Kein Paradigmenwechsel in Sicht – Das E-Motorrad in der Warteschleife

Von Mario Hommen, SP-X

Um 2010 hat die Elektro-Euphorie auch das Motorrad erfasst. Allerdings ist der Funke bei Kunden und etablierten Herstellern seither nicht übergesprungen. Dabei dürfte es vorerst auch bleiben.

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SP-X/Köln. Auch wenn in jüngster Zeit wieder kritische Stimmen zur E-Mobilität laut werden, sind sich Mobilitätsexperten längst einig: Der Siegeszug des Elektroantriebs bei Pkw und Nutzfahrzeugen ist alternativlos. Anders sieht es in der Motorradwelt aus, die zwar längst Kurs auf die Electric Avenue genommen hat, aber dem traditionellen Verbrenner-Mainstream treu bleibt. Dabei schürte BMW bereits 2012 mit dem Großroller C Evolution die Hoffnung auf eine Zukunft leistungs- und reichweitenstarker Einspur-Stromer, die in den Folgejahren durch Konzepte und Serienmodellankündigungen etablierter Motorradhersteller weiter genährt wurde. Während das Elektroauto längst zum Massenphänomen geworden ist, ist der eigentlich hochtourige Konjunkturmotor des Elektromotorrads ins Stottern geraten. Die Verkaufszahlen bleiben jedenfalls bescheiden, zumal einige etablierte Motorradhersteller ihre Pläne für elektrische Serienmodelle auf Eis gelegt und einige Start-ups bereits wieder Insolvenz angemeldet haben.

Dass es für das Elektromotorrad nicht rund läuft, belegen unter anderem die vom Industrieverband Motorrad (IVM) auf Basis der KBA-Daten vorgelegten Marktzahlen für Deutschland für das vergangene Jahr. Mit rund 212.400 Neuzulassungen wuchs der Gesamtmarkt um 7,2 Prozent, die Krafträder legten sogar um 16,4 Prozent auf rund 125.700 Neuzulassungen zu. Die Talsohle nach der Corona-Delle der Jahre 21/22 ist damit endgültig durchschritten, allerdings nicht bei den Krafträdern mit Elektroantrieb, von denen nur 445 Einheiten neu auf die Straße kamen. Gegenüber 2022 mit 561 Neuzulassungen entspricht dies einem Rückgang von über 20 Prozent. Gegenüber 2020 beträgt der Rückgang sogar 42 Prozent. Ein verändertes Förderregime wie im Pkw-Bereich kann als Erklärung für diesen deutlichen Einbruch nicht herangezogen werden, da Elektromotorräder bislang nicht von staatlichen Kaufanreizen wie einer Umweltprämie profitieren.

An Angeboten mangelt es nicht. Seit 2009 ist der amerikanische Elektropionier Zero in Europa vertreten und bietet seit einigen Jahren ein breites Modellportfolio an. Vor rund 10 Jahren wurden zudem Projekte wie Harleys Livewire oder die italienische E-Motorradmarke Energica aus der Taufe gehoben. Anfangs war die Euphorie auf Investorenseite angesichts des kometenhaften Aufstiegs von Tesla sicherlich groß. Zu nennenswerten Stückzahlen ist es aber bisher nicht gekommen. Einige Newcomer wie Cake aus Schweden oder Eysing aus Holland sind inzwischen sogar pleite.

Schaut man sich die überschaubare Liste der Hersteller von Elektromotorrädern an, so findet man vor allem Newcomer. Die etablierten Player haben sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bisher nur stiefmütterlich um das Thema gekümmert. Teilweise bleibt es bis auf weiteres bei Ankündigungen, die zudem derzeit noch auf die lange Bank geschoben werden. So etwa bei der Motorradsparte von BMW, die ursprünglich im Jahr 2025 ein Elektromodell vorstellen wollte. Das wurde inzwischen auf frühestens 2027 verschoben, weil es weder jetzt noch in absehbarer Zeit „in irgendeinem Markt der Welt“ eine nennenswerte Kundennachfrage nach elektrisch angetriebenen Motorrädern gebe, erklärte BMW-Motorradchef Markus Flasch kürzlich. Zwar sei BMW dank neuester Batteriezellen technisch durchaus in der Lage, ein Motorrad mit einer Reichweite von über 200 Kilometern zu bauen, sagte Flasch am Rande einer Modellpräsentation in Lissabon. Solange die Kunden aber nicht kaufbereit seien, mache ein Produktionsstart keinen Sinn. Ähnlich dürften auch andere Hersteller die Marktsituation einschätzen. Triumph aus England hatte öffentlichkeitswirksam über die Entwicklung des TE-1 berichtet, das Projekt aber vor knapp zwei Jahren im Prototypenstadium gestoppt. Um die Elektroambitionen von Ducati oder KTM ist es ebenfalls verdächtig ruhig geworden.

