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    Frankfurt/Main

    Analyse: Atomkonzerne rechnen scharf nach

    Die Stromkonzerne sind immer noch nicht zufrieden: Zwar dürfen sie nach dem Willen der Bundesregierung ihre Atomreaktoren länger laufen lassen. Ob sie es in jedem Fall auch tun werden, steht aber noch in den Sternen.

    Der Energieversorger EnBW etwa nimmt seinen Meiler Neckarwestheim I genauer unter die Lupe. Auch die anderen Betreiber werden bald mit spitzem Bleistift rechnen. Bei zu hohen Kosten lohnt sich der Betrieb einzelner Anlagen aus ihrer Sicht nicht mehr. Dann wäre es eventuell lukrativer, die Reststrommengen auf andere Anlagen zu übertragen.

    Nach den Plänen der Regierung sollen von den 17 noch in Deutschland laufenden Atomkraftwerken die sieben bis 1980 ans Netz gegangenen Meiler nun acht Jahre länger laufen dürfen. Die jüngeren Meiler sollen sogar 14 weitere Jahre genutzt werden können. Für eine höhere Sicherheit müssen die Anlagen nachgerüstet werden.

    Wie umfangreich dies ausfällt, ist noch unklar. Das Bundesumweltministerium hatte ursprünglich von 20 Milliarden Euro gesprochen. Die Atomkonzerne haben sich aber im geheimen Vertrag mit der Regierung Schutzklauseln zusichern lassen. Bei Kosten von mehr als 500 Millionen Euro je Meiler soll der Bund von den Unternehmen weniger Geld für seinen Öko-Energiefonds erhalten. Bis zum 28. September gehen die Verhandlungen mit Stromkonzernen weiter; dann kann genauer gerechnet werden.

    Für manche Anlage soll die Schmerzgrenze schon früher als bei 500 Millionen Euro erreicht sein. So schließt EnBW eine baldige Abschaltung von Neckarwestheim I nicht aus. Das sei durchaus denkbar, sagt EnBW-Chef Hans-Peter Villis. Er rechnet vor: Bei Strompreisen von wie aktuell rund 50 Euro pro Megawattstunde an der Leipziger Strombörse komme er nach Abzug der Erzeugungskosten, geschätzter Nachrüstkosten und der Kernbrennstoffsteuer auf ein negatives Ergebnis. Die Anlage könne zum jetzigen Stand nur Kosten von 120 Millionen Euro insgesamt tragen. Felix Matthes vom Öko-Institut indes sagt, die Kosten könnten zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht ermittelt werden. Den Vorstoß von EnBW hält er für einen Teil des Pokers in der Diskussion um die Nachrüstkosten.

    Klar ist: Je älter, aber auch je kleiner das Kraftwerk, desto weniger lohnt sich das Nachrüsten. «Die kleineren Anlagen sind von der Gewinnabschöpfung in Relation zu den großen stärker betroffen», sagte Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Sie bezieht sich dabei auf die Nennleistung der Kraftwerke. Laut Peter Wirtz, Analyst bei der WestLB, dürfte auch der 1977 ans Netz gegangene Meiler Isar I ein Wackelkandidat sein. Nach seiner Rechnung kann die Anlage nur Nachrüstkosten von 300 Millionen Euro schultern.

    Eon-Chef Johannes Teyssen gibt sich indes zuversichtlich. «Ich erwarte, dass es bei einigen Meilern hart an die Grenzen geht, aber dass alle am Netz bleiben können», sagte er jüngst in Köln am Rande einer Energiekonferenz. Das sei auch gewollt von der Bundesregierung, der im Falle eines frühzeitigen Abschaltens einzelner Anlagen Steuereinnahmen entgingen. Eine «blockscharfe Berechnung» stehe aber noch aus, sagte der Manager.

    Analyst Wirtz meint hingegen, wenn am Ende zwei, drei Anlagen früher vom Netz gingen, dürfte das im Interesse der Bundesregierung sein. «Damit könnte sie sich ein Stück weit von dem Image befreien, sie sei von den Atomkonzerne gekauft worden», sagt er. Andererseits sieht er auch, dass dem Staat bei einem vorzeitigen Aus der Analagen Steuereinnahmen entgingen. «Die Höhe der Nachrüstkosten sollte also im wesentlichen so bemessen sein, dass noch positive Cashflows (Kapitalflüsse) dabei herauskommen», sagte Wirtz.

    Der Stromriese RWE behält sich genauere Berechnungen vor. Man werde abwarten, welche konkreten Anforderungen die Politik an die Nachrüstung stelle, heißt es beim Konzern. Die Meiler Biblis A und B seien im übrigen zwar alt an Kalenderjahren - sie gingen 1974 und 1976 ans Netz - aber technisch neu. 1,4 Milliarden Euro hat der Konzern in den vergangenen Jahren investiert.

    Auch Vattenfall hat hohe Summen in seine Kraftwerke Krümmel und Brunsbüttel gesteckt. Seit 2007 standen sie fast ständig still. Nun sollen sie möglichst schnell wieder ans Netz gehen. Gerüchten über Verkaufsabsichten erteilt Konzernchef Øystein Løseth gerade eine Absage. Auch eine frühere Abschaltung verknüpft mit einer Übertragungsoption sei zurzeit kein Thema - das «Was und in welchem Zeitraum» der Auflagen werde indes geprüft.

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