Besser auf Nummer sicher – Ratgeber: Kindertransport per Fahrrad

Von Mario Hommen, SP-X
Bis zu zwei Kinder können auf dem XL-Gepäckträger des Cube Longtail Hybrid mitfahren
Bis zu zwei Kinder können auf dem XL-Gepäckträger des Cube Longtail Hybrid mitfahren Foto: Cube

Solange Kinder zu klein für ein eigenes Fahrrad sind, müssen sie bei den Eltern mitfahren. Mittlerweile bieten sich dafür viele Optionen.

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SP-X/Köln. Der seit Jahren anhaltende Boom der Lastenräder in Deutschland führt dazu, dass auch Kinder immer häufiger auf dem Fahrrad mitgenommen werden. Damit steigt auch die Zahl der Unfälle, bei denen mitfahrende Kinder zu Schaden kommen. Laut einer im März veröffentlichten Studie der Unfallforschung der Versicherer (UDV) ist ihre Zahl von 2019 bis 2022 um 45 Prozent gestiegen. Auch ein aktueller Skandal um Rahmenbrüche bei der beliebten Lastenradmarke Babboe hat das Thema Sicherheit beim Kindertransport zuletzt stärker in den Fokus gerückt. Mittlerweile gibt es viele Möglichkeiten, Kinder mit dem Fahrrad zu transportieren, die unterschiedliche Vor- und Nachteile im Alltag und bei der Sicherheit bieten.

Bis zu zwei Kinder können auf dem XL-Gepäckträger des Cube Longtail Hybrid mitfahren
Bis zu zwei Kinder können auf dem XL-Gepäckträger des Cube Longtail Hybrid mitfahren
Foto: Cube

Der Transport von Kindern auf dem Fahrrad ist nur wenig geregelt, auch wenn der Gesetzgeber in einigen Punkten Vorgaben macht. So muss der Radfahrer, der ein Kind auf dem Fahrrad transportieren möchte, mindestens 16 Jahre alt sein. Der Mitfahrer wiederum darf nicht älter als 7 Jahre sein und muss in einem für den Kindertransport vorgesehenen Sitz oder Anhänger Platz nehmen. Das im Straßenverkehr immer wieder zu beobachtende Mitfahren auf dem Lenker oder Gepäckträger ist hingegen nicht erlaubt.

Eine beliebte, weil für viele Fahrradtypen geeignete und zudem vergleichsweise preiswerte Möglichkeit, kleine Passagiere mitzunehmen, ist der Kindersitz, der am Rahmen oder Gepäckträger befestigt wird. Aufgrund ihrer relativ einfachen Handhabung eignen sich Kindersitze vor allem für den täglichen Kurzstreckenverkehr. Wird der Sitz nicht benötigt, kann er zudem mit wenigen Handgriffen abgenommen und in einer Ecke des Kellers oder der Garage verstaut werden. Sie sind in der Regel für ein Körpergewicht von 9 bis 22 Kilogramm und ein Alter von 9 Monaten bis 5 Jahren ausgelegt.

Seit 2002 sind Kindersitze für Fahrräder in der DIN EN genormt. Beim Kauf sollte daher darauf geachtet werden, dass der verwendete Sitz der aktuellen Norm 14344 entspricht. Empfehlenswert sind laut UDV-Studie zudem Modelle, die einen möglichst guten Seitenschutz im Kopfbereich bieten. Wichtig sind auch ein höhenverstellbarer Beinschutz, ein Schrittbügel sowie Hosenträgergurte oder Mehrpunktgurte.

Wer sich für die Kindersitzvariante entscheidet, sollte das Fahrrad mit einem stabilen Fahrradständer ausstatten. Der seitliche Klappständer bietet oft zu wenig Stabilität. Empfehlenswert sind zweiarmige Modelle, die verhindern, dass das abgestellte Fahrrad durch das Gewicht des Kindes kippt. Hilfreich ist auch die Anbringung eines Rückspiegels, um das Kind auf dem Rücksitz im Auge behalten zu können. Wichtig bei der Verwendung von Kindersitzen ist die veränderte Fahrdynamik und die erhöhte Kippgefahr beim Anfahren und bei niedrigen Geschwindigkeiten. Zudem kann sich das Auf- und Absteigen schwieriger gestalten. In jedem Fall empfiehlt sich für Ungeübte ein vorsichtiger Einstieg.

Bequemer und zudem rückenschonender für die Kinder ist der Fahrradanhänger. In ihm können bei vielen Modellen bis zu zwei Kinder mit einem Gesamtgewicht von etwa 40 Kilogramm mitgenommen werden. Bei Einkäufen oder Ausflügen bieten sie zusätzlichen Stauraum. Für Kinder sind Anhänger angenehm, weil sie Wetter- und Sonnenschutz, bequemere Sitze und in vielen Fällen ein gefedertes Fahrwerk bieten.

