Archivierter Artikel vom 06.12.2021, 16:07 Uhr

Die H-Kennzeichen-Klassiker des Jahres 2022 – Faust im Nacken vs. Kuscheltier-Gesicht

Immer mehr Menschen wollen sich die vermeintlich „gute alte Zeit“ in die von Covid-Pandemie und Klimakrise geprägte Gegenwart retten und nutzen dazu einen Oldtimer als Zeitmaschine. So feiern die mindestens 30 Jahre alten H-Kennzeichen-Klassiker Zulassungsrekorde. 2022 kommen über 120 neue Modelle neu hinzu.

Von Wolfram Nickel/SP-X
Der Kleinstwagen Renault Twingo ist auf dem Weg in den Klassiker-Kreis
Der Kleinstwagen Renault Twingo ist auf dem Weg in den Klassiker-Kreis

SP-X/Köln. Das begehrte H-Kennzeichen feiert 2022 sein Silberjubiläum und die Automobilindustrie gratuliert zu diesen 25 Jahren behördlicher Oldtimerförderung mit einer erstaunlichen Vielfalt historischer Fahrzeugtypen, die sich als neue Kandidaten für den amtlichen Oldtimerausweis vorstellen. Von A wie Alfa (155) bis Z wie Zagato-Lancia (Hyena) sind über 100 Debütanten des Jahrgangs 1992 dabei, dies vor allem nach dem Motto: „Es lebe der Sport“.

Auch der McLaren F1 ist nicht mehr der jüngste
Auch der McLaren F1 ist nicht mehr der jüngste

Tatsächlich verlangte der Zeitgeist damals mehr als je zuvor extrem starke Coupés, Kombis und Familienkutschen, die für den Ritt auf der Kanonenkugel gut waren oder beim Ampelsprint die Faust im Nacken spüren ließen. Darunter der McLaren F1 als schnellstes Hypercar der Welt und Herausforderer der endlich ebenfalls in Serie gebauten Jaguar XJ 220 und Bugatti EB 110 S, aber auch wilde Wölfe im Pelz des Kombi-Praktikers wie BMW M5 oder Audi S4 Avant 4.2 V8, bis hin zum Kraftzwerg Mini Cooper, der ein Revival feierte. „Twingo. Der macht die Welt verrückt“, versprach dagegen die Renault-Werbung und tatsächlich begeisterte der winzige Gallier ganz ohne PS-Gewalt Millionen Käufer mit vanartigem Raumangebot und treuem Augenaufschlag. Im Jahr 1992 zeigten Autos wieder Gesicht, so auch die Neuauflage des Nissan Micra, die mit Kuscheltieroptik Frauen und junge Autofahrer mitten ins Herz traf. Trotzdem haben gerade von diesen preiswerten Kleinen relativ wenige bis heute überlebt, was die Suche nach mindestens 30 Jahre alten Anwärtern für ein H-Kennzeichen erschwert.

Der Nissan Micra ist noch heute auf der Straße zu sehen
Der Nissan Micra ist noch heute auf der Straße zu sehen

Wer seinen Klassiker als historisches Fahrzeug zulassen will – insgesamt sind bereits rund 600.000 Pkw beim Kraftfahrt-Bundesamt mit H-Kennzeichen registriert – muss allerdings noch einige weitere Voraussetzungen erfüllen, bevor es steuerliche Vorteile und freie Fahrt in Umweltzonen gibt. So muss sich der Oldtimer in einem guten und authentischen Zustand befinden, attestiert durch ein Gutachten. Immerhin wurde der Autojahrgang 1992 grundsätzlich auf eine lange Lebenserwartung präpariert, wovon technologisch raffinierte Japaner damals eindrucksvoll durch vordere Plätze in Zuverlässigkeitsrankings kündeten. Dazu zählen der erste Subaru Impreza (Boxer und Allrad in der Kompaktklasse und Basisfahrzeug für Rallye-Weltmeister), der erneuerte Mitsubishi Galant (Allradlenkung und Allradantrieb), der luxuriöse Mazda Xedos 6 (Downsizing-V6 mit Laufkultur der Oberklasse), der Wankelmotor-Renner Mazda RX-7, aber auch der niedliche Nissan Micra als trendigster Mini der Moderne. Diesem fernöstlichen Verführer gelang eine Sensation: Japanische Qualität zu Kleinwagen-Kosten, gebaut von Robotern in England. Damit brillierte der Micra europaweit als bezahlbarer Stadtflitzer, während der gleichfalls frische und frech-fröhlich blickende Fiat Cinquecento die technische Basis für feinste Alta Moda in Form von Crossover-Coupés und -Cabrios der Karossiers Coggiola, Bertone, Stola oder Ital Design lieferte.

