40.000
  • Startseite
  • » Kritik: Zeitdokument über eine autonome Berliner Frauen-WG
  • Kritik: Zeitdokument über eine autonome Berliner Frauen-WG

    Sie waren radikal, anarchistisch und autonom. Sie brauchten keine Kerle, die ihnen den revolutionären Kampf erklärten. Darum warfen sie die Männer aus ihrer Kreuzberger WG. "Die Ritterinnen" waren sieben, eine von ihnen, Barbara Teufel, hat einen Film über diese Zeit gedreht.

    Es war die Zeit des linksradikalen Kampfes in Berlin. Der Aufstand in Kreuzberg am 1. Mai 1987 und die Organisation der Kampagne gegen die IWF-Tagung bilden den Hintergrund für diese Rückschau. Aus Spielszenen, Dokumentarmaterial und Interviews mit den ehemaligen Ritterinnen entstand ein lebendiges Zeitporträt aus dem Inneren der autonomen Szene.

    Der politische Kampf war auch ein privater. Denn der Kampf gegen die herrschenden Machtverhältnisse richtete sich auch gegen die Bevormundung durch das männliche Geschlecht. Persönliche Liebesgeschichten waren verpönt, aber manchmal kollidierte das politische Selbstverständnis der kämpferischen Feministinnen mit ihren persönlichen Gefühlen. Auch um die Widersprüche befreiter Frauenpower geht es in Barbara Teufels Film. Sie selbst blickt ohne Verbissenheit auf diese Zeit radikaler Ideale zurück.

    Der Film ist souverän wie seine Ich-Erzählerin Bonnie (Jana Straulino), die das authentische Ensemble als autonomes Glamour-Girl überstrahlt. Dass Bonnie schon beim Bewerbungsgespräch in der WG gegen den strengen Dresscode der Szene verstößt, spielt keine Rolle. Sie hat die richtigen Bücher gelesen und ist darum den überheblichen Chef-Ideologen in der Kreuzberger Ritterhof-Fabrik intellektuell gewachsen. Sie darf ein-, die Männer aber müssen ausziehen. Die Rausgeschmissenen von damals erinnern sich ebenfalls in diesem Film, der rückblickend auch die Lebenskompromisse reflektiert.

    Nachdenklichkeit und Selbstironie schließen sich in diesem Zeitdokument nicht aus. Mit humorvollem Ernst beschreibt Barbara Teufel ein Stück jüngerer Geschichte. Dabei wirken "Die Ritterinnen" so echt, als seien sie direkt aus ihrer Zeit gecastet.

    Die glorreichen Sieben kämpfen an mehreren Fronten gegen die Machtverhältnisse: die globalen, die patriarchalischen und untereinander. "Ohne die Befreiung der Frauen gibt es keine Revolution" war das Kampfziel. Die Männer im IWF-Plenum mit ihren eigenen strategischen Methoden zu schlagen, war eine Sache, das ideologische Verdikt gegen Hetero-Beziehungen eine andere. Die autonome Frauenbewegung nahm eine Wende, die für die Ritterinnen im Kollektiv nicht mehr nachvollziehbar war.

    Eine andere politische Wende stand bevor. Die Mauer fiel. Die Geschichte mündet im historischen Dilemma der Frauenbewegung, die schließlich ihre eigenen Herrschaftsansprüche geltend machte. Der radikal-feministische Anspruch blieb in der Ausweitung der weiblichen Kampfzone eine Utopie. Die Ritterinnen kämpften für Ziele, die nicht zu realisieren waren. In Barbara Teufels Film eine Chronologie des Scheiterns zu sehen, wäre trotzdem falsch. Das unterscheidet ihn, gerade in seiner Vitalität, vom bleiernen Zeitgeist vieler Alt-'68er- Chroniken.

    Ricarda Schrader, dpa

    epaper-startseite
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Das Wetter in der Region
    Sonntag

    -5°C - 4°C
    Montag

    -2°C - 4°C
    Dienstag

    0°C - 4°C
    Mittwoch

    3°C - 6°C
    Anzeige
    UMFRAGE
    Thema
    Umfrage: Feiertagsruhe

    Ist es noch zeitgemäß, an etlichen Feiertagen Musik-, Sport- und Tanzveranstaltungen zu verbieten?

    Rhein-Zeitung bei Facebook
    Rhein-Zeitung bei Twitter
    Anzeige
    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!