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  • Kritik: Wer nicht liebt, leidet

    Den beschlagenen Spiegel im Bad wischt Dora mit einem Handstreich frei. Ihr Blick ist verwundert, beinahe ungläubig: Verändert hat sie sich - und wie. Die zurückgezogene, vom Leben und von der Liebe enttäuschte Dora glaubt wieder an eine Zukunft voller Hingabe und Emotionen.

    In Franziska Meletzkys Kino-Kammerspiel «Nachbarinnen» sorgt die schicksalhafte Begegnung mit der Polin Jola für die Wandlung der allein stehenden Paketbotin um die 40. Fasziniert von Jolas Offenheit und Direktheit beginnt auch Dora, sich dem Leben wieder zu öffnen.

    Die junge Leipziger Regisseurin Meletzky feiert mit «Nachbarinnen» ein beachtliches Spielfilm-Debüt. «Es geht mir um die ganz große Nähe zwischen zwei Frauen, ohne aber in eine lesbische Schiene mit Coming Out zu rutschen», sagt sie. Meletzky konzentriert sich dabei auf die Beobachtung der zwischenmenschlichen Dimension und verzichtet auf jedes Spektakel. Schlachten finden allenfalls im Inneren der Figuren statt. «Es ist ein sehr leiser Film», betont sie. Für Aufmerksamkeit sorgte er dennoch: «Nachbarinnen» wurde für den Nachwuchspreis First Steps der deutschsprachigen Filmschulen nominiert.

    Dora (Dagmar Manzel) wohnt in einer Plattenbausiedlung in Leipzig. Von ihrem Mann wurde sie vor Jahren verlassen, ihre Gefühle versteckt sie hinter Alltagsroutine. «Sie hat beschlossen, nicht zu leiden», sagt Darstellerin Manzel. Jola (Grazyna Szapolowska), noch nicht lange in Deutschland, arbeitet im selben Wohnblock als Kellnerin. Als sie eines Abends mit dem Kneipier Bernd um fehlendes Geld in der Kasse streitet, löst sich aus dessen Waffe ein Schuss. Jola flüchtet und klopft völlig verstört an Doras Tür. Beim zunächst erhofften Versteck für eine Nacht bleibt es nicht - auch, weil Dora es so will.

    Für «Nachbarinnen», zugleich ihre Diplomarbeit an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg, konnte Meletzky ihre Wunschbesetzung gewinnen. Neben Szapolowska, die unter anderem schon in Filmen von Krzysztof Kieslowski («Dekalog», «Ein kurzer Film über die Liebe») zu sehen war, überzeugt vor allem Manzel in der Rolle der Dora. «In ihr wollte ich den Widerspruch zeigen: Eine nach außen schroffe Frau, die aber auch das Gegenteil in sich trägt, die nach innen viel Liebe spürt», erklärt Meletzky.

    Diese verschütteten Gefühle legt Jola wieder frei. «Wenn man liebt, muss man sich bewusst sein, dass man leiden kann. Und wenn man nicht liebt, leidet man schon», zitiert sie im Film eine Weisheit aus ihrer Heimat. Dora nimmt sich das zu Herzen - auch, nachdem Jola nach einem Streit wieder aus ihrem Leben verschwindet.

    Ein Plädoyer für die Liebe über alle Grenzen oder ein Bild des Scheiterns eines Liebestraums an den Grenzen der Realität? «Man kann beides herauslesen», findet Meletzky. Manzel bevorzugt die aufmunternde Sicht. «Es gibt so viele, die sich zurücknehmen aus Angst, sie könnten verletzt werden», sagt sie. Wenn man es aber nicht schaffe, Emotionen zuzulassen, drohe ein trauriges Ergebnis: «Dann hat man existiert, war aber eigentlich gar nicht da.»

    dpa

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