Archivierter Artikel vom 09.05.2021, 02:10 Uhr
Mainz

Deutscher Fußball-Bund

DFB-Machtkampf: Keller und Koch lehnen Rücktritt ab

Der Deutsche Fußball-Bund kommt nicht zur Ruhe, denn die Führungsfiguren wollen den Weg für einen radikalen Umbruch an der Spitze weiter nicht freimachen. Das lähmt den Verband auf vielen Ebenen.

Rainer Koch
Hat die Entschuldigung von Fritz Keller noch nicht angenommen: DFB- Vize Rainer Koch.
Foto: Andreas Gora/dpa

Frankfurt/Main (dpa) – Die immer lauter werdenden Rufe nach einer Auswechslung der kompletten Führungsriege des Deutschen Fußball-Bundes prallen an Präsident Fritz Keller und Vizepräsident Rainer Koch vorerst weiter ab.

Der wegen eines unsäglichen Nazi-Vergleichs schwer unter Druck geratene DFB-Boss will seinen Posten ebenso wenig räumen wie sein Stellvertreter Koch, den Keller vor gut zwei Wochen im kleinen Kreis mit dem früheren Nazi-Richter Roland Freisler verglichen hatte.

Der Machtkampf im größten Sportfachverband der Welt zwischen dem Amateur- und Profilager tobt damit munter weiter – und lähmt den DFB bei der Bewältigung der Auswirkungen der Corona-Pandemie und möglicherweise auch bei der Suche nach einem neuen Bundestrainer. Denn vielen stellt sich die Frage: Wer soll mitten in der Führungskrise die Verhandlungen mit Wunschkandidat Hansi Flick zu einem erfolgreichen Abschluss bringen?

„Dieses Theater gibt es seit der Aufarbeitung des Sommermärchens, also seit rund sechs Jahren. Seitdem haben drei Präsidenten die Rote Karte gesehen und mussten gehen“, polterte Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge nach dem Gewinn der 31. deutschen Meisterschaft am Sky-Mikrofon über die „katastrophale“ Außendarstellung des Verbandes. „Die Herrschaften, die nicht DFB-Präsident waren, die dort im Hintergrund ihr Unwesen getrieben haben, müssen sich langsam fragen, ob es noch dem Fußball gerecht wird, was da passiert.“ Der DFB müsse jetzt überlegen, wie er zu Harmonie, Loyalität und Qualität zurückfinden könne. „Das wird eine Schicksalsfrage sein, denn wir haben in vier Wochen eine EM, die auch in München gespielt wird.“

Auch die Anti-Korruptions-Expertin Sylvia Schenk kritisierte in einem Interview der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ den Zustand im DFB: „Es ist eine Katastrophe für den Fußball in Deutschland und weltweit. Wir machen uns lächerlich.“ Zugleich erneuerte die 68-Jährige ihr Interesse an einer zeitweisen Rolle als Aufräumerin.

„Ich kann mir vorstellen, dass man ein Übergangsteam die Rollen übernehmen lässt; das müsste satzungsmäßig zu machen sein. Dann wäre anderthalb Jahre Zeit, bis zum ordentlichen Bundestag im Herbst 2022, die Dinge aufzuklären, die aufzuklären sind, und Ruhe in den Laden zu bringen“, sagte Schenk.

Seit Jahren stehen sich Profis und Amateure unversöhnlich gegenüber. Nachdem die Chefs der Regional- und Landesverbände am Freitagabend ein Amtsenthebungsverfahren gegen Keller gefordert hatten, ergriff Rummenigge am Samstag prompt Partei für den angeschlagenen DFB-Präsidenten. „Ich glaube, Fritz Keller ist ein ehrbarer Mensch. Und wenn man auch mal eine Entgleisung gemacht hat, heißt das noch lange nicht, dass man ihn in dieser Art und Weise behandeln sollte. Das wird ihm in keiner Art und Weise gerecht“, sagte der Vorstandsvorsitzende des Rekordmeisters im ZDF-„Sportstudio“.

Er sei überrascht, dass sich die Amateurvertreter dafür ausgesprochen hätten, dass Keller mehr oder weniger aus dem Amt gejagt werden müsste oder sollte. „Ich muss offen und ehrlich sagen, ich verstehe das nicht“, so Rummenigge. Zugleich forderte er Koch auf, Kellers Entschuldigung für die verbale Entgleisung bei der Präsidiumssitzung am 23. April anzunehmen.

Das lehnt Koch jedoch ab. Als Berufsrichter empfinde er „den Vergleich mit Freisler, der wahlweise als „Blutrichter“ oder „Henker in Robe“ bezeichnet wird, persönlich als unglaublich verletzend“, betonte der Vizepräsident in einem Interview der „Welt am Sonntag“. Er habe Keller daher mitgeteilt, dass er dessen Entschuldigung „nicht akzeptieren kann“. Zumal er die verbale Entgleisung nicht provoziert habe.

Persönliche Konsequenzen aus den jahrelangen Querelen in der DFB-Führung schloss der 62-Jährige aus, obwohl er den momentanen Zustand als „nicht hinnehmbar“ für die Fans bezeichnete. Den Vorwurf, er sei angesichts der zahlreichen Präsidenten-Rücktritte der vergangenen Jahre der Königsmörder des deutschen Fußballs, wies der seit 2007 als Verbandsvize amtierende Koch zurück. „Wenn ich der Königsmörder des deutschen Fußballs bin, dann sind es Christian Seifert, Peter Peters und Hannelore Ratzeburg auch, weil sie mindestens genauso lange oder noch länger im Präsidium sind wie ich.“

Koch forderte vielmehr eine Reaktion von „Herrn Keller und auch der DFL-Vertreter im Präsidium und Vorstand“ auf das Misstrauensvotum der Amateurvertreter gegen den Verbandschef. Er habe aber „keine Erwartungshaltung“ bezüglich eines Rücktritts von Keller, sagte der Chef des Bayerischen Fußballverbandes. Im ZDF sagte er: „Die Lösung, die wir uns gemeinsam 2019 überlegt haben, hat keinen Erfolg gehabt.“

Der zerrissene DFB müsse nun schnell in eine geordnete Form gebracht werden. „Da müssen jetzt Themen behandelt werden. Wir sind gefordert, schnell zu Lösungen zu kommen“, forderte Koch. Dazu gehöre die finanzielle Unterstützung der Amateure durch den Profifußball. „Wir brauchen endlich Geld. Die 25 000 Amateurvereine erwarten, dass Solidarität geübt wird. Wir haben ein Jahr lang unterstützt, dass der Profifußball weiterspielen konnte. Jetzt haben wir noch zwei Spieltage, und noch immer ist kein einziger Cent an Solidarabgaben von der Bundesliga an den Amateurbereich gezahlt worden“, so Koch.

Anders als der DFB-Vize („Es geht nicht darum, die Köpfe des Amateurfußballs zu fordern“) gibt es für Schenk keine Alternative zu einem radikalen Umbruch. „Der Verband braucht einen Schlussstrich“, betonte sie. Ähnlich sieht es Lothar Matthäus: „Da muss ausgemistet werden“, sagte der Rekord-Nationalspieler mit Blick auf die Verbandsführung. „Sie haben den Fußball beschmutzt.“

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