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  • Kritik: Versuchung und Verantwortung

    «Ich weiß nur, dass es ein Film ist, der auch wehtut.» So charakterisiert Regisseur Volker Schlöndorff seinen Film «Der neunte Tag» in einem Interview. Erstmals wagte sich der Oscar- Preisträger («Die Blechtrommel») mit seinem jüngsten Werk an die Inszenierung der Gräuel aus den NS-Konzentrationslagern.

    Ein Projekt, das er vorher nicht für darstellbar hielt. Mit seinem Film über Versuchung und Verantwortung unter extremen Bedingungen ist Schlöndorff ein eindrucksvolles und hochemotionales Drama gelungen.

    Das Drehbuch zu «Der neunte Tag» stützt sich auf die autobiografischen Aufzeichnungen des luxemburgischen Abbé Jean Bernard. Darin schildert Bernard seine traumatischen Erinnerungen an Folter, Gewalt und Tod im Konzentrationslager Dachau. Er war dort im «Pfarrerblock 25487» von Mai 1941 bis August 1942 inhaftiert. Dabei widerfuhr dem Geistlichen Ungewöhnliches: Er bekam im Februar 1942 für neun Tage Heimaturlaub. Die zurückgelassenen Priester hafteten mit ihrem Leben für seine Rückkehr.

    Der 65-jährige Schlöndorff stellte sich noch einmal dem Thema Verführung durch den Nationalsozialismus, das er nach eigenem Bekunden vor acht Jahren mit seinem «Unhold» nicht bewältigt habe. Anders als in dem umstrittenen Eichinger-Film «Der Untergang» um Hitlers letzte zwölf Tage im Führerbunker stellt der Nationalsozialismus in seinem Film nur den Hintergrund für eine zeitlose Tragödie.

    So bilden die Grausamkeiten und Entbehrungen in einem KZ nur in den ersten zehn Minuten den sinistren Auftakt. In eindringlichen Sequenzen führt Schlöndorff das Grauen der entmenschlichten Lagerroutine in schwachen Farbbildern vor Augen. Der Kern des Films ist dagegen Fiktion. Der KZ-Urlaub Bernards, der in seinem Tagebuch nur vier Zeilen einnimmt, gab dem Regisseur die Freiheit, darum ein erdachtes menschliches Drama zu spinnen. Denn historisch ist nicht belegt, was in diesen neun Tagen geschah.

    Der Regisseur macht daraus weitgehend ein Kammerspiel. Die beiden Hauptdarsteller - Abbé Henri Kremer (Ulrich Matthes) und Untersturmführer Gebhardt (August Diehl) - liefern sich einen Schlagabtausch auf Leben und Tod, um Gut und Böse, um Moral, Glaube, Verrat und persönliche Verantwortung.

    Kremer wird, kaum in Luxemburg angekommen, von Gebhardt abgefangen. Der SS-Offizier bietet dem ausgemergelten KZ-Insassen einen perfiden Deal an. Kremer soll seinen luxemburgischen Bischof Philippe (Hilmar Thate) von dessen Widerstandskurs ab- und zur Kollaboration mit den Nazis bringen. Belohnung: Keine Rückkehr ins KZ, Schonung seiner Familie und der Pfarrer in Dachau.

    In neun Tagen muss der Priester entscheiden, ob er, um selbst zu überleben, seinen Glauben und seine Kirche verrät. Matthes (45) - eben noch in der Rolle des NS-Überzeugungstäters Joseph Goebbels in «Der Untergang» zu sehen - spielt grandios das von Gewissenszweifeln geplagte Nazi-Opfer. Der mal leblose, mal ängstliche, mal glühende Blick aus großen dunklen Augen in dem ausgezehrten Gesicht sagt mehr als jeder Disput mit dem SS-Offizier.

    Ebenso authentisch verkörpert der erst 28-jährige Diehl Kremers Mephisto in SS-Uniform, der ihn lockt, presst, in Versuchung führt. Gebhardt versprüht Kälte und Arier-Denken in jedem Satz. Im Gespräch mit Kremer entwickelt der studierte Theologe, der nur aus Karrieregründen zur SS ging, seine kruden Theorien vom Christentum. So wie Judas Jesus verriet, soll Kremer seine Kirche verraten.

    Denn ohne Judas' Verrat wäre Jesus nicht gekreuzigt worden und ohne seine Kreuzigung hätte sich das Christentum nicht erfüllt, sagt Gebhardt. Um die Auslegung von Glaubensfragen oder um die Schuld der Katholischen Kirche wegen ihrer passiven Haltung zur Judenverfolgung geht es dem von Jesuiten erzogenen Regisseur jedoch nicht, wie er in verschiedenen Interviews sagte. Im Vordergrund steht für ihn das Dilemma des Individuums, das sich bei der Frage nach seiner Verantwortung weder hinter Kirche noch Gesetz verstecken kann, sondern selbst entscheiden muss.

    dpa

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