Archivierter Artikel vom 19.04.2013, 07:00 Uhr
Koblenz

Interview: Chemie-Professor vermutet gefährliche Chemikalie als Ursache

Die Hinweise verdichten sich, dass bei der verheerenden Explosion einer Düngemittelfabrik in Texas Ammoniumnitrat im Spiel war. Diese Chemikalie wird auch bei BASF in Ludwigshafen verarbeitet – zu Düngemittel. Der Koblenzer Chemie-Professor Wolfgang Imhof erklärt im Interview, wie es zu einer Detonation mit Ammoniumnitrat kommen kann.

Professor Wolfgang Imhof
Professor Wolfgang Imhof

Bislang ist die Rede von den chemischen Stoffen Ammoniak oder Ammoniumnitrat, die für die Explosion eine Rolle gespielt haben könnten. Wo liegt der Unterschied?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es durch Ammoniak zu einer derartigen Explosion gekommen ist. Ammoniak an sich ist nicht explosiv, Ammoniumnitrat hingegen schon. Allerdings braucht man das eine für die Herstellung des anderen. Das heißt: Ammoniumnitrat ist ein Salz, das entsteht, wenn man Salpetersäure mit der Base Ammoniak neutralisiert.

Warum ist Ammoniumnitrat so gefährlich?

Dieser Stoff zersetzt sich bei höheren Temperaturen. In einem bestimmten Temperaturbereich können Sie daraus zum Beispiel Lachgas herstellen. Doch wenn die Temperatur weiter steigt und mehrere Hundert Grad Celsius erreicht, zersetzt sich dieser Stoff explosiv. Bei diesem Prozess entsteht sehr viel Gas in kurzer Zeit. Die Druckwelle, die sich dabei entwickelt, hat eine enorme Zerstörungskraft. Das haben wir in Rheinland-Pfalz schon einmal erlebt: als im Jahr 1921 ein BASF-Werk in Oppau explodierte. Der Schaden war gewaltig.

Heute wird dort ungefährlicher Dünger hergestellt, für den aber ebenfalls das explosive Ammoniumnitrat benötigt wird. Was hat es damit auf sich?

Bei dem Dünger wird einfach das Verhältnis seiner Bestandteile verändert. Wenn Sie dreimal so viel Ammonium haben wie Nitrat, indem Sie zusätzlich Sulfat in das Salz einbauen, kann der Dünger nicht mehr explodieren.

Macht es einen Unterschied, ob man Ammoniumnitrat selbst herstellt oder nur als Vorprodukt weiterverarbeitet?

Aus meiner Sicht macht das keinen Unterschied. Wenn dieser Stoff in größeren Mengen gelagert wird, kann er bei einem Feuer explodieren.

Können bei einer solchen Explosion auch giftige Dämpfe entstehen?

Bei der Zersetzung von Ammoniumnitrat entsteht im Prinzip nur Luft und Wasser. Es werden Stickstoff und Sauerstoff freigesetzt. Aber die für die Herstellung notwendigen Chemikalien – Ammoniak und Salpetersäure – sind giftig beziehungsweise ätzend.

Warum greift man bei der Düngemittelherstellung auf derart gefährliche Stoffe zurück?

Die Herstellung ist nicht sehr kompliziert und relativ preisgünstig. Außerdem ist dieser Dünger sehr praktisch. Pflanzen brauchen Stickstoff, und Ammoniumnitrat enthält gleich zwei Formen davon.

Also müssen sich Hobbygärtner keine Sorgen um ihre Düngerbestände in der Laube machen?

Nein. Da wird sicher nichts explodieren. Als Privatperson bekommen Sie auch nicht die erforderlichen Mengen.

Das Gespräch führte Stefan Hantzschmann