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  • Kritik: Was gewesen sein wird

    Der Lauf der Zeit spielt wieder eine zentrale Rolle im Kino der 90er Jahre. Es geht um Verlangsamung und Beschleunigung, um Erinnerung und Nostalgie, um das Gefühl des D�j�-vu und die Kunst des Erzählens. Alles war schon da, alles scheint man schon gesehen zu haben. Und dennoch versucht das Kino seine Unschuld wiederzufinden, auch wenn es keine Chance hat.

    12 Monkeys läßt sich dazu inspirieren von einem französischen Film vom Rande der Neuen Welle: von Chris Markers 29- minütigem Meisterwerk La Jet�e, das 1963 als Vorfilm zu Godards Alphaville lief. Markers Film über einen Mann im atomverseuchten Paris, der durch seine Erinnerung an das Gesicht einer Frau über dem Rollfeld von Orly eine Verbindung schafft zu Vergangenheit und Zukunft, ist eine Montage aus Standphotos und nur einem bewegten Bild.

    Markers Film markiert den Schittpunkt zwischen dem Erzählkino eines Fritz Lang und eines Hitchcock und dem neueren, offenen Kino einer Marguerite Duras oder eines Michael Snow - wobei im Unklaren bleibt, welches das Kino der Vergangenheit und welches das der Zukunft ist. La Jet�e ist der Versuch eines Films im Futur II: was einmal gewesen sein wird. Die Bilder sind angehalten, eingefroren für einen bewußten Moment des Transits.

    Terry Gilliam und seine Drehbuchautoren David und Janet Peoples benutzen La Jet�e wie eine Skizze und machen aus Markers Ideen ein großes Gemälde, eine Oper aus Versatzstücken klassischer Genres wie der Science-fiction und dem Film Noir. James Cole, den Bruce Willis mit vollem Körpereinsatz spielt, ist wie in den Stirb-langsam-Filmen ein Underdog, der vielleicht zur falschen Zeit am richtigen Ort ist. Mit der Wucht und der Verletzlichkeit seines Körpers stemmt er sich gegen das Unbegreifbare der Zeit wie einst Charlton Heston im Planet der Affen.

    Cole lebt im Jahre 2035 als Gefangener in einer klaustrophobischen Welt unter der Erde. Nach einer Virusepidemie, die 1996 fast die gesamte Weltbevölkerung dahinraffte, ist die Erdoberfläche unbewohnbar geworden. Dort oben regieren wieder die Tiere. Die Großstädte sind ganz sprichwörtlich zum Dschungel geworden. Philadelphia, die Stadt der brüderlichen Liebe, an die Jonathan Demme in seinem Aids-Film erinnerte und in der die Unabhängigkeit der USA erkündet wurde, verwandelt sich bei Gilliam zum Ort des Niedergangs, an dem der amerikanische Traum fürs erste begraben wird. Die beklemmende Atmosphäre, die Gilliam erzeugt in Bildern von verfallenen Kathedralen des Konsums, gehört zu den Höhepunkten des Films.

    Der rebellische und sensible Cole, der von einem Traum verfolgt wird, in dem ein Mann durch eine große lichtdurchflutete Wartehalle läuft, wird von einer grotesken Wissenschaftlergruppe, die uns wie der Chor aus einer griechischen Tragödie durch den Film begleitet, auf eine Zeitreise geschickt. Als eine Art Mechaniker des Zeitlaufs soll er die Vergangenheit der Zukunft erkunden. Er soll den Ursprung des tödlichen Virus herausfinden, das laut der Mythologie der Zukunft von einer militanten Tierschützer-Gruppe, den 12 Monkeys, verbreitet wurde.

    Durch einen Fehler im System der Zeitmaschine landet Cole nicht im Philadelphia von 1996, sondern im Baltimore von 1990, wo er sofort in eine Irrenanstalt gesteckt wird. Dort lernt er den Patienten Jeffrey kennen und prophezeit ihm den Weltuntergang, Gedanken, die Jeffrey in die Tat umsetzen könnte. Brad Pitt spielt den unberechenbaren Jungen, der übers Kuckucksnest springen wird, ganz fulminant. Seine verrückten Zuckungen, seine Ticks wirken wie die geheime Zeichensprache der Rapper und der Jugendgangs.

    Aus dem Spiel mit den Zeitebenen wird auch ein Spiel mit verschiedenen Wirklichkeiten. Es stellt sich bald die Frage, was Fiktion und was Realität ist. Sicher bleibt nur die Ambiguität. Vielleicht liegt in dem Retter Cole die Verderbnis der Zukunft. In der zweiten Hälfte wird Gilliams Film zu einem Road Movie durch die Zeit. Cole und seine Psychiaterin Kathryn Railly, die von der wunderbaren Madeleine Stowe gespielt wird, der einzigen wirklichen Retterin im Film, fliehen aus dem 1990 nach 1996. Auf dieser Flucht sehen sie als romantisches Außenseiterpärchen in einem Kino ein Hitchcock- Double-Feature: Die Vögel und Vertigo, jenen sehnsüchtigen, schwindelerregenden Film, der wiederum Chris Marker zu La Jet�e inspiriert hat.

    Kreise schließen sich in 12 Monkeys: Dort, wo alles aufhört, könnte alles von vorne anfangen. Gilliam und seine Autoren versuchen letztendlich eine Ordnung ins Chaos zu bringen. Gilliam, der alte Fabulierer, glaubt an die Kraft des Erzählens, mit Bruce Willis als postmodernem amerikanischem Odysseus. 12 Monkeys ist ohne Frage ein faszinierender, spannender Film geworden, der zudem geschickt mit aktuellen Themen und Ängsten spielt. Er ist jedoch nie so verstörend wie La Jet�e oder Vertigo, die das Kino selbst thematisieren. Die Vergangenheit der Zukunft liegt bei Marker und Hitchcock.

    HANS SCHIFFERLE 12 MONKEYS, USA 1995 - Regie: Terry Gilliam. Buch: David und Janet Peoples nach Chris. Markers Film La Jet�e. Kamera: Roger Pratt. Musik: Paul Buckmaster. Darsteller: Bruce Willis, Madeleine Stowe, Brad Pitt, Christopher Plummer. Verleih: Concorde. 130 Minuten.

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