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  • Kritik: Wenders kombiniert Kopfkino und US-Thriller

    Hamburg (dpa) - "Define violence - definier Gewalt." Die Stuntfrau Cat, die gleich in der ersten Szene kurz vor einem spektakulären Einsatz zu diesem Statement aufgefordert wird, hat ihre eigene Vorstellung von Gewalt - Nervenkitzel, ein berechnendes Sich- Einlassen auf eine unberechenbare Gefahr gehören dazu.

    Doch Gewalt hat 1.000 Gesichter. Wim Wenders zeigt in seinem neuen Film einige davon - in ihren Spuren und Auswirkungen, fast nie direkt. "Am Ende der Gewalt" kommt am Donnerstag (27.11.) in die deutschen Kinos - nach einer mäßigen Aufnahme beim Filmfestival in Cannes neu geschnitten und in dieser Version bereits zum US-Erfolg avanciert.

    Es ist eine virtuelle, medienverseuchte Welt, in die Deutschlands Filmintellektueller Nummer eins seine Protagonisten bettet: Im Mittelpunkt steht ein Hollywood-Produzent von drittklassigen Action- Thrillern (Bill Pullman als zunächst skrupelloser Michael Max), dessen Leben ausgerechnet durch eine brutale Entführung eine entscheidende Wendung nehmen soll. An seiner Seite und doch meilenweit von entfernt seine frustrierte Luxusfrau Paige (Andie MacDowell), die ihm die Trennung - obwohl nur durch eine Fensterscheibe von Max getrennt - via Handy mitteilt.

    Schöne neue Medienwelt also - und auch ein großer Bruder, der alle beobachtet, ist im Spiel: Der Computerspezialist Bering (verstörend und verschroben gut: Gabriel Byrne) arbeitet an einem geheimen FBI- Projekt mit, das vordergründig die Gewalt in Los Angeles durch Videokontrolle bannen soll. De facto aber scheinen sich seine Auftraggeber an ihrer Überwachungsmacht gefährlich zu berauschen. Morde passieren, die entsprechenden Videoaufnahmen sind auf geheimnisvolle Weise gesperrt. Bering riecht den Komplott und sucht Hilfe ausgerechnet bei Mike Max. Gewalt ist gesät und wird geerntet.

    Doch was in der neugeschnittenen Version wesentlich geradliniger dem traditionellen Actionfilm-Format nachkommt, streift seine komplexe Schichtenstruktur dennoch nicht völlig ab. Wie ein lockeres Geflecht sind die Lebensfäden von Max, Paige und Bering, vom Stuntgirl Cat, dem Polizisten Block, dem Rapmusiker Six und der Putzfrau Mathilda aus El Salvador miteinander verwoben. Viele Spielarten der Gewalt im Schmelztiegel LA werden so zum Thema: Vom brutalen Gangsta-Rap in der Musik bis zu den Folterspuren auf Mathildas Haut. Von der Verletztheit der vernachlässigten Ehefrau bis zur Verletztheit des vom Vater mißbrauchten Mädchens.

    Bei der Rezeption dieser Gewalt spielt die allgegenwärtige Macht der Medien eine dominierende Rolle. Technische Errungenschaften, Handys, Bildtelefone, Videoschaltungen, dienen ihren Benutzern in Wenders Film letztlich aber nie zum Guten, sondern treiben die Wucherungen der Gewalt voran. Im vitalen Gegensatz zu dieser virtuellen Welterfahrung steht das "wirkliche" Leben, das Produzent Max nach seiner Entführung schließlich - prall und fröhlich - im Kreis einer mexikanischen Gärtnerfamilie findet.

    Trotz dieser klaren Gegenpole weist Wenders, der das Script zusammen mit US-Drehbuchtautor Nicholas Klein entwickelte, einen moralischen Anspruch zurück. "Wir haben versucht, Gewalt als Phänomen zu betrachten. Wir sahen sie einfach als das, was sie heute ist: Ein Konsumartikel, ein Produkt." Das habe sich vor der Kulisse Hollywood besonders gut verwirklichen lassen: "Los Angeles hat eine besondere Textur der Gewalt", sagte Wenders im Interview. In Berlin wäre der Film nach Ansicht des Deutschen, der auch sein nächstes Projekt "The Billion Dollar Hotel" nach der Idee von U2-Bandmitglied Bono in den USA drehen will, ein ganz anderer geworden.

    Ob "Am Ende der Gewalt" in seiner eigentümlichen Mixtur aus US- Thriller und europäischem Kopfkino auch sein deutsches Publikum findet, bleibt fraglich. Nicht nur Wenders-Fans dürfte hingegen der von Ry Cooder konzipierte Soundtrack begeistern, der auch auf CD auffordert: "Define Violence" - und die Antwort gibt "The Absence of Love - die Abwesenheit von Liebe".

    Von Andrea Barthelemy, dpa

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