Archivierter Artikel vom 22.10.2020, 09:15 Uhr

Nationalpark Eifel

Die düstere Geschichte der NS-Ordensburg Vogelsang

Ist das dort oben auf dem Berg etwa eine alte Ritterburg? Nein. Im idyllischen Nationalpark Eifel lockt ein mahnender Monumentalbau mit düsterer Geschichte viele Touristen an.

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NS-Ordensburg Vogelsang
Die NS-Ordensburg Vogelsang liegt oberhalb der Urfttalsperre im Nationalpark Eifel.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Schleiden (dpa/tmn) – Den riesigen Gebäudekomplex oberhalb der Urfttalsperre im Nationalpark Eifel könnte man für eine mittelalterliche Burg halten, trutzig in den Hang gebaut. Graue Schieferdächer, wehrhafte Bruchsteinfassaden. Doch weit gefehlt.

Ehemalige Unterkünfte für die Schulungsteilnehmer
Vogelsang war für die Nazis eine Kaderschmiede für den SS-Nachwuchs.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

„Ganz im Gegenteil“, sagt Katharina Wonnemann. Die 28 Jahre alte Historikerin leitet gerade eine Besuchergruppe an den klotzigen Bauwerken der Ordensburg Vogelsang vorbei. „Ab 1934 wurden die monumentalen Bauten innerhalb von nur zwei Jahren errichtet als Schulungsstätte für den zukünftigen Führungsnachwuchs der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei NSDAP.“ Die Festung war eine Nazi-Kaderschmiede. Heute ist es ein sogenannter Internationaler Platz, ein Mahnmal.

Turm der NS-Ordensburg Vogelsang
Im Winter pfeifen Stürme über die Höhen: Turm der NS-Ordensburg Vogelsang.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Der Rundgang über das weitläufige Gelände wird täglich angeboten. Es geht vom ehemaligen Adlerhof über den Appellplatz zu den Kameradschaftshäusern, in die Burgschänke, vorbei am Haus des Wissens und in das ehemalige belgische Truppenkino.

Dreiborner Höhe
Kahl und einsam ist es auf der Dreiborner Höhe im Nationalpark Eifel.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Rassismus statt Ritterlichkeit

Truppenkino von 1954
Das belgische Truppenkino von 1954 bietet 1100 Besuchern Platz und steht heute unter Denkmalschutz.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

„Immer wieder stellen Besucher die Frage: Woher stammt der Name NS-Ordensburg?“, berichtet Wonnemann. Die Nationalsozialisten machten eine Namensanleihe an den Deutschen Orden, einen Kreuzritterorden. Das haben Forschungen ergeben. „Das positive Bild der Ritterlichkeit wurde in die Nazi-Ideologie übertragen.“

Internationale Platz Vogelsang
Der Internationale Platz Vogelsang hat ein modernes Besucherzentrum.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Rund 280 000 Besucher kamen in der Zeit vor Corona jährlich nach Vogelsang in den Südwesten von Nordrhein-Westfalen. Tagestouristen, Biker, Wanderer, Radler, auch zahlreiche Schulklassen.

Referentin Katharina Wonnemann
Referentin Katharina Wonnemann zeigt Besuchern auf einem Rundgang das Gelände der ehemaligen Ordensburg.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Inzwischen erläutert Referentin Wonnemann beim Rundgang den Alltag in der NS-Ordensburg. In zehn Kameradschaftshäusern waren jeweils 50 Lehrgangsteilnehmer untergebracht, drei Lehrgänge wurden von 1936 bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 durchgeführt.

Historiker Stefan Wunsch
Historiker Stefan Wunsch ist wissenschaftlicher Leiter von Vogelsang IP.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Politikunterricht und die nationalsozialistische „Rassenlehre“, blanker Rassismus also, sowie Drill und Sport standen auf dem Lehrplan. Meist waren die Männer zwischen 20 und 25 Jahre alt, man hatte sie als kommende NSDAP-Führungselite ausgewählt.