Der 600 SL wird von seinen Besitzern gut gepflegt
Der 600 SL wird von seinen Besitzern gut gepflegt

Vermeintlich fade Hausmannskost in Form konservativer Stufenhecklimousinen durften 1992 natürlich ebenfalls nicht fehlen, verkaufte sich diese doch in den östlichen Bundesländern des soeben wiedervereinigten Deutschlands besonders gut. Dazu zählten das Golf-Derivat Volkswagen Vento (erstmals mit furioser V6-Motorisierung), Opel Astra Viertürer, aber auch Toyota Carina (wie Nissan Micra und Primera „Made in England“), Mitsubishi Lancer und Hyundai Sonata V6. Modellnamen, die meist längst vergessen sind, und damit das Schicksal einiger historischer Ereignisse von 1992 teilen, die sich bis heute auswirken. Etwa die jährliche Begrenzung des Autoexports aus Japan in die EU, die Toyota, Nissan und Honda zum Aufbau europäischer Werke und Entwicklungszentren bewegte. Ein Vorbild, dem später die Koreaner folgten.

Der Alfa 155 kam 1992 auf den Markt
Der Alfa 155 kam 1992 auf den Markt

Heutige Petrolheads, die angesichts 1992 eingeführter V12-Boliden á la Mercedes 600 SL (R129), Mercedes 600 SEC (W140), BMW 850 CSi (E31), Ferrari 512 TR, Ferrari 456 GT 2+2 oder PS-gewaltiger Achtzylinder-Asphaltbrenner vom Schlage eines Chrysler Viper, Aston Martin Vantage und Bentley Brooklands von freien Straßen in „guter alter Zeit“ träumen, sei gesagt: Staus auf überlasteten deutschen Ost-Verbindungen waren damals so alltäglich, dass die Bundesregierung ein bis zur Gegenwart beispiellos gigantisches Straßenbauprogramm im Wert von fast 500 Milliarden Mark anschob. In Rio de Janeiro tagte damals übrigens die erste globale Konferenz für Umweltschutz. Vertreter aus 170 Staaten forderten eine Verringerung von Fahrzeugemissionen – in der Bundesrepublik wurde daraufhin die regelmäßige Abgasuntersuchung (AU) auch für Katalysator-Autos Pflicht – und sogar der deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker plädierte öffentlich für eine Erhöhung des Benzinpreises.

Der Audi 80 war als Kombi besonders beliebt
Der Audi 80 war als Kombi besonders beliebt

Effizienz zählte allerdings ohnehin längst zu den Zielen der Automobilindustrie, zu erkennen etwa am ersten Audi 80 Avant, der als TDI nur rund vier Liter Diesel pro 100 Kilometer konsumierte – damals sensationell für einen Kombi. Noch besser sollte es wenige Jahre später der Audi Duo als weltweit erster Diesel-Hybrid machen. Aber auch die 1992 vorgestellten V8-Asphaltbrenner BMW 540i (E34), BMW 740i (E32) oder Mercedes 400 E (W124) lernten das Sparen im Vergleich zu etablierten Achtendern, vier Jahre später in Neuauflage waren sie sogar nochmals rund 40 Prozent effizienter.

