Archivierter Artikel vom 24.01.2018, 15:34 Uhr

Mareike Zupp: Wirbelwind der Bühne

Sie ist 27, sie kommt aus Neuwied, sie hat ihre ersten Schritte im Koblenzer Jugendtheater getan und steht nun auf den großen Bühnen des Landes: Mareike Zupp. 
Wir haben die quirlige junge Frau getroffen. Ein Porträt.

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Als Cheerleaderin Patty bereitet Mareike Zupp den Zuschauern des Musicals „Grease“ Freude. Foto: Christian Stadlhofer
Als Cheerleaderin Patty bereitet Mareike Zupp den Zuschauern des Musicals „Grease“ Freude.
Foto: Christian Stadlhofer

Von unserem Journalchef Michael Defrancesco

Der Applaus rauscht durch das voll besetzte Auditorium. Mareike Zupp – 27 Jahre, aus Neuwied stammend – verbeugt sich, ihre langen Perückenhaare fliegen fröhlich herum. Applaus. Applaus. Applaus! Wieder verbeugen. Strahlendes Lachen. Mareike tänzelt leicht hin und her, bis das Bühnenlicht endgültig abgedunkelt wird.
Stühlerücken im Publikum. Aufstehen. Die Menschen schieben raus in Richtung Garderobe. Hinter den Kulissen wird gelacht und gealbert – wieder eine Vorstellung gut gelaufen. „Grease“ – das kunterbunte Musical mit Musik aus den 50ern – ist gerade auf Deutschlandtournee, und Mareike Zupp ist die Erstbesetzung für die lustige Cheerleaderin Patty sowie die Zweitbesetzung für die Hauptrolle Sandy. Ihre Garderobe teilt sie sich mit „Miss Lynch“, Maria Mucha, einer jungen Frau aus Wien. Enge Freundinnen sind die beiden geworden, ein Kopp und ein A ... – wie man in Mareikes Heimat so schön sagt.
Am Künstlerausgang der Halle warten keine Fans, dafür Taxis. Die meisten Darsteller wollen so schnell wie möglich ins Hotel. Ab ins Bett. Und meistens fahren so spät nachts nach dem Ende der Show keine Busse mehr von der Halle ins Hotel.
Dick eingemummelt tritt Mareike hinaus in die eiskalte Winternacht. Auch für sie heißt es nun: ins Hotel, vielleicht noch einen Absacker mit den anderen trinken, ansonsten runterfahren. „Vor Mitternacht komme ich eher selten ins Bett“, sagt die junge Schauspielerin.
„Grease“ ist ihr erstes Engagement als professionelle Musicaldarstellerin. „Das ist ziemlich cool“, freut sich die Neuwiederin. Das Verrückte: Sie hatte eine Bewerbung eingereicht, war aber dann nicht zu den sogenannten Open Calls gekommen. „Da werden 300 Leute gleichzeitig eingeladen, und die sollen dann in Gruppen vor der Jury etwas vorsingen oder vortanzen“, erzählt Mareike. In solch einer Masse aufzufallen, ist natürlich relativ schwierig. Und da sie parallel zu einem Einzelvorsprechen nach Dresden eingeladen wurde – für eine Rolle im Musical „Cabaret“, das in der Semperoper aufgeführt werden soll –, rechnete sie sich dort größere Chancen aus und sagte den Open Call ab.
Doch ihre „Grease“-Bewerbung war so aussagekräftig gewesen, dass sie zu einem Nach-Casting eingeladen wurde. Schließlich gingen gleich zwei Wünsche in Erfüllung: Mareike erhielt die Zusage für „Cabaret“ in Dresden – und auch für „Grease“. „Alles richtig gemacht“, sagt sie und lacht.
Zu Hause in Neuwied ist die junge Frau nur noch selten. Zuletzt war sie über Weihnachten bei ihren Eltern. Als wir Mareike in ihrer Heimatstadt treffen, ist sie fast ein wenig wehmütig. „Hier verändert sich so viel“, sagt sie und deutet auf Baustellen und Gebäude, während wir durch die Stadt schlendern. „Das sah früher ganz anders aus, als ich hier aufgewachsen bin.“ 1990 ist sie geboren, ihre Schulzeit verbrachte sie im Neuwieder Werner-Heisenberg-Gymnasium. „Da habe ich auch gern an der Musical-AG teilgenommen“, erinnert sie sich. Überhaupt war ihre Kindheit bereits sehr musikalisch, mit acht Jahren lernte sie Klavier, mit zwölf Jahren begann sie mit dem Ballett. Wer in der Nähe von Koblenz aufwächst und einen Drang zur Bühne verspürt, dessen Weg führt über kurz oder lang auch zum Koblenzer Jugendtheater. So verbrachte auch Mareike ihre Zeit in der Koblenzer Kufa, spielte bei „Footloose“ und „Kiss me, Kate“ mit und war die Audrey im „Kleinen Horrorladen“. Eine Zeit, an die sie sich gern erinnert, wie sie sagt.
