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    Schreckensgestalt des 20Kritik: Wargniers bewegendes Kinodrama

    1946 war Adolf Hitler, die eine dominierende Jahrhunderts, besiegt und tot. Doch die andere, der sowjetische Diktator Josef Stalin, befand sich seinerzeit auf dem Höhepunkt der Macht.

    Auch im Westen huldigten viele noch diesem kommunistischen Abgott, dessen Riesenreich entscheidenden Anteil am Sieg über die Nazis hatte. Als Stalins Propaganda im Juni 1946 die nach der Revolution 1917 in den Westen geflüchteten Russen zur Rückkehr in die alte Heimat einlud, war das Echo besonders in Frankreich unerwartet positiv.

    Einer der vielen, die dem Locken Stalins folgten, war der Mediziner Alexei Golovine, der zusammen mit seiner französischen Frau Marie und Söhnchen Serioja die Reise ins Land der Väter wagte. Welch verhängnisvolle Entscheidung das war, davon erzählt der französische Film "Est-Ouest - Eine Liebe in Russland". Ab dem 29. Juni ist er in den deutschen Kinos zu sehen. Regisseur Regis Wargnier zeigt in dem zweistündigen Drama die Geschichte von Menschen, die in den Strudel eines totalitären Systems von Willkür und Terror geraten, daran zerbrechen und doch überleben.

    Demütigung, Straflager und Trennung durch Flucht machen die Ehe zwischen Alexei und Marie zur Tragödie. Ihrer Liebe die Würde rauben können hingegen diese ungeheuerlichen Prüfungen nicht. Und was kommt alles auf das sympathische Paar zu, das mit den Schicksalsgenossen in Odessa Heimatboden betritt: Der lähmende Schock, gleich nach der Ankunft als "imperialistischer Spion" verfolgt zu werden; die völlige Willkür der Staatsmacht; die erbärmlichen privaten und beruflichen Verhältnisse, in die es sich einzurichten gilt; Prüfungen der Gefühle; das alltägliche Abducken und Verstellen; die Hoffnungen und Enttäuschungen bei der Suche nach dem Ausweg aus der Falle.

    Wargnier bringt mit seinen kenntnisreichen Drehbuchautoren Sergei Bodrov und Roustam Ibraguibekov ein fast unbekanntes Stück der Historie wieder ins Gedächtnis zurück, nämlich jene fatale Illusion gutgläubiger russischer Patrioten. Dieses tragische Geschehen wird verwoben mit dem Schicksal des russisch-französischen Paares, das im Mittelpunkt des Films steht. Bereits in seinen vorhergehenden Werken "Indochine" und "Eine französische Frau" hat Wargnier die Verbindung von Politik und privatem Schicksal im Kino-Epos hergestellt. Große Ausstattung und große Gefühle werden dabei nicht gescheut, nun auch in "Est-Ouest". Und von der ersten Szene an wählt die Musik von Patrick Doyle sehr emotionalisierende Töne.

    Sowas kann gewaltig in Kitsch abgleiten. Aber die Geschichte ist zu erschütternd, die Inszenierung zu spannend und die Schauspieler sind zu gut, um dieser Gefahr zu erliegen. Besonders die Entscheidung, Sandrine Bonnaire die Rolle der Marie spielen zu lassen, war ein Glückgriff. Die zierliche Schauspielerin mit dem verletzlichen, meist so ernsten Gesicht wirkt in jeder Szene wahr und bewegt. Beeindruckend auch Oleg Menshikov als Alexei. Der verschlossen wirkende Russe ist die ideale Besetzung für eine Figur, die sich viele Jahre verstellen muss, um ihr Ziel zu erreichen. Catherine Deneuve verkörpert sich ein wenig selbst als hilfsbereite französische Theaterdiva, die keine Angst vor Risiken hat.

    Die erstaunliche Authentizität des Films verdankt sich nicht nur der Sorgfalt einer Produktion, die für den Oscar nominiert wurde, sondern auch den Drehorten in Kiew und Bulgarien. Und wie zum Beispiel das beengte Leben in einer Gemeinschaftswohnung der Sowjetunion jener schweren Jahre geschildert wird, ist höchst aufschlussreich und sehenswert. Das aber ist auch der gesamte Film, der in Frankreich recht erfolgreich war und auch hier zu Lande viele Zuschauer verdient.

    Wolfgang Hübner, AP

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