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  • Kritik: Woody Allens Stadtneurotiker der 2. Generation

    «Trau niemals einem nackten Busfahrer!» - für Sprüche wie diese lieben ihn seine Fans. Und in seinem neuen Film «Anything Else», der vergangenes Jahr die Filmfestspiele von Venedig eröffnet hat, bietet Woody Allen («Manhattan», «Stadtneurotiker») eine Menge davon.

    Schließlich wird wieder ohne Punkt und Komma geredet - vorzugsweise im Central Park. Nach mehr als 35 Jahren im Filmgeschäft räumt Woody Allen nun mit all den Psychosen auf, mit denen sich sein Alter Ego in unzähligen Filmen herumgequält hat.

    Neue Mischung

    New Yorker Neurotiker, Psychiater, nervtötende Frauen - die Zutaten sind bekannt, doch die Mischung beim jüngsten Woody-Allen-Film ist neu. Denn hier spielt der große, kleine Regisseur und Schauspieler ausnahmsweise nicht den Patienten, sondern den Katalysator, der seinem jungen, ebenfalls jüdischen Künstlerkollegen Jerry (Jason Biggs, «American Pie») hilft, dessen Leben grundlegend zu ändern. Und das ist bitter nötig. Denn Jerry, der selbst sein Hauptproblem darin sieht, niemanden verlassen zu können, hängt an einem stummen Psychiater, einem inkompetenten Manager (dem brillanten Danny de Vito) und vor allem an einem wahren Luder von Freundin (umwerfend gespielt von Christina Ricci).

    David Dobel (Woody Allen) hat gelernt, mit den Schattenseiten des Lebens zu leben: Kompromisslos, gewaltbereit (in jedem Zimmer eine geladene Waffe), mit Überlebenskit (wasserresistente Zündhölzer) ausgerüstet, und um die Erkenntnis reicher: Am Ende sind wir alle allein, und das ist auch gut so. Pessimistischer geht es kaum - doch Dobels abstruse Witze (selbst über den Holocaust), seine nüchterne Sichtweise und die pragmatischen Tipps entlocken dem Zuschauer so manches Lachen.

    Das Leben ist ungerecht, böse, ein Mysterium

    Das Leben ist ungerecht, böse, ein Mysterium. Diese Lektion muss auch Jerry lernen. Gebeutelt durch Sex-Entzug und vermuteten Betrug durch die verführerische Amanda kommt er irgendwann zu der Einsicht: «Selbstmord würde nur einen Teil meiner Probleme lösen.» Schmerzlich erlebt der Zuschauer, wie der herzensgute Jerry - peinlich in seiner blinden Verliebtheit - es lange nicht schafft, einen Schlussstrich zu ziehen. Dabei müsste er nur auf den altersweisen, Psychose erfahrenen väterlichen Freund hören.7p

    Der ist zwar maßlos überspannt - wie nicht anders von einem von Woody Allen gespielten New Yorker zu erwarten - aber er sieht die Dinge erschreckend klar. Jerry, der meint, nicht allein sein zu können, erfährt angesichts der bitteren Alternativen letztlich ein ungewöhnliches Happy End. Der Zuschauer atmet auf nach etlichen anstrengenden Szenen mit Nervensäge Amanda und ihrer Mutter Paula (Stockard Channing), einer abgetakelten Sängerin, die ihrer Tochter Kokain zu naschen gibt.

    Intelligente Dialoge mit bitteren Zwischentönen

    Keine großen Überraschungen - aber dafür gibt es intelligente Dialoge mit bitteren Zwischentönen. «Anything Else» richtet sich eindeutig an Zuschauer, die gewitzt, aber nicht platt, unterhalten werden wollen und Sinn für hintergründige Anspielungen haben. Außerdem kommen Liebhaber von Jazz-Musik à la Billie Holiday und Diana Krall (gibt im Film ein kleines Konzert) auf ihre Kosten - schließlich spielt der 68-jährige Allen selbst leidenschaftlich gern Jazzklarinette und tourte vergangenen Monat sogar durch Deutschland.

    dpa

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