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  • Kritik: Zwiespältiger Kinoblick in die Welt der Obdachlosen

    Deutschland ist ein reiches Land. Aber nicht alle hierzulande stehen auf der Sonnenseite. Da gibt es auch jene, die in den Großstädten auf der Straße betteln, unter den Brücken hausen und sich in U-Bahnstationen wärmen müssen. Das ist der ziemlich unbekannte, ungeliebte Lebensbereich, in den Jan Schüttes neuer Film "Fette Welt" führt.

    Fett ist diese Welt der Obdachlosen, Gescheiterten und Suchtkranken ganz und gar nicht, sondern so schäbig wie hoffnungslos. Wir Glücklicheren können sie gleichwohl nicht ignorieren. Aber wollen wir sie inszeniert auf der Leinwand sehen?

    Schütte hat einen durchaus anerkennenswerten Film gedreht. Er zählt nicht zu den deutschen Produktionen, die unter allzu großer, oft genug auch totaler Realitätsausblendung leiden. Im Gegenteil, es ist sogar eine Überdosis Realität, die da dem Betrachter in 90 manchmal zähen Minuten verabreicht wird. Wir lernen den jungen Herumstreuner Hagen Trinker kennen, die blasse heroinsüchtige Schönheit Liane, ihren hündischen Verehrer Edgar, die Edelberber mit den schönen Spitznamen "Botschafter" und "Stalin" sowie die knorrige Edda, die längst keine Scham mehr kennt, wenn es um ein paar Mark geht.

    Es geht rauh zu in diesem Deutschland von unten, aber nicht ganz ohne Liebe. Denn wir begegnen schließlich der entsprechenden Szene in München, der "Weltstadt mit Herz". Und ferner trifft Hagen auf die dralle 15jährige Ausreißerin Judith. Da funkt es natürlich, was zu Verwicklungen führt und Hagen nach Berlin treibt. Dort will er die verlorene Geliebte suchen, um endlich sein eigenes Leben, das noch viel verlorener schien, zu finden. Diese Kerngeschichte um Hagen und Judith wird umrahmt von einer Reihe Nebenhandlungen und Nebenfiguren, die zusammen erst den Film "Fette Welt" ausmachen.

    Aber wissen wir nach Schüttes Film wirklich, wie es in dieser Subkultur der Verlierer zugeht? Der einstige Dokumentarfilmer hat sich alle Mühe gegeben, diese fremde, nahe Welt intensiv mit eigenen Augen beobachtet und auch etliche echte Obdachlose als Darsteller in seinen Film integriert. Doch der Regisseur verhehlt ehrlicherweise nicht sein künstlerisches wie menschliches Grundproblem: "Auch wenn ich drei Nächte unter einer Brücke schlafe, gehe ich danach heim."

    Und dem Zuschauer geht es nicht anders: 90 Minuten betrachtet er dramatisiertes Elend samt sentimentalen Lichtblicken. Dann verläßt er das Kino, sieht einen Penner in der Großstadtpassage um die Ecke unter Decken - und geht weiter. Helmut Krausser, nach dessen Romanvorlage Klaus Richter das Drehbuch verfaßte, hat ein Jahr in diesem Mileu gelebt und daraus literarisches Kapital geschlagen. Das ist völlig legitim. Aber es bleibt beim Buch wie beim Film das unangenehme Gefühl, daß das keineswegs obdachlose Normalpublikum mit dem Elend armer Seelen unterhalten werden soll. Wirklich betroffen macht nur die Konfrontation mit der Realität. Dazu eignen sich nun einmal Dokumentarfilme viel besser.

    Wolfgang Hübner, AP

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