Empfehlenswert sind Anhänger, deren Rahmenkonstruktion gleichzeitig als Seiten- und Überrollschutz dient, was das Verletzungsrisiko der Insassen bei einem Aufprall mindert. Die Unfallforscher der UDV empfehlen außerdem eine fest eingebaute Beleuchtung, ein Blinklicht, einen gut sichtbaren Wimpel sowie eine eigene Bremse. Bei Kinderanhängern kann auch die Montage eines Rückspiegels am Lenker helfen, Anhänger und Ladung im Blick zu behalten.

Zu den Nachteilen von Kinderanhängern gehören der hohe Platzbedarf beim Abstellen und die ausladenden Abmessungen während der Fahrt. Poller und Pfosten können zu ungewohnten Hindernissen werden, Ausweichmanöver sind erschwert.

Auch die seit einigen Jahren besonders gefragten, weil vielseitig einsetzbaren und in vielen Fällen auch elektrisch unterstützten Lastenräder erweisen sich oft als sperrig. Das gilt vor allem für dreirädrige Exemplare, die meist mit einer Transportbox mit Platz für zwei bis vier Kinder ausgestattet sind. Vielfach sind die Boxen aus Holz und die Sitze einfach gestrickt. Die Unfallforscher der UDV halten einfache Sitzbänke und Rückenlehnen jedoch für unzureichend, um Kinder sicher zu transportieren. Varianten mit geschweißten Gitterrohrrahmen übertragen zudem zu viel Aufprallenergie auf die Insassen, Holzboxen können splittern und Kinder verletzen. Dreiräder sind zudem in vielen Fällen schwer zu fahren. Alternativ bieten sich hier Modelle mit Neigetechnik und einem deshalb meist weniger tückischen Fahrverhalten an.

Eine beliebte Alternative sind die einspurigen Long-John-Cargo-Bikes mit Transportbox, die in der Regel bis zu zwei Sitze bieten, oft sogar mit Isofix-Befestigungen für Babyschalen. Der Verkehrsclub ACE empfiehlt Transportboxen auf Basis technischer Schäume, die bei einem Crash den besten Schutz bieten. Für die Transportboxen von Drei- und Long-John-Rädern lassen sich bei den Fahrradherstellern oft noch maßgeschneiderte Kinderverdecke bestellen, die vor Regen und Fahrtwind schützen.

Eine dritte Cargobike-Alternative für den Kindertransport sind Lastenräder mit langem Heck, deren XXL-Gepäckträger meist Platz für zwei Passagiere bieten. Diese werden von den Fahrradherstellern in vielen Fällen mit Sitzbänken, Haltegriffen und Fußrasten für den Kindertransport ausgestattet. Alternativ oder zusätzlich lassen bei vielen der auch Longtails genannten Lastenräder am Heckträger ein oder zwei Kindersitze montieren

Der ADAC hat 2021 in Crashtests das Unfallrisiko der drei gängigen Lastenradtypen für den Kindertransport beim Zusammenstoß mit einem Pkw untersucht. Insbesondere beim Dreirad mit Frontbox und beim einspurigen Long-John-Lastenrad wurde bemängelt, dass sie beim Aufprall umkippen und über die Fahrbahn rutschen, was die Gefahr einer Kollision mit dem Gegenverkehr birgt. Den besten Unfallschutz in dieser Versuchsanordnung konnte das Longtail-Lastenrad bieten. Sofern sichere Sitze verwendet werden, sieht der ADAC die erhöhte Sitzposition als besonderen Vorteil, denn beim Aufprall befinden sich die Kinder außerhalb vom direkten Crashbereich.

Generell sind die Fahreigenschaften von Lastenrädern bei starker Beladung gewöhnungsbedürftig. Nachteilig ist auch der sehr hohe Platzbedarf, der den des Anhänger-Gespanns noch übersteigt. Zudem gehören hier hohe Preise zur Regel. Wenn es ein Modell mit E-Antrieb sein soll, werden schnell mehrere tausend Euro fällig.

Egal für welche Option zum Fahrradkindertransport man sich entscheidet, sollte Eltern noch einige generelle Tipps beherzigen. Der Nachwuchs sollte stets einen Fahrradhelm tragen und natürlich angeschnallt sein. Außerdem sollten Eltern natürlich auf die Herstellervorgaben hinsichtlich Größe und Gewicht der Fahrgäste achten.

Mario Hommen/SP-X