Der Vento sah bieder aus, war als VR6-Modell aber durchaus flott unterwegs
Der Vento sah bieder aus, war als VR6-Modell aber durchaus flott unterwegs

In der Formel 1 machte das deutsche Supertalent Michael Schumacher Schlagzeilen mit dem ersten Sieg seiner Karriere und am Ende der Saison mit dem dritten Platz in der WM-Gesamtwertung. Noch nutzte Schumacher Ford-Motoren in seinem Benetton-Boliden, bald aber wurde er mit Renault-Power Weltmeister und der 1992 vorgestellte schnelle Safrane stand für ihn als Autobahn-Dienstwagen bereit. Breitensport boten dagegen die 1992 lancierten Coupés von Ford (Probe II), Honda CRX und Prelude, Rover 200 und 800 Coupé, Toyota Paseo oder der Porsche 968 CS als puristische Einstiegsversion in die Transaxle-Baureihe. Bestimmen heute SUV ein Viertel des Marktes, wagten vor 30 Jahren nur wenige mutige Geländewagen den Vorstoß ins Crossover-Segment. Zu diesen Pionieren zählte der Bertone (Daihatsu) Freeclimber 2, Chevrolet Blazer oder Opel Monterey. Dagegen zeigte der gerade erneuerte Hardcore-Offroader Toyota Land Cruiser TV-Präsenz bei der Berichterstattung über die Schrecken des Balkankriegs im ehemaligen Jugoslawien.

Der Fiat Cinquecento wird 30
Der Fiat Cinquecento wird 30

Auch Abschied nehmen hieß es 1992: Das kantige Volvo-Urgestein der Baureihe 240 fuhr in sein letztes Jahr, der liebevoll „Baby-Benz“ genannte Millionseller Mercedes 190 wurde ein Jahr später von der ersten Mercedes C-Klasse in den Ruhestand geschickt, die Fans des kultigen Volkswagen Scirocco trugen Trauer, der von Bertone in Bestform gebrachte Citroen BX erreichte die Zielgerade und der avantgardistische Ford Sierra sollte 1993 dem Allerweltstyp Mondeo Platz machen. Aber wie es heißt so treffend: Niemals geht man so ganz, und deshalb starten die Neuwagen des Jahres 1992 nun in ihr zweites Leben als neue Oldtimer mit H-Kennzeichen.

Mazda versuchte mit dem Xedos anspruchsvolle Kunden anzusprechen
Mazda versuchte mit dem Xedos anspruchsvolle Kunden anzusprechen

Kurzcharakteristik:

Der Subaru Impreza hatte immer Allradantrieb an Bord
Der Subaru Impreza hatte immer Allradantrieb an Bord

Neue H-Kennzeichen-Kandidaten im Jahr 2022:

Porsche baute sein Angebot vor 30 Jahren aus
Porsche baute sein Angebot vor 30 Jahren aus

