Archivierter Artikel vom 29.11.2010, 13:57 Uhr

„Arschfax“ und „Niveaulimbo“ – Wer spricht denn so?

„Niveaulimbo“ und „Arschfax“: Der Langenscheidt-Verlag kürt das „Jugendwort des Jahres“ – und rührt die Werbetrommel für sein Lexikon. Wissenschaftler schränken ein: Nur manche Jugendliche nutzen diese Wörter überhaupt.

München. Wenn Jugendliche sich darüber beschweren, dass das Niveau im deutschen Fernsehen sinkt, sprechen sie von „Niveaulimbo“. Guckt das Schild der Unterhose aus der Jeans, ist das ein „Arschfax“, und wenn jemand sich selbst googelt, heißt das auf jugendlich „egosurfen“. Das sagt zumindest der Langenscheidt-Verlag, der diese drei Wörter bei seiner Wahl zum „Jugendwort des Jahres“ 2010 auf das Treppchen gehoben hat. Am Montag verkündete und beschrieb der Langenscheidt-Verlag die Sieger des jährlichen Wettbewerbes.

Dass der Verlag damit auch die Werbetrommel für sein regelmäßig aktualisiertes Lexikon „Hä?? Jugendsprache unplugged“ rühren will, ist klar. Trotzdem ist die Wahl eine gute Sache, sagen Wissenschaftler – und auch die altehrwürdige Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) sieht das so. „Insgesamt ist das etwas sehr Interessantes und Nützliches – und sehr kreativ“, sagt der Leiter der GfdS-Sprachberatung, Lutz Kuntzsch.

Über eins müsse man sich bei der sogenannten „Jugendsprache“ allerdings im Klaren sein, sagt der Jugendforscher Klaus Hurrelmann, einer der Autoren der Shell-Jugendstudie: „Jugendliche reden nicht immer so.“ Wörter wie die jetzt ausgezeichneten seien speziellen Situationen und Gesprächspartnern vorbehalten. „Das sind keine Wörter, die in den Alltags-Sprachgebrauch integriert werden“, betont Hurrelmann. „Diese speziellen Wörter benutzen sie in kleinen Zonen und Segmenten – immer, wenn es darum geht, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und den Gesprächspartner zu beeindrucken.“

Trotzdem verraten diese Wörter einiges über die Jugendkultur von heute, sagt der Professor. „Das Wort “Niveaulimbo„ zeigt zum Beispiel, dass die Jugendlichen Standards durchaus kennen und verinnerlicht haben – das finde ich schon interessant.“

Noch mehr Aufschluss über die junge Generation als das erstplatzierte Wort gebe allerdings „egosurfen“ auf Platz 3. „Wissenschaftlich können die Jugendlichen heute als “Ego-Taktiker„ bezeichnet werden“, sagt Hurrelmann. Der eigene Status und wie man ihn beeinflussen kann, sei extrem wichtig. Und dazu passe, dass sich ein spezielles Wort für das „Sich-selbst-Googeln“ entwickelt habe. „Das gehört heute zur Grundausstattung eines jungen Menschen – man muss gucken, wo man steht und was man zählt. Das war schon immer in gewisser Weise so, hat sich aber in Zeiten der Kontaktnetzwerke noch verstärkt.“

Kuntzsch von der Gesellschaft für deutsche Sprache erkennt in der Wahl zum „Jugendwort des Jahres“ auch einen persönlichen Nutzen für sich selbst: „Auch ich weiß jetzt, was ein “Arschfax„ ist – und ich bin über 50“, sagt er. Darin allerdings sieht er auch genau das Problem dieser Wahl und des Langenscheidt-Lexikons: „Sobald ein Wort zum “Jugendwort des Jahres„ erklärt wurde, ist es eigentlich keins mehr“, sagt er. „Sobald die Wörter gedruckt sind, hat sich das erledigt.“ So sei es schließlich in der Geschichte der deutschen Sprache immer wieder gewesen. „Wir haben früher auch eine Jugendsprache gehabt und Dinge gesagt wie “Das ist ja ein steiler Zahn„ – irgendwann war das dann nicht mehr Jugendsprache.“ dpa