Auch der Reifenhersteller Michelin – für den Elektromotorräder die Chance bieten, mit neuen Reifentypen eine neue Nische zu besetzen – hat keine Veranlassung, Reifen speziell für dieses Segment zu entwickeln. Romain Bouchet, Vice President Technical Division Two Wheel bei Michelin, sieht bislang keine starken Signale aus der Motorradindustrie, dass sich die zweirädrige Freizeitmobilität in absehbarer Zeit in Richtung Elektroantrieb bewegen könnte. Es gebe einfach keine Technologie auf dem Markt, mit der Elektromotorräder mit ihren konventionell angetriebenen Pendants konkurrieren könnten, so Bouchet. Auch er sieht ein geringes Interesse bei den Motorradfahrern, die seiner Meinung nach traditionell orientiert sind und den Verbrennungsmotor lieben.

Nicht nur beim subjektiven Empfinden, auch beim objektiven Faktencheck macht das Elektromotorrad keine wirklich gute Figur, denn es hat viel stärker als das Elektroauto mit dem Korsett der Physik zu kämpfen. Halbwegs alltagstaugliche Reichweiten treiben das Gewicht auf für Motorräder fast absurde Höhen. Zumal ihre Reichweiten bei Überlandfahrten regelrecht zusammenbrechen können, auch weil den Möglichkeiten der aerodynamischen Optimierung deutlich engere Grenzen gesetzt sind als beim Auto. Hinzu kommen die langen Ladezeiten. Und schließlich können die Stromer ihre Verbrenner-Konkurrenten im Zweiradbereich nicht so deutlich und eindrucksvoll abhängen wie etwa beim Auto.

Doch vor allem preislich bleiben Elektromotorräder für den Kunden schwer vermittelbar, weil teuer, während parallel seit einigen Jahren chinesische Hersteller den deutschen Markt mit gut gemachten und besonders günstigen Verbrennermodellen überschwemmen. Diese kosten oft nur rund ein Drittel eines vergleichbaren E-Modells. Was dem E-Motorrad fehlt, sind deutliche Kosten- und Preissenkungen durch Skaleneffekte, wie sie vor allem Tesla beim E-Auto realisieren und damit auch preislich massentauglich machen konnte. Hier kommt das alte Henne-Ei-Problem ins Spiel. Ohne wettbewerbsfähiges Angebot keine Nachfrage. Ohne Nachfrage kein großes und damit tendenziell günstigeres Angebot. Diese für neue Technologien oft schwer zu überwindende Hürde hat die Automobilindustrie auch dank großzügiger staatlicher Förderprogramme längst genommen.

Die Zukunft des Elektroantriebs im Zweiradbereich ist jedoch nicht aussichtslos. Im Bereich der Kleinkrafträder werden sich Elektromodelle vermutlich durchsetzen, da sie für den Stadteinsatz ausreichende Reichweiten bieten und E-Roller preislich oft schon interessante Alternativen darstellen, auch weil die Abgasreinigung der kleinen Stinker aufgrund von EU-Auflagen inzwischen recht teuer geworden ist. Auch im Bereich der Leichtkrafträder könnte das Interesse an elektrischen Modellen bald steigen. Vielleicht stoßen auch die leistungsstarken und reichweitenstarken Elektro-Zweiräder aus China bald auf größeres Interesse. Horwin bringt in diesem Jahr den Maxi-Scooter Senmenti 0 auf den europäischen Markt, der dank seiner Elektroarchitektur nach Automobilstandard Fahrleistungen wie ein Sportmotorrad und zudem eine üppige Reichweite zu einem noch moderaten Preis bietet. Möglicherweise findet dieser Technologievorstoß aus China bald Nachahmer und Käufer.

Mario Hommen/SP-X