Archivierter Artikel vom 28.10.2011, 19:07 Uhr
Rheinland-Pfalz

Von der Kloake zur beinah r(h)einen Quelle

Als der Gewässerbiologe Klaus Wendling ein halbes Jahr nach der Sandoz-Katastrophe ins damalige Landesamt für Wasserwirtschaft stieß, war der Rhein eine verseuchte Kloake. Aber der Biologe sollte noch ein Ökowunder erleben, auch wenn er den Begriff lieber in Gänsefüßchen setzt.

RZ-Archiv vom 03.11.1986

RZ-Archiv

RZ-Archiv vom 04.11.1986

RZ-Archiv

RZ-Archiv vom 05.11.1986

RZ-Archiv

RZ-Archiv vom 07.11.1986

RZ-Archiv

RZ-Archiv vom 08.11.1986

RZ-Archiv

RZ-Archiv vom 08.11.1986

RZ-Archiv

RZ-Archiv vom 10.11.1986

RZ-Archib

RZ-Archiv vom 11.11.1986

RZ-Archiv

RZ-Archiv vom 11.11.1986

RZ-Archiv

RZ-Archiv vom 12.11.1986

RZ-Archiv

RZ-Archiv vom 13.11.1986

RZ-Archiv

RZ-Archiv vom 25.11.1986

RZ-Archiv

RZ-Archiv vom 15.09.1988

RZ-Archiv

Rheinland-Pfalz – Als der Gewässerbiologe Klaus Wendling ein halbes Jahr nach der Sandoz-Katastrophe ins damalige Landesamt für Wasserwirtschaft stieß, war der Rhein eine verseuchte Kloake. Aber der Biologe sollte noch ein Ökowunder erleben, auch wenn er den Begriff lieber in Gänsefüßchen setzt.

Der heutige Referent für Gewässergüte, der mehr als 20 Jahre lang das Wasser untersuchte, stellt auch fest: Der Rhein ist zum Teil wieder sauberer als vor 100 Jahren. Denn nach seinem Rückblick hatten Abwässer der Anilinfabrik, die ungeklärt in den Strom flossen, schon 1908 bei Ludwigshafen tierisches Leben ausgelöscht.

Mit dem Ende der 1950er-Jahre einsetzenden Wirtschaftswunder rauschten immer mehr Industriestoffe in den Rhein. Millionen Fische starben. „Denn das Ökosystem Rhein hatte damals noch keine Lobby“, wie Wendling erläutert, der einen extremen Tiefpunkt in den 1960er- und 1970er-Jahren markiert. Hier eine Übersicht zur Entwicklung vor und nach der Sandoz-Katastrophe sowie zu den Konsequenzen daraus:

1 Anfang der 70er-Jahre stank der Rhein auch für Politiker zum Himmel. Ein Umdenken begann: Ende 1973 vereinbarten Rheinland-Pfalz und Hessen den Bau der ersten Gewässeruntersuchungsstation Mainz-Wiesbaden. Eine Abwasserabgabe gab 1978 den Anreiz, Kläranlagen zu bauen. 1986 war der Rhein gerade dabei, sich etwas zu erholen. Damit sich ein Sandoz möglichst nicht wiederholen kann, haben die Staaten gehandelt. Wurden deutsche Behörden 1986 nur bruchstückhaft über die Sandoz-Katastrophe informiert, so gibt es heute den internationalen Warn- und Alarmplan Rhein, über den alle Schadensfälle gemeldet und die Nachbarstaaten alarmiert werden. Das Kontrollnetz ist heute dicht: Allein in Rheinland-Pfalz werden an 110 Messstellen (an allen Gewässern) in jedem Monat chemische Untersuchungen angestellt, an etwa 1000 Messpunkten laufen biologische Untersuchungen. Dafür sind jährlich Mittel in Millionenhöhe notwendig.

2 Abwässer fließen heute behandelt und gereinigt in den Rhein. 99 Prozent der Einwohner sind an mechanisch-biologische Kläranlagen angeschlossen, berichtet das Mainzer Umweltministerium, das allerdings auch großen Sanierungsbedarf sieht. Beliefen sich die Stickstofffrachten beim Ludwigshafener Chemieriesen BASF 1985 noch auf etwa 22 000 Tonnen, so sind es heute „nur“ 500 Tonnen im Jahr. „Die Firmen mussten umfangreiche Auffangbecken für Löschwasser und auch für das Auffangen von Schadstoffen bei Betriebsstörungen anlegen, sodass sich Sandoz nicht wiederholen sollte“, lautet Wendlings Fazit. Aber völlige Entwarnung herrscht nie. Denn es treten neue Stoffe im Rhein auf. So werden heute organische Spurenstoffe wie Reste von Pflanzenschutz- oder Arzneimitteln festgestellt.

3 Fische fühlen sich heute im sagenumwobenen Strom wieder wohl. Zwischen Bodensee und Mündung tummeln sich inzwischen mehr als 60 Fischarten, „darunter auch solche, die jahrzehntelang verschollen waren“. Dazu gehören Lachs, Meerforelle oder Maifisch. „Auch die wirbellosen Tiere haben sich wieder sehr gut erholt.“ Nach Auskunft des Experten wurden bei Routineuntersuchungen weit mehr als 300 verschiedene Arten gefunden. Allerdings haben sich die Arten, erläutert der Gewässerexperte Klaus Wendling, stark verändert. Während vor 100 Jahren noch die Gruppe der Fließgewässer-Insekten (Eintags-, Stein- und Köcherfliegen) stark vorkam, so dominieren heute Kleinkrebse, Muscheln und Schnecken. Viele sehr typische Insektenarten sind in den vergangenen 100 Jahren ausgestorben. Dass sich in den vergangenen Jahren auch die größeren Wasserpflanzen stärker verbreiteten, ist für den Biologen ein gutes ökologisches Zeichen.

4 Trotz der hohen Wassergüte: Für die Angler am Rhein gibt es immer noch Merkblätter, weil vor allem ältere (und damit größere) und fettreiche Fische durchaus noch mit Dioxinen und/oder Furanen belastet sein können. „Die mageren Fische unterschreiten in der Regel die Grenzwerte“, heißt es im Ministerium. Nach seiner Empfehlung sollten nicht mehr als 200 Gramm Weißfische (wie Rotaugen oder Brassen) im Monat gegessen werden, wenn sie aus dem Rhein stammen. Vom Verzehr von Aalen wird generell abgeraten.

Von unserer Redakteurin Ursula Samary