Archivierter Artikel vom 29.03.2012, 15:59 Uhr
Mainz

Erasmus wird 25 – Mainzer Uni ist top im Austauschen

Das Austauschprogramm Erasmus der EU feiert in diesem Jahr 25. Geburtstag. Seit Beginn ist die Mainzer Uni mit dabei – und ist stolz auf ihr Engagement.

Rainer Henkel-von Klaß.
Rainer Henkel-von Klaß.
Foto: Rainer Henkel-von Klaß

Mainz – Rainer Henkel-von Klaß hat ein Ziel vor Augen: die Deutsche Meisterschaft. Platz 1 darf es bald wieder sein in Sachen Erasmus-Austausch, wenn es nach dem Leiter der Abteilung Internationales an der Gutenberg-Uni geht. Die Maximilians-Uni München, die 2010/2011 651 Studenten mit dem europäischen Austauschprogramm ins Ausland geschickt hat, hat den Mainzern (615) nämlich den Rang abgelaufen.

Ernst gemeint ist dieser Wettkampf nicht. Aber etwas sportiver Geist kann nicht schaden, schließlich ist Erasmus das weltgrößte Mobilitätsprogramm und wird dieses Jahr 25 Jahre alt. Die Mainzer Uni war von Anfang an dabei. Knapp 10 000 Studenten, so peilt Henkel-von Klaß über den Daumen, sind in dieser Zeit von hier aus durch Europa gesendet worden.

Besonders viele Mainzer gehen nach Dijon und Valencia, aber die türkische Metropole Istanbul boomt. Henkel-von Klaß weiß jedoch, dass oft das liebe Geld eine entscheidende Rolle spielt. London kann sich kaum jemand leisten. 170 Euro Erasmusstipendium im Monat sind dort in Nullkommanix verpufft. Dass Erasmus ein Programm für Kinder reicher Eltern ist, wollen der Direktor und seine Kollegen aber nicht gelten lassen. Es gehe halt darum, vielen ein bisschen Unterstützung und nicht wenigen viel davon zu geben. Außerdem könne man Auslands-BAföG und weitere Stipendien beantragen.

Den 615 „Outgoings“ stehen übrigens nur 350 hereinkommende Studenten entgegen, die Balance stimmt nicht. Mainz ist halt nicht Berlin. „Was uns aber auffällt: Man kennt Mainz im Ausland zwar nicht, aber den Studenten gefällt es hier. Sie verlängern ihren Aufenthalt, machen Deutschprüfungen, Abschlüsse und suchen Arbeit.“ Ziel des Programms war von Anfang an, die Mobilität der Studenten zu erhöhen, den europäischen Gedanken zu fördern. Und das in klaren Strukturen. Für die Studenten ist die gute Struktur in Mainz, mit 120 Koordinatoren in den einzelnen Fächern, eine große Hilfe. Viele Austauschstudenten sind sehr jung und froh um feste Abläufe und Ansprechpartner, die auch deswegen garantiert sind, weil die Unileitung ihren Austauschprogrammen großen Stellenwert beimisst.

Deutsche Bürokratie ist berüchtigt

Mainz-Neulinge werden beispielsweise von der deutschen Bürokratie regelrecht erschlagen. Bei Infotagen bekommen sie Hilfe für Bankkonten, Versicherung, Einschreibung, Wohnheimbezug etc. Dann gibt es noch „landestypische Spezialitäten“. Franzosen sind mit der deutschen Offenheit im Studium oft überfordert, ihr Studienablauf ist enorm verschult. Türken suchen sich immer einen festen Ansprechpartner, eine Art Paten, und kommen mit wechselnden schwer klar. „Man merkt mit der Zeit bestimmte Eigenheiten. Allerdings sind die Unterschiede zu Ländern außerhalb der EU größer. Wir hatten mal eine chinesische Studentin, die war so ungeheuer höflich, also, das war kaum zum Aushalten“, sagt Henkel-von Klaß schmunzelnd und erinnert sich auch an diverse Nordafrikaner, die Zulassungsbedingungen verhandeln wollten.

„Die EU-Länder sind wirtschaftlich schon lange eng verbunden, aber bei Erasmus geht es eben auch um Sprachen und interkulturelle Aspekte“, sagt Henkel-von Klaß. Seiner Ansicht nach haben sich diese Ziele auch in Zeiten der Globalisierung, von Billigfliegern, Migration und Mehrsprachigkeit nicht überholt. Zwar habe die Uni sehr guten Zulauf, aber für ein Stipendium bewerben sich oft „Wiederholungstäter“, Studenten, die eh mobil sind. „Es wäre toll, wenn wenigstens 30 Prozent der Studenten über uns aktiv werden würden.“

Die Bolognareform hatte in Mainz zunächst zu einem Rückgang der Austausche geführt. Eigentlich paradox, denn die Reform sollte den europäischen Hochschulraum vereinheitlichen. Seit der Umstellung auf Bachelor- und Master-Abschlüsse sei die Schraube deutlich angezogen worden: „Austauschstudenten müssen pro Semester 30 Credit Points nachweisen. Das geht auch über die Teilnahme an Sprachkursen und Sonderleistungen, aber wer sein Studium nicht belegen kann, von dem wird im schlimmsten Fall das Stipendium zurückgefordert“, erklärt Annegret Werner von der Referatsleitung Outgoings. Außerdem überprüft der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) regelmäßig, dass die Mainzer Uni die 1,2 Millionen Euro Budget der EU nicht zum Fenster rauswirft.

Studenten wird die Zeit knapp

Unter anderem deswegen hat der Artikel „Erasmus, Orgasmus!“, der in der Wochenzeitung „Die Zeit“ das Austauschprogramm als „größten Sauf- und Sex-Exzess Europas“ abfeiert, für mächtig Wirbel gesorgt. Den Verantwortlichen an der Mainzer Uni ist völlig klar, dass es nicht nur ums Büffeln, sondern auch ums Leben geht, aber Party pur sei schon lange nicht mehr drin. „Studenten fragen uns nicht, wo scheint die Sonne am meisten, sondern, wie verliere ich am wenigsten Zeit? Eigentlich ist das fast schon schade“, findet Werner. Die Tendenz gehe daher zu kürzeren Aufenthaltszeiten, vor allem Praktika in den Semesterferien, die das Büro seit einiger Zeit ebenfalls vermittelt, sind enorm gefragt.

Für die Zukunft stehen einige Veränderungen bei Erasmus an. Der Austausch soll in eine neue Struktur gebracht, alle EU-Programme sollen gemeinsam organisiert werden. Das soll aber keinen Studenten davon abhalten, die Koffer zu packen und sich die Welt da draußen zu erobern. Alexandra Schröder

Studenten, die sich für ein Auslandsstudium interessieren, kontaktieren am besten den jeweiligen Berater ihres Fachs. Jeden Mittwoch ist um 14.15 Uhr eine Infoveranstaltung der Abteilung Internationales. Mehr Tipps.