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  • Kritik: Zwischen Wahnsinn und Melancholie

    In Afrika findet er endlich seine Erlösung: Franz Brenninger, Eisenwarenhändler kurz vor dem Konkurs, will eigentlich nur sein Geld zurückholen, das ihm kenianische Geschäftsleute mit kriminellen Machenschaften abgeluchst haben.

    Doch dann nimmt ihn dieser Kontinent mit seiner Kraft und seiner Magie gefangen und der manisch depressive Mann aus Oberbayern findet endlich seine emotionale Heimat.

    «Winterreise» heißt das neue Werk von Hans Steinbichler, das am 23. November in den Kinos anläuft. Ein wilder, kompromissloser und gleichzeitig poetischer Film nach dem Drehbuch von Martin Rauhaus, in dem der Schauspieler Josef Bierbichler («Hierankl») den kraftstrotzenden und gleichzeitig zerrütteten Brenninger gibt.

    Hanna Schygulla als Brenningers Ehefrau und Sibel Kekilli als Leyla können sich kaum entfalten. Josef Bierbichler zieht alle Register und spielt alle anderen an die Wand: Er lärmt und poltert, dröhnt und ächzt, schimpft und tobt. Brenninger ist ein Getriebener, ewig rastlos und ständig hadernd mit der Welt, wenn er nicht gerade in die Antriebslosigkeit seiner Depression verfällt. Sein liebstes Wort ist «Arschloch», das er auch bei jeder Gelegenheit voll Ingrimm hervorstößt.

    Selbst seine kränkelnde Frau - die er liebevoll «Muckerl» nennt - kann ihn kaum bändigen. Während Brenninger immer rastloser wird, wird sie immer stiller und ihr Augenlicht schwindet. Nur eine Operation könnte sie vor dem Erblinden retten. Um Geld zu beschaffen, lässt sich Brenninger auf ein Geldwäschegeschäft mit einem Kenianer ein, bei dem er nicht nur seine letzten Ersparnisse, sondern auch die seines Sohnes in den Sand setzt. Als er sich in Kenia zu seinem Recht verhelfen will, begleitet ihn die junge Kurdin Leyla - Englisch-Übersetzerin und Schutzengel zugleich.

    Steinbichler hat die triste Winterlandschaft Deutschlands mit den intensiven Farben Afrikas verwoben - zusammengehalten von Franz Schuberts Liederzyklus «Winterreise», der unter der sengenden Sonne Afrikas eigenartig bedrückend wirkt. «Schuberts Musik ist in diesem Film wie ein unterirdischer Energiestrom, der von Anfang an schon da ist, auch wenn das erste Lied erst ziemlich spät einsetzt, und im Verlauf immer stärker hervor kommt, immer enger mit Brenninger in Verbindung tritt», sagt Steinbichler.

    Während sich Brenninger sonst immer mit lautstarker Rockmusik zudröhnt, findet er in den melancholischen Liedern über Vergänglichkeit und Einsamkeit seine zerrissene Seele wieder. Immer wieder muss er diese Musik hören und singen: «Eine Straße muss ich gehen, die noch keiner ging zurück».

    Wie schon in Steinbichlers Kinodebüt «Hierankl» spielt auch in «Winterreise» das Thema Heimat eine große Rolle. «Bei Brenniger ist es so, dass die Heimatlosigkeit in seinem Charakter liegt», erklärt Steinbichler. «Deswegen mochte ich auch die Idee so gerne, dass dieser Mensch in Afrika verschwindet, in dieser Urwelt, wo wir ja alle herkommen - das war das Motiv, warum er für mich nach Afrika gehen musste.»

    Für die Nachwuchsschauspielerin Kekilli («Gegen die Wand») war der Dreh zu «Winterreise» ein besonderes Erlebnis, nicht zuletzt wegen der engen Zusammenarbeit mit Bierbichler. «Leyla ist ja die einzige Person, die an Brenninger ran darf, was ja bei den anderen unmöglich ist. Für sie ist er eine Vaterfigur, weil sie ihren eigenen Vater früh verloren hat.» Unaufdringlich und behutsam ist Leyla immer an Brenningers Seite. Anstrengend sei die Rolle gewesen, gibt Kekilli zu. «Für mich war das ein hoher Energieverbrauch, ich habe auch versucht, alles zu geben.»

    Cordula Dieckmann, dpa

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