40.000
  • Startseite
  • » Berliner Büro
  • » Rebecca Harms führt Grüne in Europa-Wahl
  • Aus unserem Archiv
    Dresden

    Rebecca Harms führt Grüne in Europa-Wahl

    Als die 57-jährige Rebecca Harms in Dresden jubelt, freut sich fast die gesamte „alte Garde“ der Grünen mit. Renate Künast und Jürgen Trittin zählen zu den ersten Gratulanten der frisch gewählten Spitzenkandidatin für die Europawahl. Dass Harms ihre junge Herausforderin Ska Keller souverän aussticht, tröstet offenbar auch die Bundespolitiker, die für das miserable Wahlergebnis bei der Bundestagswahl verantwortlich gemacht wurden. Harms ist eine von ihnen. Ihr Sieg ist auch ein bisschen ihrer. Ein Trostpflaster. Nur Reinhard Bütikofer sitzt isoliert auf seinem Platz.

    Foto: dpa

    Von Rena Lehmann

    Die Kampfkandidatur Jung gegen Alt war auch eine Richtungsfrage für die Grünen insgesamt Und sie ging auf seine Initiative zurück. Er habe Harms nicht mehr unterstützen wollen, heißt es. Der frühere Parteichef der Grünen hat sich auch mit seiner schonungslosen Kritik am Bundestagswahlkampf 2013 in seiner Partei nicht nur Freunde gemacht.

    „Ich habe noch nie so lange über eine Kandidatur nachgedacht“, sagte Harms dann in einer leidenschaftlichen, teils wütenden Rede. Aus einer von Bütikofer initiierten Online-Abstimmung über die Spitzenkandidatur der europäischen Grünen war die 32-jährige Europaabgeordnete Ska Keller aus Brandenburg überraschend klar als Siegerin hervorgegangen – sie entschied sich daraufhin, auch in Deutschland für den ersten Listenplatz zu kandidieren. Gegen Harms.

    Das neue junge Gesicht Keller hatte angesichts der Personalrochade nach der Bundestagswahl durchaus seinen Reiz. Auch in Partei und Bundestag war schließlich der Generationenwechsel vollzogen worden. Warum nicht auch neue Gesichter für Europa an die Spitze?

    Doch das Duell der beiden Frauen verlief dann doch klarer pro Harms als kurz vor dem Parteitag noch erwartet worden war. Auf den Fluren des Messegeländes sortierte sich das Stimmungsbild nach und nach gegen Keller – und in der Folge auch gegen Bütikofer.

    Auf der Suche nach dem Kurs

    Doch Harms Wahl auf Platz eins ist nicht allein als Abfuhr gegen die beiden Rebellen zu verstehen. Die Grünen, die nach der Bundestagwahl noch immer auf der Suche ist nach ihrem Kurs sind, tut eine klare Selbstverortung gut, doch sie muss offenbar nicht unbedingt neu sein. Harms kann liefern, was der jungen Ska Keller noch fehlt. Sie ist dem Gründungsmythos der Grünen tief verbunden. Sie kommt aus der Anti-AKW-Bewegung, hat jahrelang in Gorleben gegen Castortranporte protestiert. Sie ist eine Ur-Grüne der Generation Trittin und Roth. Sie präsentiert sich in Dresden aber auch als beschlagene und erfahren Europa-Politikerin. Sie spricht emotional über Europa. Sie berichtet von ihrem Besuch bei Menschen in der Ukraine, die „Europa in seiner ganzen Unperfektheit“ wollten, „weil sie Freiheit wollen“. „Es muss uns etwas wert sein, dass dieses größte Nachbarland im Osten nicht im Bürgerkrieg versinkt“, ruft sie. Sportler in Sotschi müssten alle „ein bisschen mehr Klitschko sein“. Sie wettert angriffslustig gegen die EU-Klimaziele, die sie einen „Putsch gegen die internationale Klimapolitik“ nennt. Ihre Rede endet mit dem vielsagenden Satz: „Ich bin zwar weit über 30, aber ich will immer noch die Welt verändern.“ Ska Keller gelingt es zwar, die teils schöneren Metaphern zu finden („Wer Europas Sterne funkeln sehen will, muss sich auch trauen, ins Dunkle rauszugehen“). Doch ihre Worte wirken teils stark einstudiert, thematisch bleibt sie blass und weit hinter Harms zurück.

    Inhaltlich haben die Grünen sich bei ihrem Europa-Parteitag wieder stärker ihren Kernthemen Verbraucherschutz und Ökologie verschrieben. Sie wollen für höhere EU-weite Klimaschutzziele eintreten, das Freihandelsabkommen mit den USA wollen sie zwar neu verhandeln, es aber nicht stoppen.

    Es war im Vorfeld abgestimmt, dass Bütikofer nicht für den zweiten Platz kandidiert, sollte Harms das Rennen machen. Platz zwei sichert sich stattdessen der 44-jährige Attac-Mitbegründer und EU-Finanzexperte Sven Giegold. Ska Keller und Reinhard Bütikofer landen auf den Plätzen drei und vier. Bütikofer, der als kluger Stratege gilt und wie kaum ein anderer an der Neuausrichtung der Partei nach Joschka Fischers Rückzug mitgearbeitet hat, ist an diesem Parteitag hart abgestraft worden.

    Siehe dazu den Kommentar: Grüne haben noch nicht auf Attacke umgeschaltet

    Berliner Büro
    Meistgelesene Artikel