„Damals wurde mir klar: Das würde einmal mein Beruf werden.“ Und es war ebenso klar, dass sie das Projekt professionell und zielgerichtet angehen würde. Denn auch wenn sie blaue Augen hat: Blauäugig und naiv ist Mareike nicht – sie wusste von Anfang an, dass die Schauspielerei kein Zuckerschlecken sein und ihre Konkurrenz riesig sein würde.
Nach dem Abitur ging sie ins Ausland: USA, eine Stunde von New York und dem Broadway entfernt. Dort legte sie in einer Schauspielschule die Grundlagen für eine spätere Karriere, dort lernte sie das amerikanische Englisch fließend – und dort lernte sie, amerikanischen Humor zu verstehen. So lieben es die Amerikaner beispielsweise, die berühmten „silly girls“, also verrückte Mädchen, auf die Bühne zu bringen. Meistens ein bis drei schrille Mädchen, die mit für deutsche Ohren übertriebenem Quietschen und schrägen Sprüchen die Herzen des Publikums erobern.
Mareike ist körperlich nicht die größte, sie ist ein quietschfröhlicher Wirbelwind – was lag also näher, als dass sie in den Staaten auch lernte, ein „silly girl“ zu sein. „Das kam mir jetzt bei ,Grease' gleich zugute“, erzählt sie lachend – und in völlig normaler Stimmlage. „Vielleicht hat das die Jury beim Casting auch so überzeugt, dass ich als Deutsche so quietschen und herumalbern kann, wie man das in der Rolle der leicht verrückten Patty eben tun muss.“
Wieder zurück in Deutschland, führte das Studium Mareike Zupp nach Osnabrück, welches sie im vergangenen Sommer im Fach Musical abschloss. „Während des Studiums habe ich alles gelernt, was man auf der Bühne braucht“, sagt Mareike und zählt auf: Jazztanz, Steppen, Singen, Schauspiel – und, und, und. Die Neuwiederin ist Profi durch und durch geworden.
Zumindest unterwegs. Zu Hause darf sie runterkommen und einfach wieder Tochter sein. „Obwohl das in den ersten Tagen gar nicht so einfach ist“, erzählt Mareike und muss lachen. „Ich kann vor 2 Uhr nachts einfach nicht einschlafen, aber meine Eltern gehen zeitig ins Bett. Dafür liege ich dann morgens bis unendlich in den Federn, während meine Eltern munter sind und gern etwas mit mir unternehmen möchten.“ Bis sich die Biorhythmen von Eltern und Tochter wieder aneinander angeglichen haben, dauert es ein klein wenig, sagt sie und grinst.
Was sie hingegen von der ersten Sekunde an liebt, das ist Mutters Küche. Denn: Wenn die Truppe mit „Grease“ auf Tour ist, wohnen alle im Hotel. Tagelang. Wochenlang. „Da hat man irgendwann die Speisekarte des Hotels rauf und runter gegessen“, sagt Mareike und seufzt. Auswärts essen ginge auch – müsste aber von den Schauspielern selbst bezahlt werden. Das Hotel zahlt die Produktion. „Also fangen wir an, die Speisen auf der Speisekarte zu variieren, zu kombinieren und ganz neue Gerichte zu kreieren“, erzählt sie. „Im letzten Hotel hatten wir schließlich immer dieselbe Kellnerin. Als wir gefragt haben, warum nur noch sie uns bedienen würde, sagte sie: ,Ihr seid den anderen zu anstrengend.'“ Mareike lacht schallend.
Was ihr Traum wäre? Einmal bei „Mary Poppins“ die Hauptrolle zu spielen. Und: in Neuwied aufzutreten! Fehlt nur noch das passende Stück im Schlosstheater ...