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  • Kritik: Volker Schlöndorffs "Unhold" oder Die Angst dreht einen Film

    Zu diesem Film hat der Tobis-Verleih einen Wettbewerb ausgeschrieben: "Kritiker von morgen gesucht". Text: "Schüler, Studenten und angehende Journalisten werden aufgefordert, den neuen Film von Volker Schlöndorff mit John Malkovich in der Hauptrolle zu rezensieren. Die einzige Einschränkung für die Filmkritik ist ihre Länge: max. 50 Zeilen a 60 Anschläge oder eine DIN-A4-Seite sind erlaubt." Eine Jury aus "namhaften Autoren und Filmkritikern" wird die drei besten Einsendungen mit Preisen zwischen zwei- und fünftausend Mark auszeichnen. Den Gewinnern winkt ein Platz in der Zeitung, den Ungekürten ein Plätzchen im Internet.

    Doch vor dieser publizistischen Generalmobilmachung läuft Schlöndorffs "Unhold" noch auf den Filmfestspielen in Venedig, neben Werken von Godard, Iosseliani, Manoel de Oliveira, Jane Campion und Ken Loach. Das alte, edle, zuletzt viel gescholtene europäische Autorenkino wird, wie es aussieht, auf diesem Festival eine glanzvolle Abschiedsvorstellung geben - und Volker Schlöndorff wird mit unter den glorreichen Veteranen sein, wie schon mit dem "Törless", dem Fangschuß", der "Katharina Blum", der "Blechtrommel" und der "Liebe von Swann".

    Eigentlich sollte "Der Unhold" ja bereits im Mai in Cannes ans Licht der Öffentlichkeit treten. Aber dann zog Schlöndorff in letzter Minute seinen Film zurück, angeblich, weil er "nicht fertig" sei. Wenn man jetzt den "fertigen" Film sieht, fragt man sich, was Volker Schlöndorff damit wohl gemeint haben mag. Denn auch der endgültige "Unhold" ist nicht fertig geworden, weder mit Michel Tourniers Roman "Erlkönig" noch mit der Geschichte, die Jean-Claude Carriére daraus gestrickt hat, weder mit seiner Hauptfigur noch mit ihrem Darsteller, weder mit der filmischen Form noch mit dem literarischen Stoff. Er ist eine Ruine, die sich als Gesamtkunstwerk ausgibt, ein Kino-Hampelmann, der sich als Monster tarnt.

    Dabei wollte Schlöndorff gerade diesmal alles richtig machen. Schritt für Schritt, Station für Station ist er dem "Erlkönig" gefolgt, von der französischen Provinzklosterschule ins Paris der Vorkriegszeit, von der lothringischen Sitz- und Blitzkriegsfront per Gefangenentransport in die grünen Weiten Ostpreußens, von Görings Jagdschloß in der Rominter Heide in die Nazi-Eliteschule ("Napola") auf Burg Kaltenborn. Für jeden Schauplatz und jede Szene hat er "angemessene", atmosphärisch passende Bilder gesucht - grobkörniges Schwarzweiß für die Zisterzienserabtei St. Christophorus mit ihren Kinderfolterkammern, aufgerauhte und abgedunkelte Farbaufnahmen für das alte Paris, Pseudo-"Wochenschau"-Einstellungen für die drôle de guerre von 1940, moorige Ebenen und feuchtdunkle Wälder für den Spielort "Ostpreußen", Babelsberger Studiodekor und sorgsam ausgewählte Ansichten der Feste Marienburg für die Kaltenborner Soldatenschmiede. Und für den Part seines Helden, des Automechanikers und späteren Kriegsgefangenen Abel Tiffauges, hat er John Malkovich engagiert, den Mann, der Valmont war und Port Moresby und Dr. Jekyll Mr. Hyde, der einen psychopathischen Mörder ("In the Line of Fire") ebenso glaubhaft verkörpern kann wie einen blinden Heiligen ("Von Mäusen und Menschen"), den Hollywood-Charakterschauspieler schlechthin.

    "Alles ist Zeichen", heißt es einmal in Michel Tourniers "Erlkönig", einem Roman von 1970, einem Buch, das den so mutigen wie ungeheuerlichen Versuch unternimmt, den Mythos des Nationalsozialismus von innen heraus zu begreifen, das vom deutschen Wahn, vom deutschen Blut und vom deutschen Boden erzählen will, ohne in der daraus gerührten braunen Brühe zu versinken. "Alles ist Zeichen. Doch bedarf es eines hervorbrechenden Lichts oder Schreis, um unser trübes Auge, unsere Taubheit zu durchstoßen."

    Der diese Sätze schreibt, mit seiner linken, "sinistren" Hand, ist ein Fremder in der Naziwelt: ein Franzose, ein feindlicher Soldat, der mit seinen Kameraden in ein Gefangenenlager im tiefsten Ostpreußen verfrachtet wird. Und doch scheint Abel Tiffauges, der die Doppelnatur von Unschuld und Perversion schon im Namen trägt ("Tiffauges" heißt das Schloß des legendären Menschenfressers Gilles de Rais, aus dem im Volksmärchen der böse Blaubart wurde), in einzigartiger Weise dazu bestimmt, das Land der Hitlerdeutschen mit der Seele zu suchen. Seine asexuelle, "phorische" Lust auf unreife Knaben, sein Schicksalsglaube und seine archaische Sehnsucht nach dem Jäger- und Reiterdasein der ostelbischen Junker treiben ihn immer tiefer ins Reich der braunen Schatten, in die "Nacht der Zeiten".

