40.000
  • Startseite
  • » Reportage: Ausbreitung der Sharia-Justiz macht den Briten Angst
  • Reportage: Ausbreitung der Sharia-Justiz macht den Briten Angst

    London. Sie haben viel gelitten, jetzt geht es nicht mehr. Die zwölfjährige Ehe von Samiyah und Hashim* endet im kleinen Zimmer mit Laminatfußboden, einem Regal mit dicken arabischen Einbänden und Neonlampen, die kaltes Licht auf zwei eingesunkene Gestalten in schwarzen Sesseln werfen. Sie trägt Jeans und Stöckelschuhe. Der unrasierte Mann neben ihr hat ein zerknittertes Jackett angezogen.

    London - Sie haben viel gelitten, jetzt geht es nicht mehr. Die zwölfjährige Ehe von Samiyah und Hashim* endet im kleinen Zimmer mit Laminatfußboden, einem Regal mit dicken arabischen Einbänden und Neonlampen, die kaltes Licht auf zwei eingesunkene Gestalten in schwarzen Sesseln werfen. Sie trägt Jeans und Stöckelschuhe. Der unrasierte Mann neben ihr hat ein zerknittertes Jackett angezogen.

    „Er hat mich vergewaltigt“, sagt aufgeregt die junge Britin. Hashim hört reglos zu, dann verliert er die Beherrschung. Samiyah habe Alkohol getrunken, brüllt er. „Ruhe“, sagt der weißhaarige Brillenträger vor ihnen. Die sanften Worte von Sukhaib Hasan klingen wie ein Befehl, den man nicht mißachten darf.

    Die Muslimin Samiyah wuchs im Westen auf. Mit 15 Jahren wurde sie auf Druck ihrer Familie mit einem einfachen Mann aus Pakistan verheiratet. Sie passten nicht zusammen. Nachdem Hashim gewalttätig wurde, zog die selbstbewußte 27-Jährige mit ihrem Sohn aus.

    Die Eheleute aus Sheffield sind an diesem Tag 270 Kilometer weit nach London gereist, um ihren Streitfall von einem islamischen Gelehrten entscheiden zu lassen. „Ein gewöhnliches Gericht würde diese Ehe lösen“, erklärt in einer Sitzungspause Dr. Hasan. „Dagegen versuchen wir, die Beiden zu versöhnen“.

    Die Zentrale des Islamischen Sharia-Rats (ISC) unterscheidet sich äußerlich kaum von den schmucklosen zweistöckigen Wohnhäusern im Londoner Stadtteil Leyton. Doch der Schein trügt: Hinter dem Aushängeschild des ISC verbirgt sich eine einflußreiche Institution – ein Netzwerk aus Sharia-Gerichten, in denen die Finanz- und Familienprobleme nach den Koran-Prinzipien entschieden werden.

    Es ist eine undurchschaubare Parallelwelt, in der englisch und arabisch gesprochen wird, und die auf manche Briten bedrohlich wirkt. Sukhaib Hasan gründete 1982 den ISC, um die Konflikte unter Muslimen zu schlichten. 1996 wurde das fremde Rechtssystem in Großbritannien durch ein Gesetz legalisiert.

    Dabei wurden die Sharia-Gerichte den Schiedsgerichten gleichgestellt. Ihre Entscheidungen sind bindend, wenn sich beide Seiten zuvor damit einverstanden erklärt haben.

    Der ISC in London beschäftigt sich jeden Monat mit etwa 30 neuen Fällen.

    „Wir üben niemals Zwang aus und wir sind fair“, sagt sein Vorsitzender. In seinem kleinen Büro vor einer Bücherwand mit goldglänzenden Buchstaben wirkt Dr. Hasan Welten entfernt von den Glatzköpfen, die lautstark das Ende der Sharia-Justiz im Königreich fordern. Die Aufmärsche der Neonazis sind das sichtbarste Zeichen des Mißtrauens gegenüber dem Islam, den 51 Prozent der Inselbewohner als „feindselig“ empfinden.

    Es gibt auch andere Proteste. Zehntausende Briten haben Unterschriften für das Verbot des „barbarischen Rechts“ der Einwanderer gesammelt. Manche Zeitungen warnen das Land vor einem Abgleiten in die Diktatur, sollte die Politik nicht die Ausbreitung der alternativen Justiz stoppen.

    Die Alarmglocken begannen 2009 zu schrillen, nachdem die „Denkfabrik“ Civitas 85 Sharia-Gerichte auf der Insel gezählt hat. „Heute wird es Hunderte davon geben“, schätzt der Autor der Studie, Dennis MacEoin. Der Islam-Experte aus Newcastle warnt vor einer Aushöhlung der Demokratie. „Viele dieser Gerichte arbeiten im Untergrund.

