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  • Kritik: Vilsmaiers Alpendrama "Schlafes Bruder"

    Was muß das für ein zürnender Gott sein, der den Menschen in dem österreichischen Alpendorf Eschberg Anfang des 19. Jahrhunderts Feuersbrünste über die armseligen Hütten schickt und ein verkanntes Musikgenie solange an einer unerfüllten Liebe leiden läßt, daß sich dieses entschließt, nie mehr zu schlafen. Denn - so weiß der junge Elias Alder aus den Worten des Wanderpredigers - "wer liebt, schläft nicht".

    Eschberg ist ein wahrlich gottverlassener Ort. In seinem Erstlingsroman "Schlafes Bruder" hat der österreichische Autor Robert Schneider das Leben in dieser abgeschiedenen Bergwelt mit archaisch anmutenden Sprachgebilden eingefangen. Sätze, klobig und kantig wie die Natur der Berge, von deren gottverlassener Gewalt dieser Roman faszinierend zu erzählen weiß.

    Regisseur Joseph Vilsmaier hat in seiner Verfilmung ganz andere Mittel zur Hand. Die Totale zum Beispiel, die gleich zu Beginn die ganze Faszination der Umgebung einfängt, wenn die von Vilsmaier selbst geführte Kamera über die Bergspitzen hinwegfliegt. Da gibt es die schonungslosen Nahaufnahmen der ausgemergelten Bauerngesichter, der Mongoloiden und der Verkrüppelten, Ergebnis jahrhundertelanger Inzucht an diesem abgeschiedenen Stück Erde, über dem der Nebel so verhängnisvoll tief hängt.

    In diese Welt wird Elias Alder (André Eisermann) hineingeboren - ein Musikgenie, das mit seinem Orgelspiel Begeisterungsstürme hervorruft, aber zum Tode, dem Bruder des Schlafes, verdammt ist, weil er seine Geliebte, seine Cousine Elsbeth (Dana Vavrova), nicht im Leben, sondern nur im ewigen Wachsein lieben kann.

    Stimmungsvoll und sorgfältig im Detail hat Joseph Vilsmaier diesen Roman auf die Leinwand übertragen: Mit einer gehörigen Prise Pathos läßt er die Macht der Bergwelt auferstehen - Alpenrauschen, Donnerdröhnen, Feuersbrünste und Orgelgewitter fegen über dramaturgische Schwächen - wie die Entwicklung der beiden Hauptfiguren - hinweg. Und machen "Schlafes Bruder" zum außerordentlichen Kinoereignis, weil es mit satten Bildern, inbrünstiger Musik und einer Heerschar eindrucksvoller Charakter-Gesichter die Sinne gekonnt zu verwirren weiß.

    "Schlafes Bruder" (Deutschland) 1995. Länge: 127 Minuten. Freigegeben ab 12 Jahren. Startet mit ca. 200 Kopien.

    Regie und Kamera: Joseph Vilsmaier. Drehbuch: Robert Schneider. Musik: Norbert Schneider, Hubert van Goisern. Darsteller: André Eisermann, Dana Vavrova, Ben Becker, Angelika Bartsch, Eva Mattes.

    Copyright: DIE WELT, 5.10.1995

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