    Vom Jagdgehilfen im Rominter Staatsforst steigt Abel zum Aufseher an Görings Protzresidenz "Jägerhof" auf, und als nach dem Debakel von Stalingrad das waidmännische Idyll zerbricht, wird er zum Faktotum der "nationalpolitischen Erziehungsanstalt" Kaltenborn, deren gelichtete Reihen er durch Menschenjagd in den umliegenden Dörfern aufzufüllen hilft - hoch zu Roß, von Bluthunden eskortiert, als "Oger von Kaltenborn". Sein "phorisches" Schicksal erfüllt sich, als er, ein aus Auschwitz entkommenes Judenkind auf den Schultern, auf der Flucht vor der Roten Armee im ostpreußischen Moorgrund versinkt: ein Sühneopfer im Zeichen des gelben Sterns.

    "Alles ist Zeichen." Im Buch sind es die Namen, die das Zeichengeflecht weben: Oger, Unhold, Christophorus, Blaubart, Tiffauges, Tiefauge, Erlkönig, Knabe, Junge, Kind. Im Film müßten es die Bilder sein, strenge, schlichte, zyklisch wiederkehrende Bilder eines Geschehens, das nie bloß Handlung ist, sondern immer auch pervertierter Mythos, blutiges Symbol - Bilder, die der sichtbaren Oberfläche aus Hirschjagden, Sonnwendfeiern, Schießübungen und Nazigesängen, von denen Tourniers Roman auch erzählt, eine zweite Perspektive einziehen, den Stachel einer monströsen und archaischen Gier. Um den "Erlkönig" wahrhaftig auf die Leinwand zu bringen, müßte man die filmischen Delirien von Viscontis "Verdammten" und Pasolinis "Sal�" mit dem Rigorismus eines Robert Bresson verbinden, das furchtbarste Grauen mit der äußersten Kälte, den Blick auf die gequälte Kreatur mit der Einsicht in die Mechanik der Perversion.

    Schlöndorff besitzt nichts von alledem. Sein Blick auf Tourniers Vorlage ist der des beflissenen Arrangeurs; der Stoff wird bei ihm verkleidet, nicht enthüllt. Statt die Zeichen des Romans zu lesen, hält Schlöndorff sich an die Buchstaben. Um das Leitmotiv seines Films einzuführen, steckt er Abel mit der brünetten Rachel (Agnés Soral) ins Bett und läßt ihn zu einem hastigen Orgasmus kommen; darauf sagt Rachel: "Du bist ein Unhold." So frißt die Verfilmung ihren Text. Wenn Armin Müller-Stahl als Graf Kaltenborn vor die Kamera tritt, kennt man im voraus jeden Satz, den dieser Mann sagen, und jede Geste, die ihn begleiten wird. Dazu Gottfried John als Oberförster, Marianne Sägebrecht als Burgfrau Netta, Dieter Laser als Rassenbiologe Blättchen und die ostpreußische Landschaft, gesehen mit dem Sielmann-Blick: Filmkunst fatal.

    Ein paar Minuten lang freilich reißt selbst in diesem Film der Vorhang auf. Es sind die Momente, in denen Volker Spengler den "Reichsmarschall" Göring spielt. Wenn Spengler das Rominter Wild abschlachtet oder seine Lakaien zusammenbrüllt, ahnt man, was das Wort "Oger" bedeutet. Nach den Wutanfällen badet er seine Hände in Brillanten: "Und schon bin ich wieder ganz ruhig." Diesen Wahnsinn hat Spengler bei Fassbinder gelernt. Das verliert sich nicht.

    Und Malkovich? Er geht durch den "Unhold", als gehöre er nicht dazu. Sein Grinsen ist nicht das eines Monsters, sondern das eines Mannes, der sich verirrt hat. Was er sieht, scheint ihm peinlich zu sein. "Ich heiße Abel, Abel Tiffauges." Aber man glaubt ihm nicht, daß er glaubt, was er sagt.

    Volker Schlöndorff hat den "Erlkönig" nicht verfilmt, er hat ihn mit Kinobildern tapeziert. Von der Faszination des Bösen, die manche Kritiker schon vorab zum antifaschistischen Feuerlöscher greifen ließ, ist in seinem "Unhold" so wenig zu sehen wie von ihrem Gegenteil, der Fratze des braunen Terrors. Diesen Film hat nicht die Leidenschaft, sondern die Angst gedreht. Sie hat ihren Gegenstand bewältigt, indem sie ihn umging. So ist es kein Wunder, daß der Tobis-Verleih dem deutschen Kinostart des "Unholds" mit Bangen entgegensieht. Jetzt ruht seine Hoffnung auf den Schultern der Schüler, Studenten und "angehenden Journalisten". Sie ruhe sanft.

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    Bettina Tollkamp

    Bettina Tollkamp

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