Archivierter Artikel vom 02.03.2010, 11:52 Uhr

Liebling Bolt mit Berliner Mauerstück beschenkt

Berlin (dpa). Usain Bolt gab Autogramme, für seine Teamkollegen aber interessierte sich niemand. Nach ihrem Sieg mit der 4 x 100 Meter-Staffel saßen die anderen jamaikanischen Sprinter unbeachtet am Rande, während Bolt an der Tribüne des Berliner Olympiastadions vor einer Menschenmenge stand.

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Familienmensch
Der dreifache Weltmeister Usain Bolt (l) mit seinen Eltern Jennifer und Wellesley.

Er warf sein Trikot hinein, machte Scherze und unterschrieb, was man ihm vorhielt. Mit dem Staffel-Gold nimmt Bolt drei Titel und zwei Weltrekorde von der Leichtathletik-WM mit nach Hause. Er war aber nicht nur ihr erfolgreichster Sportler, sondern auch ihr Publikumsliebling. Die Zuschauer feierten Bolt bei jeder Gelegenheit. An seinem 23. Geburtstag sangen 42 000 «Happy Birthday».

Nun sehnt sich der Superstar nach seinen Großtaten den Urlaub herbei. «Es wird keinen Weltrekord mehr geben», sagte der Jamaikaner vor seinem nächsten Start beim Golden-League-Meeting in Zürich und in der Woche darauf in Brüssel. Einen Tag nach seinem dritten WM-Triumph mit der Staffel meinte er: «Ich bin erschöpft, aber froh, dass es so zu Ende gegangen ist. Ich bin müde, aber vor allem glücklich, glücklich, glücklich.» Der 23-Jährige warb in einem Berliner Hotel zusammen mit seiner Sprintkollegin Shelly-Ann Fraser sowie Tourismusminister Edmund Bartlett und Sportministerin Olivia Grange für die Karibikinsel.

Bolt betonte, dass ihm Goldmedaillen wichtiger sind als Rekorde. «Weltrekorde kommen und gehen», sagte der dreifache Olympiasieger, der die 100 und 200 Meter bei der WM jeweils in Weltrekord-Zeit gerannt war. «Er ist ein echtes Idol, das daheim gefeiert wird», sagte Bolts Vater Wellesley bei dem PR-Termin stolz. WM-Held Bolt sieht sich nicht nur als Botschafter seines Landes. «Ich möchte ein Vorbild für die Jugend sein, nicht nur in Jamaika, sondern weltweit.»

Berlin ehrte Bolt mit einem drei Meter hohen und drei Tonnen schweren Originalsegment der Mauer. 20 Jahre nach dem historischen Mauerfall schenkte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) dem Jamaikaner im Namen der Stadt zum Abschluss der Leichtathletik-Weltmeisterschaften das Mauerteil. Wowereit sagte: «Usain Bolt hat sportlich gezeigt, dass man Mauern einreißen kann, die als unüberwindbar gelten.» Bolt, der bei der kleinen Zeremonie in der Nähe des Olympiastadions anders als sonst sehr ernst und fast scheu auftrat, sagte: «Ich werde Berlin nicht vergessen, auch nicht die blaue Laufbahn. Es war alles wunderbar hier.»

Unter Beifall sagte er abschließend auf Deutsch: «Ich bin ein Berlino.» Diese Aufschrift zu dem beliebten Bären-Maskottchen der WM- Titelkämpfe hatte Bolt unmittelbar vor dem Start zum 200-Meter-Lauf auch auf seinem Trainingstrikot getragen. Der Berliner Regierungschef schenkte Bolt eine Mini-Ausgabe von Berlino. Bolt überreichte Wowereit im Gegenzug seine Original-Laufschuhe in Orange.

Das Mauerstück wird Bolt in sein Trainingscamp auf Jamaika vom Senat mit einer Spezialfirma frei Haus geliefert. Auf der Mauer ist Bolt lebensgroß als Sprinter aufgemalt. Darüber steht «NEW WR» (neuer Weltrekord). Bolt hat in Berlin über 100 Meter in 9,58 und über 200 Meter in 19,19 zwei Weltrekorde aufgestellt und mit der 4x100-Meter- Staffel Titel und Goldmedaille Nummer 3 geholt.

Vor einem Jahr wäre Bolt als Publikumsliebling noch kaum vorstellbar gewesen. Seine Weltrekorde bei den Olympischen Spielen brachten Bolt in Deutschland mehr Misstrauen als Bewunderung ein. Doch die Zweifel, ob bei seinen Leistungen alles mit rechten Dingen zugeht, sind in Berlin von Tag zu Tag mehr in den Hintergrund gerückt. Die Fans feierten statt dessen eine «Bolt-Party». Der Jamaikaner hatte sie für sich eingenommen. Mit seinen Fabelrekorden über 100 und 200 Meter brachte er das Publikum zum Staunen. Sein lässiges Verhalten machte ihn beliebt.

Usain Bolt scherzt herum, wann immer eine Kamera ihn filmt: beim Einlaufen, auf der Ehrenrunde, manchmal sogar während des Rennens. Bei ihm sieht alles locker und entspannt aus, was andere Athleten sichtlich verausgabt. Der 23-Jährige zeigt auch Nähe. Er gibt geduldig Autogramme, fuhr nach seinem Sieg über 100 Meter zum Essen ins nächste Fast-Food-Restaurant. «Die Art und Weise, wie er sich zeigt, spricht vor allem junge Leute an», sagte Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes.

Bolts Popularität hängt auch damit zusammen, dass er sich von seinen Vorgängern abhebt. Auch Michael Johnson oder Maurice Greene (beide USA) haben ihre Sprintstrecken über Jahre dominiert. Sie erzielten aber nie seine Massenwirkung. Johnson war dafür zu introvertiert, Greene zu großspurig. Usain Bolt dagegen ist «die perfekte Mischung aus Entertainment und Höchstleistung», sagt der Berliner Sportfest-Veranstalter Gerhard Janetzky. Er ist der erste Leichtathlet seit Carl Lewis, auf den das wieder zutrifft.

Diese Eigenschaft macht Bolt nicht nur zum Liebling der Zuschauer, sondern auch des Weltverbandes IAAF. Der Jamaikaner bringt seinem Sport das zurück, was er in den vergangenen Jahren immer mehr verloren hat: Aufmerksamkeit und hohe Einschaltquoten im Fernsehen. «Bolt ist eine Marke. Und als Marke ist er ein Glücksfall für die Leichtathletik, das Fernsehen und die Sponsoren», sagt das deutsche IAAF-Councilmitglied Helmut Digel. Entsprechend pflegt der Verband seinen Superstar. Präsident Lamine Diack besuchte nach Bolts Sieg über 100 Meter sogar dessen Pressekonferenz. Schon vor der WM nahm er ihn gegen Doping-Verdächtigungen in Schutz. Die IAAF möchte, dass kein Schatten auf ihn fällt. Nur so lässt Bolt sich vermarkten.

Der Weltrekordler selbst sagte zu den unterschwelligen Doping-Vorwürfen gegen ihn: «Ich bin sauber, ich arbeite hart und wurde mehrfach getestet. Was anderes kann ich tun, als den Leuten das immer wieder zu sagen? Aber irgendwann werden sie aufhören, mich danach zu fragen.» Bei der WM hat Bolt einiges dafür getan. Diesmal brachte ihm das Publikum mehr Bewunderung als Misstrauen entgegen.