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    Berlin

    Analyse: «Das Internet wird überschätzt»

    Erst blockierten die Machthaber in Tunesien Facebook und Twitter, dann ging ganz Ägypten zeitweilig offline: Die Autokraten im Nahen Osten, so scheint es, haben Angst vor der unzensierten Stimme des Volkes im Internet.

    Protest gegen Zensur
    Protest gegen die Internet-Zensur in Ägypten. Quelle: Richard Gutjahr, http://gutjahr.biz/blog/

    Ist das Netz ein Revolte-Instrument, erleben wir gar eine «Twitter-Revolution», wie Technologie-Enthusiasten jubeln? Bei vielen Beobachtern ist die Euphorie über die Rolle der neuen Medien, die 2009 nach den Protesten im Iran aufgekommen war, längst abgeklungen.

    Zusammengefasst lautet die Position der Kritiker: Das Internet ist für die Demonstranten ein hilfreiches Instrument. Keine Revolution ohne Kommunikation, ohne Aufrufe zum Protest, ohne Bilder oder Videos von prügelnden Polizisten. Doch einen Aufstand können Twitter und Facebook alleine nicht auslösen. «Das Internet wird überschätzt», sagt Evgeny Morozov von der Stanford-Universität in den USA. Der Politikwissenschaftler prägte noch 2009 den Begriff «Twitter-Revolution» - heute will er davon nichts mehr wissen.

    Klar, Twitter und Facebook sind immer dabei. «In kaum einem Land der Welt wird es in Zukunft noch Proteste ohne den Einsatz sozialer Medien geben», schreibt Harald Staun in der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung». Das sei aber angesichts des Medienwandels eine Selbstverständlichkeit. So verwundert es auch nicht, dass undemokratische Regime das Netz zensieren - oder gleich abschalten.

    Gerade Twitter sei aber überschätzt worden, meint Autor Andrian Kreye in der «Süddeutschen Zeitung»: Als die Demonstranten im Sommer 2009 gegen das Mullah-Regmie auf die Straße gingen, sei nur ein Bruchteil der Iraner bei dem Kurzmeldungsdienst registriert gewesen. Das «globale Supermedium» sei weiterhin das Fernsehen - es vermittle neue Werte und neues Bewusstsein nachhaltiger als jedes andere Medium. Für viele Ägypter dürfte der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira die wichtigste Quelle sein.

    Ein Motor für den Umsturz seien die Sozialen Medien ohnehin nicht, schreibt «Spiegel»-Reporter Mathieu von Rohr - stellvertretend für viele: «Nicht das Netz, nicht das Handy und nicht das Satellitenfernsehen heizten den Volkszorn an. Es waren die Verhältnisse, die die Menschen auf die Straße trieben.»

    Und für Motivation sorgten nicht Tweets und Statusmeldungen, meint der Politikwissenschaftler Evgeny Morozov: «Regierungen werden nicht durch Twitter gestürzt.»

    Zumindest können die Sozialen Medien für einen «tipping point» sorgen: einen Punkt, an dem die Entwicklung umkippt. Das eigene Verhalten hänge stark davon ab, was Freunde, Verwandte und Kollegen tun. Oft wisse man aber nicht, was diese «peer group» denke, argumentiert Andrew Wood von der Harvard-Universität in Boston. Hier kommt Facebook ins Spiel: Die Plattform enthülle, was die Peers denken - und gebe so vielleicht den entscheidenden Schub.

    In Ägypten hat das womöglich eine Rolle gespielt. Denn in dem nordafrikanischen Land gibt es nur wenig Freiraum für offene Diskussionen, die Universitäten sind bisher durch Leute der Staatssicherheit unterwandert. Im Internet sind die Gedanken frei.

    «In einer Welt wie dem arabischen Raum, wo es so wenig Freiräume gibt, sind Freiräume im virtuellen Raum überlebenswichtig», sagt Asiem El Difraoui von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Er betont, dass das Zusammenspiel der verschiedenen Medien wichtig sei: Facebook plus Handy plus Al-Dschasira. So sendet die TV-Station Videos, die die Demonstranten mit der Handy-Kamera gedreht haben.

    Das Agieren im Netz birgt aber auch Risiken. Denn Regime können die Online-Plattformen nutzen, um zurückzuschlagen. Was, wenn die Geheimpolizei die Aktivisten identifiziert und sie verfolgt? In Tunesien hat das Regime offenbar versucht, die Passwörter der Facebook-Nutzer zu stehlen. Das Unternehmen stoppte die Aktion rechtzeitig mit einer zusätzlichen Sicherheitsabfrage.

    Evgeny Morozov jedenfalls stellt fest: Die Menschen müssten weiter auf die Straße gehen und Konflikte mit der Polizei oder Armee riskieren, virtueller Protest reiche nicht. Ohne klassische soziale Bewegungen, beispielsweise Nicht-Regierungsorganisationen oder Parteien, werde ein Umsturz kaum gelingen. Immerhin gesteht er zu: «Für viele solcher Organisationen ist das Internet mit seiner Fähigkeit, Millionen von Menschen zu erreichen und anzusprechen, ein Geschenk des Himmels.»

    FAS-Artikel von Harald Staun

    Spiegel-Artikel von Mathieu von Rohr

    SZ-Artikel von Andrian Kreye

    Andrew Wood in der New York Times

    Evgeny Morozov im "Freitag"

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