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  • Kritik: Versuch des Verstehens

    Zuerst bleibt die Leinwand schwarz. Nur eine Stimme ist als kurzer dokumentarischer Vorspann zu hören. Traudl Junge, Hitlers ehemalige Sekretärin im Führerbunker, spricht: «Es fällt mir schwer, mir das zu verzeihen», sagt sie im Rückblick auf ihre Arbeit für den Diktator, der Millionen Menschen in Leid und Tod stürzte.

    Mit Bernd Eichingers «Der Untergang» porträtiert erstmals eine deutsche Kinoproduktion Adolf Hitler und seine Gefolgschaft in einem Spielfilm. In 150 Minuten werden die letzten zwölf Tage im Führerbunker unter der Berliner Reichskanzlei erzählt. «Der Untergang» basiert auf dem gleichnamigen Sachbuch-Bestseller von Joachim Fest und den Erinnerungen von Traudl Junge.

    «Ich glaube, dass die Zeit reif war für so einen Film», sagt Produzent Eichinger, der auch das Drehbuch geschrieben hat. «Es ist Neuland», meint Regisseur Oliver Hirschbiegel («Das Experiment»). Hitler darf nicht vermenschlicht werden, das war bislang das unausgesprochene Tabu und Argument dafür, die Finger von einem Film über den «Führer der Deutschen» zu lassen. «Da bin ich ganz anderer Ansicht», sagt Eichinger. Er glaubt, dass sich eine viel größere Wahrheit daraus ergibt, wenn man zeigt, dass das Böse kein abstrakter Begriff ist, sondern in jedem Menschen steckt.

    Der 63-jährige Schweizer Theater- und Filmschauspieler Bruno Ganz («Brot und Tulpen») zeigt Hitler nicht als Dämon, sondern als Mensch. Gegenüber seinem Schäferhund Blondi und den Frauen seiner Umgebung verhält sich der Diktator freundlich, charmant und nachsichtig. Wittert er den Verrat seiner Getreuen sieht der Zuschauer Hitler eine Träne verdrücken. Und einmal küsst er vor versammelter Mannschaft Eva Braun, die er in den letzten, hoffnungslosen Tagen noch geheiratet hat.

    All das macht diesen Mann dem Zuschauer aber keineswegs in irgendeiner Art sympathisch. Ständig hat man das Gefühl, dass Hitlers Uniformen muffig riechen und er selbst Mundgeruch hat. Vor allem aber beschleicht einen Unbehagen und völliges Unverständnis: Abgehackt spuckt er seinen Untergebenen seine realitätsfernen Befehle entgegen. Die zittrige Hand hinter dem Rücken verborgen, schwingt er sich auf zu hasserfüllten Reden über die Juden, angebliche Verräter und den auf jeden Fall zu erringenden Sieg.

    Der Film beschreibt die Zeit vom 20. April bis zum 2. Mai 1945. Die Schlacht um Berlin ist längst verloren, die Zivilbevölkerung kämpft um das nackte Überleben. In scharfem Kontrast dazu steht das Leben im Bunker, wo Hausmädchen in gestärkten Schürzen die NS-Elite bedienen und immer noch genügend Champagner fließt. Fern der grausamen Wirklichkeit schmiedet Hitler in seinen unterirdischen Gemächern bis zu seinem Selbstmord am 30. April 1945 unbeirrt Pläne, die seine vernichteten Truppen niemals mehr erfüllen können.

    «Ich habe mich zu Hause geschützt, dass ich beim Drehen nicht zu tief eintauche und mich mit der Figur zu sehr identifiziere», sagt Ganz und fügt hinzu: «Aber eigentlich geht das auch nicht.» Dennoch habe er für Bruchteile Mitleid empfunden mit diesem erbärmlichen Menschen Hitler. «Anders hätte ich ihn gar nicht spielen können.»

    Eichinger und Hirschbiegel gelingt es in der rund 13,5 Millionen Euro teuren Produktion, mit einem großen Staraufgebot ein dichtes Drama zu erzählen - das wird teilweise allerdings von den vielen historischen Fakten erschlagen. Besonders überzeugend sind die Frauenrollen, darunter Corinna Harfouch als fanatische Magda Goebbels, Juliane Köhler als naive Eva Braun und Alexandra Maria Lara als hin- und hergerissene Sekretärin Traudl Junge.

    «Die Geschichte erzählen, nicht kommentieren», beschreibt Eichinger das Ziel des Films. Was der Film dem heutigen Menschen sage, das müsse der Zuschauer für sich selbst herausfinden. «Es wäre fatal, wenn wir die Interpretation gleich mitgeliefert hätten», so Eichinger. «Es ist ganz wichtig, dass die Fakten Fakten bleiben.» Woher der Fanatismus der Täter kommt, wie Hitler so eine Anziehungskraft auf seine Mitmenschen entwickeln konnte, das bleibt also weiter ein Rätsel.

    dpa

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