Archivierter Artikel vom 15.12.2020, 04:35 Uhr

Futuristischer Klang

Sounddesign bei Elektrofahrzeugen

Elektrofahrzeuge fahren leise, der Gesetzgeber schreibt ein Geräusch jedoch vor. Wie das klingt, ist den Soundingenieuren der Hersteller überlassen. E-Autos geben allerdings noch mehr Töne von sich.

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Emotionale Fahrsounds
Klangverschiebung: Künftige E-Autos wie der Mercedes EQS (im Bild noch als Studie) sollen zwar grundsätzlich so leise wie möglich rollen, aber auch emotionalere Fahrsounds zur Verfügung stellen können
Foto: dpa

München/Wolfsburg (dpa/tmn) – Ein leises Pfeifen rollt auf der Straße heran, ein völlig ungewohntes Geräusch. Wie eine fliegende Untertasse wirkt es oder wie das Raumschiff Enterprise aus „Star Trek“. E-Autos klingen anders als konventionelle – und das ist durchaus gewollt.

Töne etwa zur Begrüßung
Sound of Silence? Nein, in vielen E-Autos gehören typische Töne etwa zur Begrüßung, zum Starten oder anderen Situationen zur Soundfamilie, hier der ID.3.
Foto: Volkswagen AG/dpa-tmn

Bei Elektroautos findet ein Umdenken statt: „Jahrelang haben Hersteller versucht, ihre Fahrzeuge leiser zu machen. Jetzt müssen sie sie absichtlich mit einem Klang versehen“, sagt Stefan Sentpali, Professor für Akustik, Dynamik und Fahrzeugtechnik an der Hochschule München.

Akustische Signalwirkung
Ssssst? Das wäre in einigen Fahrsituationen zu leise, daher verlangt der Gesetzgeber eine akustische Signalwirkung.
Foto: Volkswagen AG/dpa-tmn

E-Autos fahren so leise an, dass Unfälle passieren können. Daher verlangt der Gesetzgeber eine akustische Signalwirkung, das sogenannte Approaching Vehicle Alert System (AVAS), für neu typenzugelassene Hybrid- und Elektrofahrzeuge. Innerhalb der EU müssen alle Fahrzeuge bis 20 km/h sowie beim Rückwärtsfahren einen Geräuschpegel von mindestens 56 dB und maximal 75 dB produzieren, der Schall muss dabei kontinuierlich sein. Nur so können andere Verkehrsteilnehmer, auch Sehbehinderte, die Fahrzeuge genau verorten.

Vision M Next von BMW
Wie der wohl klingt? Autobauer wie BMW machen sich nicht nur Gedanken wie das Auto von Morgen aussieht (hier die Studie Vision M Next), sondern auch darüber, wie es sich anhört.
Foto: Daniel Kraus/BMW – dpa

Knarzen oder Leiern darf die Klangkulisse nicht

Mini Electric
Die Launen des jungen Minis: Die Klangkulisse des Mini Electric kann von freundlich, leicht und hell im Stand zu sportlich und dynamisch beim Fahren wechseln.
Foto: Alberto Martinez/BMW Group/dpa-tmn

„Wie die Autos genau klingen, obliegt den Herstellern. Das kann emotional oder nüchtern sein, wichtig ist nur, dass es sich nach einem Fahrzeug anhört“, erklärt Professor Sentpali.

Renzo Vitale
Das Unsichtbare gestalten: Renzo Vitale ist für den E-Auto-Sound bei BMW verantwortlich.
Foto: Daniel Kraus/BMW AG/dpa-tmn

Klänge helfen Menschen seit Jahrtausenden bei der Einordnung von Eigenschaften und dienen der Orientierung. „Menschen haben eine gewisse Erwartungshaltung, wie sich ein Objekt anhört“, sagt Sentpali. Das gelte auch für ein E-Auto: „Der Sound muss hochwertig sein, darf nicht knarzen oder leiern. Das verbinden wir mit Schad- und Störgeräuschen.“ Die Frage sei nur, wie sich E-Fahrzeuge genau anhören sollen, denn Erfahrungswerte dazu gab es bisher nicht.

Sound von BMW
Ton-Tüftler: Filmkomponist Hans Zimmer (l) und Renzo Vitale arbeiten am Soundtrack eines Fahrzeuges von BMW.
Foto: BMW AG/dpa-tmn

„Menschen wissen, wie Fahrzeuge in Science-Fiction-Filmen klingen. Daran werden sie sich auch bei E-Fahrzeuge orientieren. Die klingen bis zu zwei Oktaven höher, hochfrequenter, wie ein leises, angenehmes Pfeifen“, sagt Professor Sentpali. Die Gestaltungsmöglichkeit liege nicht beim Grundton, sondern bei den Obertönen.

EQC 4x4² von Mercedes
Brummer mit Brumm-Brumm: Die bullige E-Auto-Studie EQC 4x4² von Mercedes gibt ihr eigens komponiertes Fahrgeräusch durch zu Lautsprechern umfunktionierte Scheinwerfer-Gehäuse aus – die PR-Abteilung sp
Foto: dpa

Sounddesign mit Musikerhilfe

Indra Kögler ist Sound-Designerin bei Volkswagen. Gemeinsam mit Klaus Zyciora, Leiter des Designs für den VW-Konzern, und dem Musiker Leslie Mandoki hat VW in den vergangenen Jahren einen futuristischen Sound für seine Elektro-Reihe ID entwickelt.

