz Amerikas für alle Religionen. Und Außenministerin Hillary Clinton betont, «dass die US-Regierung absolut nichts mit diesem Video zu tun hatte. Wir lehnen seinen Inhalt und seine Botschaft völlig ab.»

    Dennoch bestellte das Außenministerium in Islamabad am Freitag den amtierenden US-Botschafter Richard Hoagland ein, um ein weiteres Mal ihren offiziellen Protest zu verkünden. Dabei dürfte es sich um einen ähnlich populistischen Schachzug handeln wie bei der Ausrufung des Feiertages, mit der die Regierung den immer mächtigeren Fundamentalisten entgegenkam. Und sie schürt mit solchen Schritten den verbreiteten Amerika-Hass in Pakistan.

    Pakistans prominentester islamistischer Politiker Fazl-ur-Rahman meint, das Schmähvideos bekräftige den Eindruck, «dass es sich beim Krieg gegen den Terrorismus tatsächlich um einen Krieg gegen den Islam und die muslimische Welt handelt». Der liberale Analyst und Sicherheitsexperte Hasan Askari Rizvi hält die anti-amerikanischen Gefühle in seinem Land für «so stark wie nie zuvor». Rizvi sagt: «Der islamistische politische Diskurs, bei dem die USA die Wurzel allen Übels sind, ist der dominante Diskurs in Pakistan.»

    Entgegenkommen dürfte der von der Volkspartei PPP geführten Regierung, dass der Streit um das Video von ihrem eigenen Versagen ablenkt. Nach mehr als vier Jahren PPP-Herrschaft ist die Atommacht in einem beklagenswerten Zustand. Militante Extremisten gefährden die innere Sicherheit, selbst das mächtige Militär hält sie inzwischen für eine größere Bedrohung als den Erzfeind Indien. Die Wirtschaft steht vor dem Kollaps. Selbst in Großstädten wie Lahore gibt es nur noch wenige Stunden Strom am Tag, an Gas mangelt es ebenso.

    Manch besonnener Pakistaner scheint denn auch zu denken, das es Dringlicheres zu tun gäbe, als wegen eines islamfeindlichen Amateurvideos einen offiziellen Protest-Feiertag auszurufen. Der Pakistan-Direktor der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, Ali Dayan Hasan, schrieb am Freitag in einer Twitter-Nachricht: «Verzeihen Sie mir mein begrenztes Verständnis, aber führt das Abschalten der pakistanischen Wirtschaft für einen Tag dazu, dass diese abscheulichen Filmemacher in der Hölle schmoren werden?»

    Transkript State Department zu Video

    Al-Jazeera-Bericht mit Ausschnitten des Videos

    Twitter-Feed von Ali Dayan Hasan

    Brennpunkt
    Meistgelesene Artikel