Rallye-Rentner

Knackiger Wintersport im Mini

Der moderne Mini gilt vor allem als Lifestyle-Auto oder als urbanes Spielzeug. Als das Original vor 60 Jahren auf den Markt kam, hatte es auch sportliche Talente. Eine Spurensuche im Rallye-Star.

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Mini
Kurven kratzen: Den wendigen Mini forsch zu bewegen, bringt auch heute noch viel Spaß.
Foto: Luuk van Kaathoven/dpa-tmn

Brescia (dpa/tmn). Es ist stockfinster und eiskalt. Links und rechts der engen Passstraße irgendwo in den italienischen Alpen liegt der Schnee so hoch, dass von dem roten Kleinwagen nicht viel mehr als die Winterreifen auf dem Dachgepäckträger zu sehen sind.

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Es werde Licht: Mithilfe einer Batterie Zusatzscheinwerfer bahnt sich der kleine Mini seinen Weg.
Foto: Luuk van Kaathoven/dpa-tmn

Doch davon lässt sich der Winzling mit der Startnummer 39 nicht aufhalten: Wie leuchtende Schwerter stechen die Kegel aus den Zusatzscheinwerfen vor dem kleinen Kühlergrill in die Nacht und schwingen in jeder Kehre herum. Der 1,3 Liter große Vierzylinder dreht weit über 6000 Touren, und in der Blechbüchse klingt es, als ob der Zahnarzt gerade den Bohrer zur Wurzelbehandlung ansetzt.

Autokonstrukteur Alec Issigonis
Herr des Minis: Autokonstrukteur Alec Issigonis neben seiner bekanntesten Erfindung.
Foto: BMW AG/dpa-tmn

Willkommen im 1965er Rallye-Mini, willkommen bei der Coppa delle Alpi. Rund 50 Klassiker proben hier den Gipfelsturm und jagen über die letzten offenen Alpenpässe – und der Mini fährt immer vorneweg.

Rallye Monte-Carlo
Historische Hatz: Rauno Aaltonen eilt 1964 bei der Rallye Monte-Carlo forsch um die Kurve.
Foto: BMW AG/dpa-tmn

Der Original-Mini gewann die Rallye Monte Carlo

Motorraum des Mini
Relativ wenig Kraft trifft auf ganz wenig Gewicht: Das Konzept macht auch aus Mini einen veritablen Sportler.
Foto: Thomas Geiger/dpa-tmn

Hätte der mit Schalensitzen und Überrollkäfig zum professionellen Rallye-Wagen umgerüstete Winzling noch einen Rücksitz, dann säße dort ganz sicher Rauno Aaltonen. Zumindest im Geiste ist der berühmte finnische Rennfahrer immer dabei, wenn man in einem Mini Gas gibt.

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Rennatmosphäre: Klassisch aufgebautes Renncockpit mit modernen Schalensitzen.
Foto: Luuk van Kaathoven/dpa-tmn

Zwar prügelten der Ire Patrick „Paddy“ Hopkirk und sein Co-Pilot Henry Liddon den Kleinen 1964 zum ersten Mal als Sieger über die Ziellinie der legendären Rallye Monte Carlo und brüskierten damit die vermeintlich stärkere und schnellere Konkurrenz.

Ölstand messen
Wichtig nach einer Etappe: Technik checken, wozu auch ein Blick auf den Ölpeilstab gehört.
Foto: Luuk van Kaathoven/dpa-tmn

Doch mit keinem Fahrer ist der Mini so eng verbunden wie mit Aaltonen. Der „Rallye-Professor“ schaffte in seinem ersten Jahr nur den siebten Platz, gewann aber 1967 nach einem spektakulären Rennen und machte so den Stadtflitzer als Sportwagen unsterblich.

Mini
Viele Kurven, enge Gassen: Auch bei der Klassik-Rallye von heute kann der der quirlige Mini seine Vorteile ausspielen.
Foto: Luuk van Kaathoven/dpa-tmn

Der Winzling rast wie von der Tarantel gestochen davon

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Herrliche Kulisse: Der 1965er Mini bahnt sich seinen Weg auf einer Etappe der Klassik-Rallye Coppa delle Alpi.
Foto: Luuk van Kaathoven/dpa-tmn

Wer mit dem Mini heute durch die Dolomiten sticht oder durch die Tiroler Alpen, der versteht schnell, weshalb Hopkirk so begeistert vom Mini spricht: „Das Auto war klein und die Straßen kurvig. Sie waren außerdem ziemlich schmal“, hat der Rallye-Veteran zu Protokoll gegeben. Und jedes Mal, wenn man wieder an einem Oldtimer vorbeizieht oder mit einem Zug durch die Serpentinen schneidet, wo andere ewig kurbeln müssen, gibt man ihm in Gedanken recht.

Auch die Leistung des Motors kann sich sehen lassen: Serienmäßig gab es für den Morris Minor Cooper S, wie der Mini damals offiziell hieß, maximal 51 kW/70 PS. Doch im Rallye-Trimm leistet der Motor stolze 81 kW/110 PS. Und weil die Rennsemmel gerade einmal 620 Kilo wiegt, jagt sie davon wie von der Tarantel gestochen.

Dazu kommt ein Schwerpunkt tiefer als bei jedem Porsche oder Ferrari und ein Wendekreis wie ein Bobbycar – da weiß man, weshalb Mini der Kundschaft bis heute was vom Gokart-Gefühl erzählt. Heute nur noch ein besseres Marketing-Märchen, ist es in roten Renner mit der Startnummer 39 eine rasende Realität. Und die bringt viele andere, sehr viel potentere Sportwagen bei diesen Winterspielen schier zur Verzweiflung, selbst wenn sie auf der Geraden deutlich schneller sind als der Mini.

Der Mini feiert vor über 60 Jahren Premiere

Die sportlichen Gene wurden dem Mini quasi unbeabsichtigt mit in die Wiege gelegt, sagt Frank Wilke vom Marktbeobachter Classic Analytics. Den ersten Mini skizzierte der Brite Alec Issigonis auf einer Serviette und legte ihm ganz nebenbei revolutionäre Techniken wie den quer eingebauten Frontmotor mit integriertem Getriebe und Frontantrieb in die Wiege, womit der Mini im Sommer 1959 debütierte.

„Quasi als Abfallprodukt“ ergab sich daraus eine dem Gokart ähnliche Straßenlage, die den Mini trotz bescheidener Motorleistung erst zum Schrecken der Landstraße und später, in der von Cooper getunten Version, auch zum erfolgreichen Rallyeauto werden ließ, blickt Wilke zurück und erinnert ebenfalls an die Sensationssiege in Monte Carlo.

Der Ruhm verblasst Ende der 1970er Jahre

„Ende der 70er Jahre verblasste sein Ruhm, die sportlichen Cooper-Varianten verschwanden aus dem Angebot und die Fertigungsqualität sank unter British Leyland Regie auf ein Rekordtief“, skizziert Wilke die weitere Biografie des Minis.

Bergauf sei es erst Anfang der 1990er Jahre nach der Übernahme von Rover durch BMW gegangen. Laut Wilke können Modelle wie ein Mini 1000 von 1972 heute für rund 11 000 Euro und ein Cooper aus Aaltonens Zeiten für immerhin 28 000 Euro gehandelt werden. Exemplare mit gewisser Historie können an sechsstellige Beträge herankommen, sagt Stefan Behr von BMW Classic.