Gutes Sounddesign funktioniert nur, wenn es hilft und nicht aufdringlich ist. Die Kunst sei es, einen Sound für verschiedene Gruppen zu schaffen, den alle als angenehm und nicht störend empfinden: „E-Mobilität fühlt sich anders an und fährt sich anders, deshalb kann sie auch anders klingen“, erklärt Zyciora. „Wir wollten bei der ID-Familie ein Soundprofil schaffen, das charakterstark, futuristisch und anders als bei konventionellen Fahrzeugen klingt. Passanten sollen gleich hören, dass die Zukunft vorbeifahrt.“

Groß und Klein lassen sich auch am Klang erkennen

Künftige ID-Modellreihen werden sich bei den Klängen allerdings unterscheiden. „Je nach Größe des Modells hören sich die Fahrzeuge anders an. Ein Kleinwagen macht heute auch andere Geräusche als eine große Limousine“, erklärt Indra Kögler.

Auch im Innenraum klingen die E-Autos neuartig, zum Beispiel bei den Warnklängen und Rückmeldungen der Sprachsteuerung. „Der Innenraum muss in die neue Zeit passen, dazu zählt das Blinkergeräusch und der Fahrbereitschaftsklang, der die Insassen mit seinen lebendigen und beruhigenden Tönen umarmt“, beschreibt Indra Kögler das Ziel.

Für Thomas Küppers muss ein E-Fahrzeug vor allem innen anders klingen: „E-Maschinen arbeiten leise, das kommt dem Innenraum zugute. Das schönste Geräusch im Auto ist doch die absolute Ruhe“, sagt der Mercedes-Sounddesigner. Mercedes legt daher großen Wert auf einen nahezu geräuschfreien Antrieb. In künftigen Elektromodellen wie EQS und EQE soll es aber auch emotionale Fahrsounds geben, die sich beim Beschleunigen verändern. Fünf Sounddesigner entwickeln dafür Klangwelten – nicht im Studio, sondern in den jeweiligen Fahrzeugen.

„Eine akustische Rückmeldung des Motors schafft für viele Fahrer zusätzliches Vertrauen und ein echtes Fahrerlebnis“, sagt Küppers. Denkbar seien verschiedene wählbare Klangwelten oder Sound-Pakete, die sich wie Radiosender verstellen lassen. Dazu zählen unaufgeregte, klassische, puristische wie auch futuristische und expressive Töne. Wichtig sei bei allen Klängen, dass sie ohne störende Resonanzen reproduzierbar sind und hochwertig klingen.

Die Töne kommen nicht einfach aus der Konserve

Zur Soundfamilie in einem E-Auto gehören die Begrüßung, das Starten, die Fahrbereitschaft, Fahrstufe einlegen, Fahrprogrammwechsel und die Antriebsstranggeräusche. Die Fahrgeräusche sind keine fertigen MP3- oder Wave-Dateien, sondern individuelle Klänge einer Echtzeitberechnung. „Je nach Fahrzustand ändert sich der Sound. Dahinter steckt eine große Rechenleistung“, sagt Küppers.

Für den Außenbereich komponiert Mercedes als AVAS keinen herausstechenden Markensound. „Unsere gesetzlich vorgeschriebenen Warngeräusche beschränken sich auf einen synthetischen rauschartigen Rollgeräuschcharakter“, erklärt Küppers. Je nach länderspezifischer Gesetzgebung könnten sie ab etwa 20 bis 30 km/h den Sound langsam runterregeln: „Wir wollen keine unnötigen Geräusche produzieren, weil wir damit das Potenzial verschenken, Städte leiser zu machen.“

Renzo Vitale ist für den E-Auto-Sound bei der BMW Group verantwortlich. Beim Mini Electric zählen dazu das vorgeschriebene Fahrgeräusch sowie die Klänge im Innenraum. „Ich versuche, die ästhetischen Elemente und Stimmungen, die einen Mini ausmachen, in Klänge umzusetzen“, sagt Vitale. Das klinge abstrakt, funktioniere aber mithilfe einer Übersetzung des Lichtfeldes in ein Klangfeld: „So klingen Lichtreflexionen auf dem Wasser diffus und weich.“

Der Sound kann sich mit dem Tempo ändern

Schon beim Starten soll der elektrische Mini überraschen. Subtil ist ein zwei Sekunden langer Sound zu hören. „Im Stand soll das E-Auto freundlich, leicht und hell klingen, beim Fahren sportlich und dynamisch“, sagt Vitale. „Das einzige, was wir von konventionellen Antrieben behalten, ist das Verhältnis von Sound zu Drehzahl und zu Geschwindigkeit“, sagt Vitale.

Bei künftigen E-Autos von BMW soll die akustische Rückmeldung an Bedeutung gewinnen. Mit Hollywood-Filmkomponist Hans Zimmer entwickelt Vitale für kommende Modelle verschiedene Klangkulissen für den Innenraum, die für ein noch emotionaleres Fahrerlebnis sorgen sollen: „Damit wird der Fahrer zum Komponisten und das Auto zum Instrument, so dass ein wirklich tolles Klangerlebnis entsteht.“

© dpa-infocom, dpa:201214-99-686374/6

Link zu ID-Soundbeispiel von VW

Link zu Beispiel von E-Auto-Sound von BMW