Zeitzeugin Christel Küpper
Zeitzeugin Christel Küpper aus Wollseifen zeigt alte Dokumente.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Ein Mahnmal mit wechselvoller Geschichte

Truppenübungsplatz
Der Truppenübungsplatz ist weiterhin gesperrt – denn er ist noch voller Munition.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Die kolossalen Bauten von Vogelsang zeigen, dass die Architektur ein Ausdruck von Macht und Herrschaft der NSDAP sein sollte. Alle Gebäude wurden von dem Kölner Architekten Clemens Klotz geplant – ein Name wie ein Programm. Mehrere überdimensionale Arbeiten des Bildhauers Willy Meller wie zum Beispiel das noch erhaltene Fackelträger-Relief sollten darüber hinaus die Nazi-Ideologie festigen.

Wechselvolle Geschichte
Diese Übungshäuser für Nato-Truppen stammen aus den 1960er Jahren.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Die Geschichte von Vogelsang lasse sich in drei Zeitperioden teilen, erklärt Wonnemann: Die Zeit der NS-Ordensburg ab 1934, die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg von 1945 bis Ende 2005 mit dem britischen und dann belgischen Truppenübungsplatz und schließlich Vogelsang IP, internationaler Platz der Gegenwart.

Kirche St. Rochus
Die einst zerstörte Kirche St. Rochus in Wollseifen wurde ab 2008 wieder aufgebaut.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Als bedrückend und beklemmend empfinden manche Besucher die NS-Ordensburg Vogelsang, die heute als eine der größten baulichen Hinterlassenschaften aus der Nazi-Zeit gilt.

Burgschänke
So sieht das einstige Restaurant in Vogelsang aus.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Im Gästebuch finden sich etwa diese Einträge: „Ein eindrucksvoller Ort, der deutlich macht, um was es geht, wenn wir von Frieden, Solidarität und Menschlichkeit sprechen – unschätzbar wertvoll!“

Relief
Das Relief zeigt einen Fackelträger am Sonnenwendplatz – er ist sechs Meter hoch.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Eine mörderische Ideologie

Vogelsang war als Ausbildungsstätte ein Täter-Ort, sagt der wissenschaftlicher Leiter des Vogelsang IP, Stefan Wunsch. „Dutzende Lehrgangsteilnehmer wurden ab 1941 als Gebietskommissare zur regionalen Verwaltung besetzter Gebiete etwa in der Ukraine, in Belarus und den baltischen Staaten eingesetzt.“ Dort seien die linientreuen Kommissare an der Vertreibung und dem Tod von Juden, Sinti und Roma in den jeweiligen Regionen eng beteiligt gewesen.

Zahlreiche Schriftdokumente, Originaltöne und Fotos in der Vogelsanger Dauerausstellung („Bestimmung: Herrenmensch, NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen“) belegen die Aussagen von Historiker Wunsch. Es ist eine Ausstellung, die Besucher nachdenklich machen soll und überleitet zu den Folgen der Nazi-Ideologie: Holocaust, Zweiter Weltkrieg, Vertreibung, Flucht.

Heute ist Vogelsang mehr als eine Touristenattraktion in der Eifel. „Wir sehen Vogelsang IP als internationalen Platz, an dem Toleranz und Respekt oberste Gebote sind“, sagt Stefan Wunsch. 250 Flüchtlinge haben hier eine Bleibe gefunden, fernab von Krieg und Elend.

Info-Kasten: Vogelsang IP im Nationalpark Eifel

Anreise: Mit dem Auto über die A 1 Köln-Blankenheim, Ausfahrt 111 Wißkirchen, B 266 über Schleiden-Gemünd in Richtung Einruhr. Mit der Bahn bis Kall (RE Köln-Trier), von dort Busverbindung bis Vogelsang mit dem Nationalpark-Shuttle SB 82.

Übernachtung: Auf dem Gelände von Vogelsang im Gästehaus K 13, im Rotkreuzhaus Transit 59, in der Jugendherberge Gemünd Vogelsang sowie in Hotels, Ferienwohnungen, Pensionen und Privatzimmern in Schleiden-Gemünd, Einruhr und Rurberg.

Informationen: Vogelsang IP, Vogelsang 70, 53937 Schleiden (Tel.: 02444/91 57 90 , E-Mail: info@vogelsang-ip.de, www.vogelsang-ip.de).

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