Archivierter Artikel vom 11.04.2013, 06:00 Uhr
Girkenroth

Hilfe: Stummer Diener zieht Kranke an

Die Versteifung der Muskulatur und die gestörte Feinmotorik der Hände macht das morgendliche Einkleiden für Parkinsonpatienten zur Tortur. Während die Finger ungelenk versuchen, die Knopfreihe an dem Herrenhemd zu schließen, staut sich innerlich Wut ob der eigenen Unfähigkeit auf. Als nächster Schritt folgen Knopf, Reißverschluss und Gürtel der Jeanshose, die normalerweise in fließenden Bewegungen geschlossen werden.

Der gleichzeitige Versuch jedoch, das Hemd in die Hose zu stecken, macht die Prozedur zum Geduldsspiel. Typisch auch für Parkinsonkranke: Das Anziehen von Jackett, Blouson oder Mantel wird unfreiwillig zur akrobatischen Einlage – oder misslingt völlig.

Nur zur Wandmontage

Dem Westerwälder Manfred Jung ließ das keine Ruhe. Der Betriebsschlosser aus Girkenroth war seinerzeit selbst mit dem Problem konfrontiert – sein Schwiegervater war an Parkinson erkrankt. Dem 83-Jährigen fiel es zunehmend schwerer, ein Oberteil anzuziehen, da er die Arme nicht hoch genug heben konnte. Als der alte Herr mit der Bitte an seinen Schwiegersohn herantrat, ihm doch zu helfen, sah sich Manfred Jung in der Pflicht.

In seinem Werkzeugkeller entwickelte er diverse Konzepte, die er jedoch alle wieder verwarf. Dann aber hatte er die zündende Idee: eine Art stummer Diener mit pfiffiger Gelenktechnik. Jung machte sich an die Arbeit – und der routinierte Tüftler hatte bald Erfolg. Mitte des Jahres 2000 war es dann so weit, der Prototyp der Anziehhilfe konnte vom Patienten ausprobiert werden.

Zwei beweglich gelagerte Bügelhälften, ein abknickbares Gelenk im oberen Bereich des Ständers und ein Rohr zur Höhenverstellung im unteren sind die Teile, aus denen sich das Gerät zusammensetzt. Vorgesehen hat Jung die Anziehhilfe zur Wandmontage, wozu es einen speziellen Fuß gibt.

Und so funktioniert es: Die hilfsbedürftige Person hängt das Kleidungsstück über den Bügel, geht dann rückwärts an die Anziehhilfe heran und schlüpft lediglich mit den Armen in die Ärmel des Hemdes, der Jacke oder des Mantels. Dann geht der Patient einfach nach vorn weg.

Der obere, elastisch gelagerte Teil der Anziehhilfe folgt der Bewegung nach vorn, wobei sich die beiden Arme des Bügels nach oben bewegen und das Kleidungsstück auf die Schultern des Patienten heben. Der elastische Teil einschließlich der nach oben geklappten Bügel wird beim Weggehen unter der Kleidung herausgezogen und springt durch die Federkraft in die Ausgangsstellung zurück.

Jungs Schwiegervater war begeistert, er ließ sich die Anziehhilfe direkt neben sein Bett montieren. Aber nicht nur er sollte von der Erfindung profitieren, darauf machten den Girkenrother Bastler seine Frau und die beiden Töchter aufmerksam. Jung schickte daraufhin sein Werk an das Forschungsinstitut Technologie-Behindertenhilfe in Wetter an der Ruhr zur Begutachtung.

Resümee: „Die Anziehhilfe ist ein sinnvolles, neuartiges Hilfsmittel, das entsprechende Anforderungen der Benutzer mittels unkomplizierter Technik erfüllt.“ Nach einigen kleinen Verbesserungen und Sicherheitsmaßnahmen wurde Jungs Erfindung auch in das Hilfsmittelverzeichnis aufgenommen.

Wie ein kleines Patent

Eine Recherche beim Patentamt in Berlin ergab, dass es bisher nichts Gleichwertiges gab. Jetzt besitzt der 65-jährige Westerwälder eine Urkunde über die Eintragung des Gebrauchsmusters Nr. 200 18 054.1. Jung: „Ein Gebrauchsmusterschutz ist wie ein kleines Patent.“ Über Sanitätshäuser hat er die Anziehhilfe bekannt gemacht, und schließlich kamen Anfragen aus dem gesamten Bundesgebiet.

Von Bendorf bis Kaiserslautern, von Braunschweig bis Fallingbostel, von Kulmbach bis Wesel kamen Briefe, Faxe und EMails.

Trotzdem kam es bis heute nicht zu einer Fertigung in Serie, nur etwa ein Dutzend dieser praktischen Vorrichtungen hat Jung bisher in Handarbeit gefertigt. Dabei notwendige Fräsarbeiten hat er an seiner Arbeitsstätte, den Rest in seiner heimischen Werkstatt gemacht. Wie gut seine Entwicklung ist, das wurde Manfred Jung 2001 in Nürnberg bescheinigt: Auf der internationalen Ausstellung „Ideen – Erfindungen – Neuheiten“ errang er für hervorragende Leistungen eine Bronzemedaille mit Ehrenurkunde.

Da die Menschen im Schnitt immer älter werden und eine Vielzahl an Bewegungseinschränkungen der oberen Extremitäten leidet, dürfte die Nachfrage nach einer solchen Anziehhilfe sicher steigen. Auch ist die Nutzung nicht nur auf Parkinsonpatienten beschränkt, bei anderen Krankheiten treten ähnliche Schwierigkeiten auf, die mit Jungs Erfindung bewältigt werden können.

Axel Müller