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  • Kritik: Zwei Frauen auf der Achterbahn der Gefühle

    Zwei Frauen Mitte vierzig wollen es noch mal wissen. Sie hauen ab nach Las Vegas, im Gepäck einen Haufen "Kohle", im Visier das pure Vergnügen. Sie haben niemandem etwas von dem Trip gesagt, nicht ihren griesgrämigen Ehemännern, den selbstsüchtigen Kindern oder den Kolleginnen in der Fabrik. Denn sie wissen, daß man sie sowieso nicht verstehen würde, und die Zeit ist knapp.

    Die beiden Frauen heißen Dawn (Brenda Blethyn) und Jackie (Julie Walters) und sind nicht nur Schwägerinnen, sondern auch beste Freundinnen. Zu Hause in ihrem Kaff in Nordengland meistern sie ihren Alltag, so gut es geht. Sie schuften Seite an Seite in der Fabrik oder schlagen sich mit dem Chef oder der Familie herum - nur freitags nicht. Dann ist "Girl's Night", Frauenabend, und sie gehen zusammen Bingo spielen. Als Dawn eines Abends den Hauptgewinn abräumt, ändert sich das Leben der beiden Schicksalsgenossinnen schlagartig.

    Doch so leicht, wie die Geschichte bis hier klingen mag, macht es Regisseur Nick Hurran seinem Publikum nicht. Dawn muß erfahren, daß ihre als besiegt geglaubte Krebserkrankung zurückgekehrt ist - ohne Aussicht auf Heilung. Zunächst erzählt sie niemandem von der schrecklichen Nachricht. Nur ihrer besten Freundin kann sie den schlechten Gesundheitszustand nicht verheimlichen. Die kämpferische Jackie begreift, daß sie sich bald für immer von ihrer Schwägerin verabschieden muß. Sie will, daß sich Dawn endlich den Traum ihres Lebens erfüllt und mit ihr nach Las Vegas fliegt.

    Zwei Frauen und eine tödliche Krankheit - die Geschichte von "Girl's Night" ist zwar nicht neu und auch ziemlich vorhersehbar. Trotzdem gehört er zu den bewegendsten Filmen, die sich mit diesem Thema befaßt haben. Das ist den beiden großartigen Schauspielerinnen Brenda Blethyn und Julie Walters zu verdanken. Blethyn, die vor zwei Jahren für ihre Rolle in Mike Leighs "Lügen und Geheimnisse" für den Oscar nominiert war, spielt erneut eine vom Schicksal gebeutelte Frau aus der Arbeiterklasse, die ihr hartes Los mit Gleichmut und ohne Wehklagen auf sich nimmt. Völlig anders dagegen die Schwägerin: Trotz ihres tristen Lebens ist sie voller Lebenshunger und Temperament. Sie scheut sich nicht, Männern, die ihre Söhne sein könnten, lüsterne Blicke nachzuwerfen.

    Das mitreißende Zusammenspiel der beiden Frauen ist wie eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Mal führen sie sich auf wie Thelma und Louise der Arbeiterklasse, mal drohen sie an ihrem Schicksal zu zerbrechen. Klar, daß Kinobesucher für "Girl's Night" auf jeden Fall ein paar Taschentücher dabei haben sollten. Trotzdem ist es Regisseur Hurran gelungen, immer wieder einige Prisen feinen, englischen Humors einzustreuen, ganz in der Tradition des British New Cinema. So hatte er die glänzende Idee, den knautschgesichtigen Kris Kristofferson aus der Versenkung zu holen. Als Cody, ein kerniger Rodeoreiter, weckt er in der todkranken Dawn noch einmal verloren geglaubte Emotionen. Gegen Ende droht der Film zwar in einem Meer von Tränen zu versinken. Dennoch hat man das seltene Gefühl, im Kino ein Stück Leben in all seiner Gnadenlosigkeit, Banalität und auch der puren Freude erfahren zu haben.

    Claudia Meichelbeck, AP

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