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  • Kritik: Vom Gedächtnis eines Radiergummis

    Wenn der FBI-Agent John Kruger ausnahmsweise einmal gute Laune hat, zieht er sich ein Jäckchen mit der Aufschrift 'Let's party!' an, setzt sich ans Steuer, überschreitet das Tempolimit und durchfährt Einbahnstraßen in der falschen Richtung. Wenn er schlechte Laune kriegt, schießt er mit großen Kalibern auf alles, was sich bewegt und nimmt es sogar mit einem Düsenflugzeug auf. Meistens hat John Kruger gar keine Laune.

    Er hat auch keine Wohnung, keine Freundin, keine Schallplattensammlung, kein Kopfweh, keinen Geschmack, kein Leben. Er hat nur einen Körper, der aus Stahl zu bestehen scheint; er besitzt einen Waffenschein und einen Dienstausweis. Vor allem aber hat er einen Job: Er ist ein 'Eraser'.

    Auf Deutsch heißt das Radiergummi - womit Krugers Tätigkeit durchaus angemessen beschrieben ist: Er kümmert sich um Kronzeugen, deren Leben in Gefahr ist. Er beschafft seinen Kunden eine neue Existenz und radiert deren Vergangenheit vollkomen aus (wobei er meist noch ein paar Verbrecher auslöschen muß). Das Gedächtnis, auch an seine eigenen Taten, ist sein größter Feind - und wenn sich dieser Mann überhaupt an etwas erinnern kann, dann ist das nicht die eigene Biographie; dann sind es die früheren Filme seines Darstellers Arnold Schwarzenegger: Der war als 'Terminator' die synthetische Menschmaschine und in Total Recall der Mann, dessen Bewußtsein aus einem Computerchip kam. Er erinnert sich auch in Eraser nur daran, daß er sich nicht erinnern kann.

    Das hat der Held gemein mit der Inszenierung, die aus vollen Rohren aufs Bewußtsein der Zuschauer ballert. Man darf auf keinen Fall die Augen schließen und überlegen, ob das, was im Moment geschieht, nicht womöglich jenem widerspricht, was der Film vor fünf Minuten behauptet hat. Dieser Film löscht auch die Erinnerung an sich selber aus. Er funktioniert nur im Augenblick.

    Schon deshalb muß der Regisseur Charles Russell das Tempo so heftig beschleunigen, bis man die Schläge, Schüsse, Explosionen nur noch in Beats per minute messen kann. Russel macht Techno-Kino, im puren Wortsinn: Die Maschinen sind die eigentlichen Stars dieses Films, und wo früher einmal der menschliche Herzschlag den Rhythmus bestimmte, tanzen die Bilder nun zum Takt jener Computer, welche all die Explosionen, Kollisionen und Sensationen steuern. Daß der Schauspieler Schwarzenegger sich im Zentrum dieser Inszenierung trotzdem behaupten kann, liegt vor allem daran, daß er sich deren Gesetzen fast bedingungslos unterwirft: Manchmal riskiert der Mann noch eine Machogeste, hält sein Gewehr in Leistenhöhe und verspritzt seine bleiernen Ejakulationen. Aber meistens fehlt ihm die Kraft, den ganzen Maschinenpark als Erweiterung des eigenen Körpers zu benutzen.

    Einmal explodiert eine Splitterbombe, und ein eisernen Pfeil bohrt sich durch die Hand des Helden; später steckt ein Stück Stahl in seinem Schenkel, und eine Kugel dringt in seine Schulter. Das sind die einzigen Momente, die dieser Held zu genießen scheint - nur im Augenblick des Schmerzes gewinnt der Mann die Herrschaft über sich selber zurück. Und der Film schafft es, auch seine Zuschauer zu berühren.

    Was sonst noch passiert, wenn Häuser einstürzen, Flugzeuge brennen, Autos mit Lokomotiven kollidieren und die Computer durchdrehen, das beobachtet man eher distanziert: wie eine wissenschaftliche Versuchsanordnung. Das computergestützte Kino, die vollautomatisierte Inszenierung, die immer perfekteren Tricks und Special-Effects: Das Maschinenkino erzählt am liebsten von Maschinen - so bringt es einen Kurzschluß nach dem anderen hervor, und dem Zuschauer dröhnen die Ohren von den Rückkopplungsgeräuschen.

    Das ist das Dumme am Maschinenkino - und seine Stärke zugleich: Es taugt nicht als Gefäß fürs kollektive Gedächtnis, und als Schauplatz menschlicher Imagination ist es überfordert. Es will nichts als pure Gegenwart sein; doch in den Trümmern, die von all den Explosionen bleiben, werden schon die Spuren der Zukunft sichtbar. Eraser ist kein dummer Film - es ist Künstliche Intelligenz, die in seinen Bildern steckt. Und womöglich spielt auch gar nicht Schwarzenegger die Hauptrolle, sondern eine Computeranimation gleichen Namens.

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