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  • Kritik: Weihnachtslieder im Niemandsland

    Weihnachten 1914: Desillusioniert hocken die deutschen, französischen und schottischen Soldaten in ihren Schützengräben an der Westfront. Zu ihnen gehört ein deutscher Operntenor (Benno Fürmann), der nach einem Konzertabend mit seiner Partnerin (Diane Krüger) wieder zu den Kameraden zurückkehrt.

    Als er dort am Heiligabend «Stille Nacht» anstimmt, ertönen plötzlich Dudelsackklänge der Schotten und die Franzosen applaudieren jubelnd. Die miteinander verfeindeten Soldaten springen aus ihren Schützengräben, stellen Weihnachtsbäume im Niemandsland auf und beginnen miteinander zu feiern.

    Mit dem ergreifenden Drama «Merry Christmas» liefert der französische Autor und Regisseur Christian Carion («Eine Schwalbe macht den Sommer») ein flammendes Plädoyer gegen den Krieg, der mit jedem Schritt, den die Männer aufeinander zugehen, absurder wirkt. Und das kaum Vorstellbare: Der Film basiert auf tatsächlichen Geschehnissen.

    Bei den internationalen Filmfestspielen in Cannes wurde der packende Anti-Kriegsfilm mit minutenlangen Standing Ovations gefeiert; als französischer Beitrag ist er für den Auslands-Oscar vorgeschlagen. Produziert wurde dieser 18 Millionen Euro teure Kinofilm in französisch-deutsch-englisch-belgisch-rumänischer Koproduktion. Neben dem französischen Produzenten Christophe Rossignon («Irreversible», «Hass») sind an «Merry Christmas» von deutscher Seite Benjamin Herrmann («Der Schuh des Manitu», «Was nicht passt, wird passend gemacht») und Christopher Borgmann beteiligt.

    Ursprünglich sollte der Film in Frankreich gedreht werden, doch die französische Armee verweigerte der Produktion die Genehmigung, in einem ihrer Gebiete das Niemandsland nachzubauen. «Aus Sicht der französischen Armee ist "Merry Christmas" kein Film, der zum militärischen Gehorsam erzieht», erklärt Fürmann, «denn er erzählt von Soldaten, die nicht ihr Vaterland verteidigen, sondern sich mit ihren Gegnern verbrüdern».

    Diese unglaubliche Geschichte, in der die verfeindeten Truppen am Weihnachtsabend gemeinsam feiern, hat sich tatsächlich im Ersten Weltkrieg ereignet. Einige Tage lang begraben die deutschen, französischen und britischen Soldaten gemeinsam die Toten, spielen Fußball und bieten den vermeintlichen Gegnern bei Luftangriffen sogar Zuflucht in ihrem Schützengraben. Als die Heeresleitungen von dieser «Verbrüderung mit dem Feind» erfahren, werden die Männer an eine andere Front versetzt.

    Festgehalten ist dieses historische Ereignis in dem Buch «Batailles de Flandres et d'Artois 1914-1918» von Yves Buffetaut, auf das Carion 1993 durch Zufall aufmerksam wurde. Um möglichst viele Details in Erfahrung zu bringen, stellte er in englischen und französischen Archiven intensive Recherchen dazu an. Besonders fasziniert war er dabei von dem deutschen Tenor, der durch seinen Gesang die Kanonen zum Schweigen brachte. Auch der Journalist Michael Jürgs war von der ungewöhnlichen Weihnachtsfeier auf dem Schlachtfeld fasziniert. Sein Buch «Der kleine Frieden im Großen Krieg» erschien 2003 bei C. Bertelsmann.

    In «Merry Christmas» leiht der mexikanische Tenor Rolando Villazón, der bei der diesjährigen «Echo»-Preisverleihung zum «Sänger des Jahres» gekürt wurde, dem Hauptdarsteller seine Stimme. Dennoch nahm Fürmann mehrere Wochen lang Gesangsunterricht, um sich auf diese Rolle vorzubereiten.

    Mit dieser ungewöhnlichen Weihnachtsgeschichte bringt Regisseur Carion ein bewegendes, historisches Ereignis auf die Leinwand. Mit Mut, Menschlichkeit und Zivilcourage setzten sich 1914 an der Westfront die Soldaten über die Befehle der militärischen Machthaber hinweg und lebten einige Tage lang den «Kleinen Frieden im Großen Krieg». Nach diesem Waffenstillstand wirkte die Fortsetzung des Krieges nur noch wie eine absurde Farce. Mit «Merry Christmas» hat Carion diesen Soldaten, deren Verbrüderungen mit dem vermeintlichen Feind in Deutschland und Frankreich Jahrzehnte lang tot geschwiegen wurden, nun ein filmisches Denkmal gesetzt.

    dpa

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