Archivierter Artikel vom 26.02.2018, 16:40 Uhr
Koblenz

Einfach hinaus in die weite Welt: Nadja und Manuel leben ihren Segeltraum

Eigentlich beginnt die Reise am Nil. Oder doch an der Mosel? Oder auf dem Rhein, wo sie in See gestochen sind? Da sind sie jedenfalls wirklich losgefahren. So viel steht fest. Wo sie unterwegs ankommen und wo die Reise endet, ist dagegen noch offen. Nadja Müller und Manuel Mengelkoch sind auf dem Weg. Und der ist – wie es so oft heißt – wirklich das Ziel. Das große Abenteuer! Schluss ist erst, wenn das Geld ausgegeben ist.

Ulf SteffenfausewehLesezeit: 6 Minuten

Reiseimpressionen

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In Australien könnte das so weit sein. Oder in Neuseeland. Noch aber sind die beiden in der Karibik und hüpfen von Insel zu Insel. Erst wenn die Finanzen es nicht mehr anders zulassen, wollen sie wieder nach Hause fliegen – ins normale Leben. Doch bis dahin soll es noch möglichst lange dauern. Noch haben Nadja und Manuel die Fahrt durch den Panama und die große Pazifiküberquerung vor sich. Noch genießen die beiden ihren Traum.

2012 fliegt Manuel Mengelkoch nach Ägypten. An der Hotelbar lernt er Nadja Müller kennen. Die beiden verlieben sich. Es ist weit mehr als ein Urlaubsflirt. Sie bleiben zusammen, führen über 180 Kilometer eine Fernbeziehung. Manuel lebt in Koblenz, Nadja bei Aschaffenburg. Sie reisen gemeinsam, sehen sich an den Wochenenden. Dann sitzen sie oft auf der Koblenzer Moselstaustufe – und träumen: „Einfach alles stehen und liegen lassen und weg.“ Die Mosel hoch nach Frankreich, durch die Kanäle ins Mittelmeer und dann weiter, möglichst um die ganze Welt.

Was bei den meisten Menschen ein kurzer Moment der Spinnerei wäre, nimmt bei ihnen Formen an. Sie planen immer konkreter und beschließen, reinen Tisch zu machen. Sie wollen um die Welt segeln, drei Jahre lang. Zusammengelebt haben sie bislang noch nicht. Die erste gemeinsame Wohnung soll die „SY Manado“ sein: eine zehn Meter lange und drei Meter breite Jacht – in der Fachsprache Reinke genannt. Wohnraum: neun Quadratmeter. Ein Risiko, und nicht das einzige.

Die SY Manado
Die SY Manado
Foto: privat

Und doch sind sie entschlossen, es zu wagen. Sie rechnen und rechnen, sparen so viel Geld wie möglich, lösen Bausparverträge auf und veräußern alle Wertgegenstände: Auto, Fernseher, Küche. Manuel verkauft sogar seine Eigentumswohnung. 68.000 Euro kommen so zusammen und die Zuversicht, später wieder relativ problemlos einen Job zu finden. Nadja ist Erzieherin im Kindergarten, Manuel arbeitet bei Scania im Vertrieb. Gesuchte Leute. Und trotzdem: Die Zweifler im Umfeld sind zahlreich. „Wenn wir auf all diese Ratgeber gehört hätten, hätten wir mit unserem Budget nie starten können“, schreibt Manuel in einer E-Mail an unsere Zeitung. Da ist er gerade auf Martinique.

Eben diese Aussicht treibt an. Wo ein Wille, da ein Weg. Und so geht es im Sommer 2015 tatsächlich los: In Neuwied stechen die beiden in den Rhein. Es nieselt, das Wasser steht hoch, die Strömung im Becken ist stark. „Wir sind teilweise unter 1 km/h über Grund gefahren, und das offene Heck war komplett eingetaucht“, erinnert sich Manuel. Geschlagene drei Stunden brauchen sie bis zum Deutschen Eck, fahren dann „leicht nervös“ in die erste Schleuse ein und kommen erleichtert, weil ohne größere Komplikationen, in der Mosel an.

Da geht es dann doch ein wenig flotter voran. Das erste Wochenende verbringen sie bei Freunden in Metz, nach drei Wochen, 944 Kilometern und 171 Schleusen kommen sie in Port Napoleon an, kreuzen erstmals im Meer – und haben Stress. In den Kanälen mussten sie hauptsächlich den Motor einsetzen, schwer das Getriebe strapazieren. Der Vorwärtsgang funktioniert nicht mehr. Sie holen Kostenvoranschläge ein und wissen schnell, dass es ihre Bordkasse sprengen würde, einfach einen Mechaniker mit der Reparatur zu beauftragen. Sie telefonieren alle Ersatzteillieferanten im weiten Umfeld ab und hören immer wieder von vier bis sechs Wochen Lieferzeit. Die Nerven liegen blank, dann machen sie im Internet einen Händler aus Heiligenhafen ausfindig, der schneller liefern kann. Sie finden auch noch einen fähigen wie bezahlbaren Mechaniker. Problem gelöst, es kann endlich weitergehen.

Korsika
Korsika
Foto: privat

Eine Woche lang segeln die beiden Abenteurer rund um die französischen Mittelmeerinseln, dann von Korsika hinüber zu den Balearen. Durch die Straße von Gibraltar gelangen sie in den Atlantik. Sie stoppen in Marokko und kommen über die Kanaren im Dezember auf den Kapverden an. „2100 Meilen trennen uns von unserem neuen Zuhause, der Karibik“, freuen sie sich in ihrem Internet-Reisetagebuch.