Alfa Romeo 33 als 1.3/1.4 IE, Alfa Romeo 155, Alfa Romeo 164 als V6 24V, Alfa Romeo R.Z. Roadster, Alpine A 610 Turbo, Aston Martin Virage Shooting Brake, Aston Martin Vantage, Audi 80 Avant (B4), Audi Cabriolet als 2.8 V6, Audi S4 Avant 4.2 V8 (auf Basis Audi 100), Bentley Brooklands, Bertone Freeclimber 2 (auf Basis Daihatsu Feroza und Vertrieb über Daihatsu), BMW 3er Coupé (E36), BMW M3 (E36), BMW 530i/540i (E34) mit V8-Motoren, BMW M5 Touring (E34), BMW 730i/740i (E32) mit V8-Motoren, BMW 850 CSi (E31) mit 5,6-Liter-V12, Bugatti EB 110 S (Serienmodell), Buick Le Sabre (Generation 7), Buick Park Avenue Kompressor, Cadillac Seville als 4.6 V8 32V, Cadillac Fleetwood (neue Generation mit Hinterradantrieb statt Vorderradantrieb), Cadillac Eldorado als 4.6 V8 32V (letzte Generation der Kult-Baureihe), Cadillac Allanté als 4.6 V8 32V, Caterham Super Seven mit Rover-16-K-Motoren, Chevrolet Camaro (Generation 4), Chevrolet Caprice Station Wagon als 5.7 V8, Chevrolet Blazer K und GMC Yukon (neue Generationen), Chrysler Concorde, Chrysler Vision, Chrysler New Yorker (Generationenwechsel, Serienstart erst 1993), Chrysler Viper RT/10 (Serienstart), Chrysler Voyager als Diesel, Citroen AX als 4x4 und GTI, Citroen ZX Dreitürer, De La Chapelle Atalante Typ 57 S, Dodge Intrepid, Eagle Vision, Excalibur 100, Ferrari 512 TR, Ferrari 456 GT 2+2, Fiat Cinquecento (deutscher Vertriebsstart), Fiat Cinquecento Z-Eco (Zagato), Fiat Cinquecento Birba (Maggiora), Fiat Cinquecento Cita (Stola), Fiat Tipo als Turbodiesel, Fiat Tempra Station Wagon 4x4, Ford Probe II (T22), Ford Escort RS Cosworth, Ginetta G33 SC 4.5 V8, Honda CRX (Generation 2), Honda Accord Station Wagon, Honda Prelude (Generation 4), Hyundai Sonata als 3.0 V6, Infiniti J30, Jaguar XJ6 als Majestic, Jaguar XJ 220 (Serienstart des erstmals 1988 gezeigten Supersportwagens), Jeep Grand Cherokee, Lamborghini Diablo 4WD Allrad, Range Rover als LSE 4,2 Liter V8, Lincoln Mark VIII, Lotus Esprit Sport 300, Maserati Ghibli, Mazda AZ-1, Mazda Xedos 6, Mazda MX-3 und MX-6 (Verkaufsstart), Mazda RX-7 (FD), McLaren F1, Mega Track, Mercedes-Benz 400 E (W124, Marktstart Europa), Mercedes-Benz 300 SE 2.8 (W140), Mercedes-Benz 500 SEC/600 SEC (W140), Mercedes-Benz 600 SL (R 129), Mercury Villager, MG RV8, Mini Cooper 1.3, Mitsubishi Colt 1800 GTi-16V (CAo), Mitsubishi Lancer 1300-2000 GLX, Mitsubishi Galant (Generation 5, Code E60) mit V6, Allradlenkung und Allradantrieb), Mitsubishi Sigma Kombi, Mitsubishi Debonair, Nissan Micra (Generation 2), Nissan Serena (Verkaufsstart), Opel Astra Stufenheck, Opel Vectra als Turbo 4x4, Opel Calibra Turbo 4x4, Opel Monterey, Panther Kallista, Peugeot 106 fünftürig, Peugeot 405 T16, Pontiac Firebird (Generation 4), Porsche 968 CS, Porsche 911 Speedster, Porsche 911 Turbo 3.6, Puma AM4, Renault Twingo, Renault Safrane, Rover 100 Cabriolet, Rover 200 Cabriolet, Rover 200 Coupé, Rover 800 Coupé, Saab 9000 CS, Saab 9000 Aero, Saturn Station Wagon, Subaru Vivio, Subaru Impreza, Suzuki Swift Convertible, Toyota Corolla (E10), Toyota Paseo, Toyota Carina (7. Generation, aus englischer Produktion), Toyota Celica Cabriolet (ASC), Toyota Camry Station Wagon, Toyota Land Cruiser 80 als 4,5-Liter-V6, TVR Chimaera, Volga 30129 Limousine, Volga 3105 V8, Volkswagen Golf III als VR6, Volkswagen Vento, Volvo 240 und Volvo 240 Kombi (letztes volles Verkaufsjahr), Volvo 850 GLE, Zagato-Lancia Hyena (auf Basis Lancia Delta HF Integrale).

Wolfram Nickel/SP-X