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  • Kritik: Wie es euch gefällt

    Es gibt ein untrügliches Erkennungsmerkmal für gute Filme: Wenn von den ersten Bildern an ein Ton angeschlagen wird, der die Wirklichkeit zum Klingen bringt und zugleich verwandelt. Wenn sich plötzlich alles eine Etage über dem Boden abspielt und keiner mehr fürchten muß, vor dem Schluß womöglich abzustürzen. Gute Filme schaffen das - auch Rossini. Große Filme schaffen das spielend - Rossini nicht.

    Das ist ein etwas ernüchternder Einstieg für eine ziemlich begeisterte Kritik. Daran ist Dietl jedoch, wenn man so will, selbst schuld. Fünf Jahre hat er seit Schtonk gebraucht, um wieder etwas fürs Kino zu produzieren, fünf Jahre, in denen man sich mit Wiederholungen seiner Fernsehserien trösten mußte, die allerdings zum Größten gehören, was der deutsche Film in den letzten zwanzig Jahren hervorgebracht hat. Der Druck, der auf ihm lastet, ist - das wird auch in Interviews deutlich - gewaltig. Die Erwartungen des Publikums sind es auch. An ihnen muß sich ein Film von Dietl messen lassen - unabhängig von der Frage, ob er besser ist als der Rest. Der völlig berechtigte Bayerische Filmpreis für die beste Regie beantwortet diese hinreichend.

    Rossini ist also der Film, auf den München seit Jahren gewartet hat, der Schlüsselfilm über die bayerische Filmmetropole - und tatsächlich hat Dietl damit sich und seinen Freunden ein Denkmal geschaffen. Daß dabei keiner gut wegkommt, ändert nichts daran, daß die Faszination an der Branche und der Art, wie sie lebt und sich gibt, erhalten bleibt. Was sind wir nur für ein verkommener Haufen, scheinen sie uns zuzuprosten, aber wir leben wenigstens das Leben, von dem ihr träumt - und zahlen unseren Preis dafür. Natürlich legt Dietl Wert auf die Feststellung, daß jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen rein zufällig ist. Ist sie natürlich nicht. Aber für den Genuß spielt es wirklich keine Rolle, daß man weiß: Who is who? Das erledigt die Fachpresse.

    Worum geht es also? Um ein Restaurant in irgendeiner deutschen Großstadt, wo sich die Filmbranche zur allabendlichen Nabelschau trifft. Die mörderische Frage, wer mit wem schlief, stellt sich eigentlich gar nicht, sondern eher die Frage, wieviele bekannte Namen und Gesichter man unter einen Hut bringt, ohne daß der Film auseinanderbricht. Die Liste der Stars ist endlos - und alle geben sie ausnahmslos ihr Bestes. Es ist völlig sinnlos, jemanden hervorzuheben, denn so wie in Robert Altmans Short Cuts ist jeder eine Schau. Dies ist eben kein Film wie andere.

    Wenn die Kamera zum erstenmal eintaucht in den Jahrmarkt der Eitelkeiten, der im 'Rossini' inszeniert wird, dann weiß man, daß dieser Film vor allem Choreographie ist. Im Kommen und Gehen von Kellnern und Gästen, im Wechsel von kleinen Auftritten und großen Szenen findet die Geschichte zu sich. Nicht auf den Plot kommt es an, sondern aufs Neben-, In- und Durcheinander, das seine eigene geometrische Schönheit entwickelt. Dabei geht es nur darum, daß ein Produzent einen Regisseur dazu bringen muß, einen Autor dazu zu überreden, endlich die Rechte an seinem Bestseller namens 'Lorelei' herauszurücken. Und inmitten dieser Bemühungen läuft ihnen auch noch die Idealbesetzung für die Titelrolle über den Weg.

    Der Regisseur, der Produzent, der Dichter, der Wirt, die Bedienung, der Prominentenarzt, die Schauspielerinnen, die Anwälte und die Gaffer verwickeln sich in einen selbstzerstörerischen Taumel, in einen Totentanz auf Raten, der jeden Abend das Ende der Welt feiert, um am nächsten Morgen lediglich den täglichen Kater zu zelebrieren.

    Und Dietl läßt nicht locker: Es gibt nicht eine Figur, die mit heiler Haut davonkommt. Jede lebt ihre Lüge mit einer Inbrunst, daß man am Ende nur noch auf die Tragödien lächerlicher Existenzen blickt. Und wenn der Regisseur seiner Frau im fernen Südfrankreich am Telephon seine Liebe versichert, dann meint er in Wirklichkeit die Frau, die er im Restaurant gerade vor Augen hat. Szenen wie diese, in denen er noch den letzten Rest von irgendwie wahren Gefühlen untergräbt, machen Dietl zu dem, was er ist. Er ist vielleicht ein sentimentaler Hund - aber er gibt dem Sentiment keine Chance, sich irgendwo breitzumachen.

    Es hat schon seinen Grund, warum die einzige Szene, in der diese Geschichte ihren eigenen Zwängen entkommt, jene ist, in der Gudrun Landgrebe im feuerroten Kleid auf der Toilette sitzt und versucht, ihre Verstopfung zu überwinden. Die Kamera nimmt die Schmerzensgestalt wie ein Wesen von einem anderen Stern ins Visier - als sei sie selbst überrascht, daß all die Wehwehchen hier auf einmal echte Pein verursachen. Und man beginnt zu ahnen, daß all die Phantomschmerzen, die hier gepflegt werden, irgendwann einmal einen so realen Schmerz hervorrufen werden, daß jemand daran zerbricht. Und wenn es so weit ist, helfen all die Netze und doppelten Böden auch nichts mehr.

    Rossini überzeugt also durch die Konsequenz, mit der Dietl seine Geschichte einem Ende entgegentreibt, und durch die Sicherheit, mit der er die einmal angeschlagene Tonhöhe beibehält. Aber man merkt dem Film die Anstrengung an, sich keine Blöße geben, um jeden Preis reüssieren zu wollen. Manchmal lebt aber das Kino vom genauen Gegenteil: von den losen Enden und den Momenten der Schwäche, wo ein Film etwas von seiner Seele preisgibt. Hier gibt es nichts, was einem ans Herz wachsen könnte. Und dann denkt man unweigerlich an den Monaco Franze, der einen arglosen Zimmerkellner anfährt und dabei Dinge über seine Heimatstadt sagt, die einem jedesmal die Tränen in die Augen treiben.

    Rossini mag Dietls Version von All About Eve sein, und natürlich sagt er wieder mal alles, was es über München zu sagen gibt - aber nur gut ist für Dietl einfach nicht gut genug.

    MICHAEL ALTHEN ROSSINI - ODER DIE MÖRDERISCHE FRAGE, WER MIT WEM SCHLIEF, BRD 1996 - Regie: Helmut Dietl. Buch: Dietl und Patrick Süskind. Kamera: Gernot Roll. Produktionsdesign: Albrecht Konrad. Schnitt: Inez Regnier. Musik: Dario Farina. Darsteller: Götz George, Mario Adorf, Heiner Lauterbach, Gudrun Landgrebe, Veronica Ferres, Joachim Kr�l, Hannelore Hoger, Achim Rhode, Jan Josef Liefers, Martina Gedeck, Meret Becker, Axel Milberg. Verleih: Constantin. 110 Minuten.

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