Archivierter Artikel vom 02.03.2010, 11:52 Uhr

Grenzgängerin Kleinert: Im Rampenlicht angekommen

Berlin (dpa). Für den größten Moment ihrer Karriere ist Kugelstoßerin Nadine Kleinert an ihre Grenzen gegangen. Nach dem dritten Versuch, der ihr mit persönlicher Bestleistung (20,20 m) Silber bei der WM einbrachte, bekam sie mitten im Wettkampf und unbemerkt von allen Kreislaufprobleme

Lesezeit: 2 Minuten
Ehrung
Nadine Kleinert zeigt stolz ihre Silbermedaille.

«Ich habe die Kameraleute weggeschickt und erst einmal die Beine hochgelegt. An den vierten Durchgang kann ich mich kaum noch erinnern», erzählte die Magdeburgerin. Die Episode macht deutlich, was ihr dieses Finale bei der Heim-WM bedeutete. «Ich war einfach nur heiß und hatte so viel Adrenalin», beschrieb Kleinert. «Die Medaille war immer mein Ziel. Ich habe das nur niemandem erzählt, damit man mir das nicht auf den Kopf gehauen hätte, falls es schief gegangen wäre.» Vor der WM ließ sie sich sogar ihre Fingernägel in den Farben Schwarz, Rot und Gold lackieren.

Als sie den zweiten Platz hinter der alten und neuen Weltmeisterin Valerie Vili sicher hatte, entlud sich ihre ganze Anspannung. Im Stadion fiel Kleinert zunächst ihrer Rivalin aus Neuseeland in die Arme und dann Siebenkämpferin Jennifer Oeser, die sich gerade auf ihrer Ehrenrunde befand. Später im Hotel erlebte sie eine kurze Nacht. «Ich habe nur drei Stunden geschlafen», erzählte sie. «Ständig klingelte das Telefon, irgendwann bin ich rausgegangen und zweimal ums Hotel gelaufen.» Nadine Kleinert ist zwar schon 33 Jahre alt und hatte zuvor bereits dreimal Silber bei Weltmeisterschaften (1999, 2001) und Olympischen Spielen (2004) gewonnen. «Aber etwas Schöneres als eine Medaille vor heimischem Publikum gibt es nicht», sagte sie.

Wer eine derart aufgewühlte und sich extrem zwischen Euphorie und Erschöpfung bewegende Kleinert beobachtete, erkannte aber noch etwas anderes als die pure Freude über einen sportlichen Erfolg. Die Magdeburgerin verspürte so etwas wie Genugtuung, endlich im Rampenlicht angekommen zu sein. Ihr war es nicht nur um eine Medaille gegangen, sondern auch um Anerkennung. Seit Jahren klagt sie darüber, dass das Kugelstoßen im Vergleich zu anderen Disziplinen kaum beachtet wird. Kleinert und ihre Kollegen stehen am Rande der großen Meetings, kassieren deutlich weniger Sponsorengelder oder Antrittsgagen als etwa ein Sprinter. «Ich lasse gerne den Spruch ab: Ich habe ein breites Kreuz. Da passen viele Sponsoren drauf. Aber keiner hat darauf reagiert», sagte sie vor der WM im «Tagesspiegel».

Im Stadion genoss sie deshalb besonders den Jubel, den ihr Silberstoß ausgelöst hatte. «So etwas habe ich noch nie erlebt», sagte sie. «Die Stimmung kann ich nur mit einem Wort beschreiben: geil.» Vor der WM hatte Kleinert angekündigt, das Stadion «rocken» zu wollen. Nach dem Wettkampf stellte sie fest: «Das Stadion hat nicht nur gerockt, sondern gebebt.» Hinzu kam: Am zweiten Tag in Folge war dafür ein Kugelstoßer verantwortlich. Erst hatte Ralf Bartels mit seiner Bronzemedaille vorgelegt, dann zog Kleinert nach. Kugelstoßer im Mittelpunkt – «das könnte so bleiben», sagte sie.

Als das Publikum sie und Jennifer Oeser für ihre Silbermedaillen feierte, verzögerte sich kurzzeitig sogar der Start des 100-Meter- Rennens. «Wann schaffen es eine Werferin und eine Mehrkämpferin schonmal, dass Usain Bolt warten muss», meinte Kleinert. «Wir haben ihm ein bisschen die Show gestohlen. Jetzt weiß er auch, wie wir uns sonst fühlen.»