Archivierter Artikel vom 03.01.2020, 04:30 Uhr

Das (un)bewegte Kind

Reicht Schulsport überhaupt noch aus?

Kaum können sie laufen, verbringen sie den Tag oft sitzend vor einem Bildschirm. Und wie bekommt man die Kinder nun wieder in Fahrt? Denn die meisten bewegen sich im Alltag zu wenig.

Lesezeit: 3 Minuten
Kinderspielplatz
Im Park, auf dem Spielplatz oder einfach nur toben – aktiv sollten Kinder bei jedem Wetter sein.
Foto: Christin Klose/dpa-tmn

Berlin/Osnabrück (dpa/tmn) – Pro Tag eine Stunde Bewegung empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation für Kinder. Die WHO meint damit noch nicht einmal gezielten Sport, sondern ist schon froh über einfache Aktivitäten.

Schulsport
Mit Aufbauen, Abbauen und Aufwärmen bleiben beim Schulsport nur noch ein paar Minuten für echte Bewegung.
Foto: Mascha Brichta/dpa-tmn

Gehen, Treppensteigen oder Fahrradfahren. Denn „Eltern und Kinder sind in den letzten zehn bis 15 Jahren regelrecht erstarrt“, sagt der Sportwissenschaftler Endré Puskas aus Berlin.

Computerspiele
Oft hält der Bildschirm von der Bewegung ab: Mindestens eine bis eineinhalb Stunden sollten es für Kinder aber täglich sein.
Foto: Christin Klose/dpa-tmn

Aus Puskas' Sicht können wöchentlich zwei oder drei Mal 45 Minuten Schulsport vorhandene Defizite schon längst nicht mehr ausgleichen. „Aufbauen, abbauen, Anwesenheit, hintereinander stehen und warten, bis man mal überhaupt über den Bock springt – das hat nix mit Sport und Bewegung zu tun.“ Von den 45 Minuten blieben nach Umziehen und Aufwärmen etwa acht bis zehn Minuten übrig, in denen Kinder sich körperlich austoben.

Endré Puskas
Endré Puskas ist Sportwissenschaftler und arbeitet für den Sport-Gesundheitspark Berlin.
Foto: Annekatrin Weiße/Sport-Gesundheitspark Berlin e.V./dpa-tmn

Parkour statt Turnen

Smartphones, Tablets, Fernsehen und Computerspiele gelten zahlreichen Experten zufolge als Hauptursachen für die große Trägheit unter Kindern. Auch Hendrik Hein, Vater und Sportlehrer an der Carl-Schurz Schule in Frankfurt am Main, vertritt diese Auffassung. Dennoch reiche es nicht, einfach den Stecker zu ziehen.

Der Pädagoge hält es für wichtig, dass Sportangebote den richtigen Nerv treffen. „Mit Parkour-Training kann ich meine Schüler eher überzeugen, die gleichen Bewegungen zu machen, als wenn ich das Turnen nenne.“

Moderates Training im Fitnessstudio sei eine gute Ergänzung für ältere Jugendliche, sagt er. Kostenlos ist Sport und Bewegung in Parks oder auf Bolzplätzen – vielerorts finden sich Tischtennisplatten, Basketballkörbe oder Tore zum Kicken.

Videochannels und Fitness-Apps können motivieren

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) empfiehlt in einer Broschüre zum Thema neben dem Sportverein etwa Fitness- oder Bewegungsapps, die Eltern gemeinsam mit dem Nachwuchs auswählen können. Auf Videoplattformen gibt es Kanäle mit Sportangeboten für zu Hause. Vielleicht findet der Nachwuchs ein Vorbild – das motiviert.

Auch Professor Martin Engelhardt, Vorstand der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS), vertritt den Ansatz der weit gefächerten Bewegungsangebote: „Aktivitäten müssen vielfältig und spielerisch sein. Sport muss als Bereicherung wahrgenommen werden, nur dann wird er langfristig beibehalten.“

Die BZgA empfiehlt mindestens 1,5 Stunden Bewegung am Tag, vor allem nach langem Sitzen. An zwei bis drei Tagen darf es ruhig anstrengender werden, beim Volleyball oder beim Schwimmen etwa.

Weitere Aktivitäten lassen sich oft einfach in den Alltag integrieren. Der Schulweg kann zu Fuß oder mit dem Rad bewältigt werden. Wenn Eltern den Spaziergang zur „Schatzsuche“ erklären, lassen sich besonders jüngere Kinder eher dafür begeistern, so die BZgA. Wer findet als erster etwas Rotes oder den schönsten Stein?

Als Familie bei jedem Wetter nach draußen

Außerdem gilt: Familien sollten bei jedem Wetter nach draußen gehen – in den Park, auf den Spielplatz oder einfach nur toben, spielen und balancieren auf Bäumen, Mauern und Treppen. Drinnen ist Bewegung genauso möglich, zum Beispiel wenn die Kleinen Höhlen bauen oder der Teppich zur Spielwiese wird.

Éndre Puskas beobachtet junge Eltern, die zunehmend auf Ernährung und Medienkonsum achten oder den Nachwuchs auch mal zum Joggen mitnehmen. Überfordern könne man Kinder dabei nicht – eher unterfordern, so der Sportwissenschaftler: „Wenn das Kind an der Grenze ist, dann macht es nicht mehr weiter. Das machen nur Erwachsene.“ Sein Appell: „Wir alle müssen aktiver werden und wir müssen uns bewegen – dann bewegen sich die Kinder mit uns mit.“

Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung