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    Berlin

    Merkels Vorwurf an die SPD: Die Kanzlerin hat sich den ersten Schnitzer geleistet

    So oft die Unionsspitzen in den vergangenen Wochen hinter verschlossenen Türen die Siegeszuversicht pflegten, trat die Chefin entschieden auf die Bremse: "Das kann noch ganz knapp werden."

    Angela Merkel in Finsterwalde.
    Angela Merkel in Finsterwalde.
    Foto: dpa

    Von unserem Berliner Korrespondenten Gregor Mayntz

    Angela Merkel scheint Recht zu behalten. Nach dem TV-Streit sind die Werte für SPD-Herausforderer Peer Steinbrück in die Höhe geschossen. Statt 54 zu 28 wie vor dem Fernsehduell steht es nun nur noch 48 zu 45 im Direktvergleich. Der Vorsprung der Amtsinhaberin schmilzt deutlich zusammen. Und nun droht auch noch das zentrale Wahlkampfkonzept der Union nach hinten loszugehen.

    Über Monate hatte Merkel den Sozialdemokraten systematisch das Wasser abgegraben. Kaum ein griffiges Thema, das sie nicht besetzte. Das Kalkül dahinter: Wenn die potenziellen SPD-Wähler sehen, dass die Dinge auch ohne gestärkte SPD in die richtige Richtung laufen, bleiben die nicht ganz von Steinbrück überzeugten Genossen zu Hause. "Asymmetrische Demobilisierung" heißt diese Art der Einschläferungskampagne. Mit dem Prinzip hat Merkel schon beim letzten Mal gewonnen: Wenn der Wahlkampf so einschläfernd läuft, dass von den Anhängern des Gegners am Ende mehr nicht wählen gehen als von der eigenen Klientel, liegen schließlich die Christdemokraten vorn.

    Allensbach: SPD mobilisiert Anhänger besser als die CDU

    Nach dem Fehlstart des SPD-Kanzlerkandidaten schien dieses Konzept auch dieses Mal aufzugehen. Doch neueste Befunde des renommierten Allensbach-Instituts dürften in der CDU-Parteizentrale alle Alarmglocken läuten lassen. Danach kämpfen die Anhänger der SPD derzeit aktiver für den Wahlsieg als die Anhänger der Union. 2009 sei dies in der Vorwahlzeit umgekehrt gewesen.

    Mit dem ersten kapitalen Fehler hat Merkel selbst dazu beigetragen. Ihre (noch nicht ausgestrahlte) Interview-Kritik, die SPD sei in der Europapolitik "total unzuverlässig", hat nicht nur Kanzlerkandidat, Fraktions- und Parteispitze auf die Palme gebracht.

    Frank-Walter Steinmeier spricht von einer "Sauerei"

    Diese "Sauerei" (O-Ton Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier) trägt zur weiteren Mobilisierung der SPD-Anhängerschaft bei. Denn wenn diese eines ganz und gar nicht leiden kann, dann ist es ein ungerechter Umgang mit der SPD. Schließlich habe sich Merkel bei wichtigen Euro-Entscheidungen auch dann auf die Zustimmung der SPD verlassen können, wenn ihr die eigene Kanzlermehrheit dazu längst abhandengekommen sei. Politikforscher Prof. Karl-Rudolf Korte von der Universität Duisburg-Essen sieht denn auch in der Schlussphase eine große Gefahr auf Merkel zukommen. Sie müsse ihre treuen Wähler an die Wahlurne bekommen, obwohl für viele von ihnen der Wahlkampf schon entschieden scheine. "Die Union ist ausmobilisiert, da wird keine Steigerung möglich sein", erläutert Korte im Gespräch mit unserer Redaktion. Angesichts von mehr als 50 Prozent "Spätentscheidern" sei der Ausgang der Wahl aber immer noch eindeutig offen, zumal alle Umfragedaten auf ein sehr knappes Ergebnis hinwiesen.

    Angela Merkel hat das längst gewittert, und so versuchte sie anschließend, ihre eigene Kritik etwas zu entschärfen. Mit der Unzuverlässigkeit habe sie nicht das Abstimmungsverhalten der Sozialdemokraten im Bundestag bei den Euro-Rettungspaketen gemeint, sondern die Position der SPD zur Vergemeinschaftung von Schulden. Doch so einfach lassen die Sozialdemokraten Merkel nicht davonkommen. "Total heißt ja total, und das ist inakzeptabel", erläuterte Steinbrück. Und die SPD-Fraktion setzt ebenfalls nach. Sie fordert von Angela Merkel eine förmliche Entschuldigung für ihren Vorwurf.

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