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  • Kritik: Zeichentrick-Musical "Anastasia"

    Es war einmal ein Filmkonzern namens 20th Century Fox. Der sah, wieviel Geld sein Nachbar Disney mit Trickfilmen verdient, und wollte es ihm gleichtun. Also stellte er zwei erfolgreiche Disney-Veteranen ein und ließ sie

    produzieren. Dieses prachtvoll gezeichnete Musical um eine schöne Prinzessin, einen bösen Zauberer und einen tapferen jungen Mann sollte viele junge Mädchen ins Kino locken. Aber manches Märchen verträgt sich mit der Wirklichkeit allzu wenig.

    Für "Anastasia" gilt das in doppelter Hinsicht. Trotz der aufwendigsten Werbekampagne in der Geschichte der 20th Century Fox - der Etat war ein Drittel größer als für "Independence Day" - kam der Film in den USA nur mittelprächtig an. Zum anderen klittert er die geschichtliche Wahrheit hemmungslos. Die jungen Zuschauer werden Mühe haben, das bunte Zerrbild wieder aus dem Kopf zu bekommen.

    "Anastasia" beginnt mit einem Ball im Winterpalast des Zaren. Großes Orchester, Chor und das Breitwandformat lassen die Pracht des Festes miterleben. Die achtjährige Zarentochter Anastasia singt, tanzt und lacht mit ihrer liebevollen Großmutter, der Großfürstin. In dieses Paradies bricht Rasputin ein: Der böse Zauberer mit Schlitzaugen und langem Bart belegt den aufrechten Monarchen und seine Familie mit einem Fluch. Kurz darauf stürmen bolschewistische Revolutionäre den Palast. Nur Anastasia und die Großfürstin können fliehen, werden aber getrennt.

    Und diebauern singen:Zehn Jahre später lebt Anastasia in einem Waisenhaus. Sie ist eine wunderschöne junge Frau geworden, mit roten Haaren, großen Augen, selbstbewußt und klug. Aber sie hat keine Erinnerung mehr an ihre Herkunft. In Rußland herrschen jetzt Armut und Hunger, die meisten Menschen sind mürrisch, und die Bauern singen: "Seit der Revolution ist unser Leben so grau."

    Der wirkliche Rasputin war Berater der Romanows bis zu seiner Ermordung 1916. Not kannten die Bauern schon zu jener Zeit - das war eine wesentliche Ursache der Oktoberrevolution. Und die gesamte Zarenfamilie wurde von den Bolschewisten im Juli 1918 im Ural umgebracht - auch Anastasia. Eine angebliche Tochter wurde vor kurzem als Hochstaplerin entlarvt. Filmproduzent Don Bluth meinte dazu, die Wahrheit sei zu dunkel, als daß sie in einen Familienfilm passen würde.

    Statt dessen setzt er dem Publikum eine honigsüße Liebesgeschichte als Unterhaltung vor. Viel zu lachen haben die Zuschauer nur, als Rasputin in seiner Vorhölle erfährt, daß Anastasia noch lebt. Er gerät in Rage, und seine alten Knochen geraten aus den Fugen und machen sich selbständig. Mit trockenem Humor kommentiert Bartok, eine weiße Fledermaus aus dem Gefolge des Zauberers, das Wüten des Meisters.

    Anastasias einziger Hinweis auf ihre Familie ist ein Spieluhr-Schlüssel mit der Inschrift "Zusammen in Paris". In St. Petersburg gerät sie an zwei Betrüger, den schönen Dimitri und seinen väterlichen Komplizen Wladimir. Die beiden suchen irgendein Mädchen, das sie der in Paris lebenden Großherzogin als angebliche Enkelin und Erbin verkaufen können, um die ausgelobten 10.000 Rubel Belohnung zu kassieren. Anastasia läßt sich überreden - doch Rasputin und seine teuflische Gefolgschaft bleiben ihr auf den Fersen.

    Die aufregende Reise nach Westen gehört zu den stärkeren Partien des Films. Auch das Auge kann schwelgen, im Ballsaal oder beim Blick auf die Kulisse St. Petersburgs, im Salonwagen oder wenn ein Dampfer nachts das Meer durchpflügt. Immer wieder wählen Bluth und sein Partner Gary Goldmann Perspektiven, die für Zeichentrickfilme eher ungewöhnlich sind. In Paris wird die Abenteuer- zur Liebesgeschichte. Die Stimmungen im Film werden von Musik und unzähligen Songs untermalt, aber ein Ohrwurm ist nicht darunter. In den deutschen Kinos startet der Film am 2. April.

    Roland Losch, AP

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