Mitten auf dem Atlantik
Mitten auf dem Atlantik
Foto: privat

Dann die große Atlantiküberquerung: Alle drei bis vier Stunden wechseln sie sich mit der Wache ab, Manuel fliegen fliegende Fische an den Kopf, ein verirrter Seevogel ruht sich über Nacht an Bord aus, eine riesige Gruppe Grindwale zieht an ihnen vorbei, und ein Blauer Marlin erschreckt Nadja, als er die „Manado“ scheinbar verfolgt. Nach 18 Tagen: Barbados! „Es ist ein wahnsinniges Gefühl, endlich wieder Land zu sehen“, schreiben die beiden und erzählen, wie sie in das glasklare Wasser der Carlisle Bay gefallen sind und von Meeresschildkröten begrüßt wurden. „Unbeschreiblich!“

Die nächsten Monate hüpfen sie von Insel zu Insel. Manuel angelt, für Trinkwasser haben sie einen Wassermacher, Strom gibt's über Solar. Sie schlafen vor Anker, gehen nicht in die Marinas. Geld geben sie nur für Lebensmittel, Ausflüge, „den ein oder anderen Sundowner“ und für Ersatzteile aus. Jeden Tag, so sagen sie, lernen sie dazu. Vor allem, was das Boot betrifft. Aber auch, wie man „den perfekten Painkiller“ mischt, Moskitos mit geschlossenen Augen tötet, mit wenigen Mitteln ein vollwertiges Gericht kocht und noch miteinander redet, wenn man sich 365 Tage im Jahr 24 Stunden lang sieht.

Überhaupt das Zusammenleben: Es klappt besser als gedacht, sagen sie. „Wenn man sich so lang sieht und selten mehr als drei Meter voneinander entfernt ist, gibt es eine Menge Konfliktpotenzial. Anders als zu Hause kann man hier jedoch nicht weglaufen und muss das aus der Welt schaffen“, philosophiert Manuel.

Und sie lernen Leute kennen, schließen Freundschaften. „Wenn man so reist, stellt man fest, was man an Deutschland schätzt. Aber die Menschen sind doch vergleichsweise verklemmt“, findet Manuel und erzählt von Dave, den sie auf Dominika kennengelernt haben. Der ist in Medellin aufgewachsen, dann vor dem Drogenkrieg in Kolumbien nach Miami geflohen und arbeitet nun als Kapitän auf Superjachten. Mit ihm planen sie, per Rucksack durch Kolumbien zu reisen und ihre Spanischkenntnisse aufzubessern. In Venezuela kommen sie in Kontakt mit korrupten Polizisten, die auf Daves Boot Drogen verstecken und dann „finden“, um Geld zu erpressen. Überhaupt stellen sie erschüttert fest, dass die Situation im Land so schlimm ist, wie in deutschen Medien berichtet wird.

Auf Bonaire bleiben sie im Spätsommer für acht Wochen an einem Ankerplatz. Sie tauchen viel, lernen die anderen Bootseigentümer im Hafen kennen, feiern zusammen Partys am Strand und helfen einander. Kurz: Sie genießen das Leben. Bei der nächsten Station auf Curaçao gefällt es ihnen zwar weniger gut, doch hier treffen sie im November die bislang schwerste Entscheidung ihrer Reise: Sie geben den Plan auf, nach Australien zu segeln und dort ihr Schiff zu verkaufen. Auch die Option, noch eine weitere Saison in der Karibik zu bleiben und dann das Schiff zu verkaufen, gefällt ihnen nicht. „Dann wäre das große Abenteuer sofort vorbei“, überlegen sie und beschließen, stattdessen das Angebot von Freunden anzunehmen, auf deren Katamaran „Elements“ als Crew anzuheuern und so über den Pazifik nach Asien zu segeln. Schweren Herzens bieten sie die „Manado“ im Internet zum Verkauf an und stoßen auf riesiges Interesse. Zwei Wochen später sind sie sich mit einem jungen Paar einig und machen den Deal mit einer Anzahlung wasserdicht.

Noch vor der Übergabe geht es zum ersten Mal zurück nach Koblenz, weil ein befreundetes Paar heiratet.

Hochzeitsbesuch in Deutschland
Hochzeitsbesuch in Deutschland

Anschließend hetzen sie zurück in die Karibik, um ihr Schiff fertig zu machen und die „Elements“ zu erreichen. „In der letzten Nacht auf unserer ,Manado' haben wir eine gute Flasche Wein geöffnet und in Erinnerungen geschwelgt. Wahnsinn, wie viele unvergessliche Abenteuer wir erleben durften. Es waren bisher die besten 16 Monate unseres Lebens“, sind die beiden sich einig – und plötzlich gar nicht mehr so sicher, ob der Verkauf wirklich die richtige Entscheidung war. „Sie war unsere erste gemeinsame Wohnung und hat unser Zusammenleben in vielen Situation auf die Probe gestellt. Unsere Beziehung zueinander ist das, was sie ist, wegen ihr“, formulieren sie eine Liebeserklärung. Und sind dann doch wieder zuversichtlich: „,Manado' goes ,Elements'. Wir werden auch das nächste Abenteuer meistern!“, sagen sie. Deutschland kann warten. Die große Reise ist noch lange nicht vorbei.

Das neue Schiff
Das neue Schiff

Wer mehr wissen und auf dem Laufenden bleiben will, kann den Reiseblog von Nadja und Manuel lesen.