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    NSU: Präsident geht auf Opfer zu

    Für gewöhnlich achtet das Protokoll des Präsidialamtes genau auf den Rang des Staatsoberhauptes. Wenn im Bundestag ein besonderer Festakt stattfindet, dann ist für den Bundespräsidenten ein eigener Sessel vor den Reihen der Abgeordneten fällig.

    Bundespräsident Gauck
    Bundespräsident Joachim Gauck
    Foto: dpa

    Von unserem Berliner Korrespondenten Gregor Mayntz

    Wenn es um Kontakte mit Fraktionschefs, Ministern oder gar der Bundeskanzlerin geht, dann machen diese ihm ihre Aufwartung. Nicht umgekehrt. Doch Gauck fügt sich nicht immer in gängige Politikabläufe.

    Am Montag setzte er ein besonderes Zeichen und unterstrich die Bedeutung der Parlamentsdebatte über die Erkenntnisse zur NSU-Mordserie durch einen Besuch im Bundestag, und zwar ohne präsidialen Extrasessel. Mit dem türkischen Botschafter Hüseyin Avni Karslioglu, vor allem aber mit zahlreichen Angehörigen der Mordopfer verfolgte er von der Zuschauertribüne aus, wie sich Bundestagspräsident Norbert Lammert in aller Form bei den Familien entschuldigte und die Politiker sich mitten in der heißen Phase des Wahlkampfes gegen die Bedrohungen der Neonaziszene und eine Verharmlosung durch die Behörden einig zeigten.

    Die äußere Geste verstärkte Gauck, indem er zu Beginn der Debatte die Hände seiner beiden Nachbarinnen, darunter Gamze Kubasik, die Tochter eines 2006 in Dortmund ermordeten Kioskbesitzers, ergriff. Der Präsident wirkt nach der deutschen Verfassung vor allem durch sein Wort. Gauck zeigt, dass es mitunter schlicht auch ein Händedruck sein kann. Ein präsidiales Zeichen, dass Protokoll und Konventionen im Leben nicht den ersten Platz haben müssen.

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