    Die Imame können die Frauen diskriminieren, trotzdem sind ihre Urteile ein Gesetz für gläubige Muslime. Mich stört, dass niemand diese Situation überwacht“. MacEoin ist verbittert darüber, dass Camerons Regierung um das brisante Thema einen Bogen macht.

    Zuletzt haben die 1,7 Millionen Muslime in Großbritannien sogar Beistand von Prominenten erhalten. Erst begrüßte das Oberhaupt der Anglikaner, Rowan Williams, die "unvermeidliche" Verbreitung der Sharia. Der ranghöchste englische Richter, Nicholas Phillips, nannte sie später geeignet für die Schiedsgerichte, allerdings stellte er klar, dass das britische Recht Vorrang haben müsste.

    Das ärgert den Anwalt Faiz Siddiqi, der ein eigenes Netz aus sieben Sharia-Gerichten betreibt. „Es gibt gar keinen Widerspruch zwischen den beiden Rechtssystemen“, sagt der gebürtige Pakistaner, der im Schnitt etwa 60 Konflikte im Monat schlichtet.

    Auch Christen kommen jetzt mit ihren familiären Problemen zu Siddiqi – beim Muslim Arbitration Tribunal (MAT) sind es schon 15 Prozent aller Fälle. „Sie ziehen uns den herkömmlichen Gerichten vor, weil wir schneller arbeiten“, sagt der 44-Jährige. „Natürlich achten wir auch die Frauenrechte“.

    Siddiqui hält auch das „offene“ Deutschland als geeignet für die Einführung der Sharia. „Intelligente Menschen werden davor keine Angst haben“, versichert der Anhänger der Polygamie, der einmal die Homosexualität als „unmoralisch“ gegeißelt hat.

    Die Menschenrechtler waren über diese Äußerung ähnlich empört wie über ein Interview, in dem Sukhaib Hasan die Amputation von Gliedmaßen als Abschreckungsmaßnahme vorzuschlagen schien. Später hatte sich der ISC-Vorsitzende von dieser Idee distanziert.

    „Mein Vater hätte niemals solche Dinge sagen sollen“, sagt kopfschüttelnd Usama Hasan. Der 41-jährige Londoner ist ein Astrophysiker und ein Teilzeit-Imam in einer Moschee. Usama gilt als Meinungsführer unter den gemäßigten Muslimen, die für eine Reform der Sharia eintreten.

    „Früher war die Gesellschaft patriarchal, doch heute müssen andere Normen gelten“, argumentiert Hasan Junior. „Leider werden die meisten Moscheen von Traditionalisten geführt, die den alten Islam predigen. Wir müssen also eine breite Debatte führen“.

    Der mutige Querdenker bekam Morddrohungen, weil er Darwins Evolutionstheorie für kompatibel mit seinem Glauben erklärt hat. Obwohl Usama seitdem aus Sicherheitsgründen keine Freitagspredigten mehr hält, scheint er bei manchen konservativen Muslimen den Nerv getroffen zu haben.

    Auch bei seinem Vater, der sich heute mit größerer Vorsicht äußert. „Wir sind die Minderheit hier. Natürlich werden wir das Recht befolgen, das die Mehrheit der Briten seit Jahrhunderten entwickelt hat“, beschwichtigt Sukhaib Hasan.

    Er will einen letzten Versuch unternehmen, die Ehe von Samiyah und Hashim zu retten. Der Vorsitzende des Sharia-Gerichts in Leyton bittet die Mutter der jungen Frau hinein. Sie redet auf ihre Tochter ein, ohne Erfolg. „Ich weiß nicht mehr, was Liebe ist“, sagt weinend die 27-Jährige.

    „Außer Hass auf diesen Mann ist in meinem Herzen nichts mehr geblieben“. Dr. Hasan schaut sie lange an, dann macht er ein Zeichen, dass sie gehen kann. Im Sessel vor dem Richter bleibt ein schweigender, zerstörter Mann in einem zerknitterten Jackett sitzen.

    Von Alexei Makartsev

    * Namen von der Redaktion geändert

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Onliner vom Dienst

    Jochen Magnus

    0261/892-330 | Mail


    Fragen zum Abo: 0261/98362000 | Mail

    epaper-startseite
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Anzeige
    • Lokalticker
    • Regionalsport
    • Newsticker
    UMFRAGE
    Soll Koblenz sich als Europäische Kulturhauptstadt 2025 bewerben?

    Die Stadt Koblenz möchte ihren Hut in den Ring werfen und sich als Europäische Kulturhauptstadt 2025 bewerben. Was meinen Sie dazu, ist das eine gute Idee?

    Das Wetter in der Region
    Donnerstag

    19°C - 36°C
    Freitag

    15°C - 29°C
    Samstag

    16°C - 27°C
    Sonntag

    15°C - 26°C

    Das Wetter wird Ihnen präsentiert von:

    Rhein-Zeitung bei Facebook
    Rhein-Zeitung bei Twitter
    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!