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  • Kritik: Verrückte Ideen für Deutschland

    Euro-Scheine, die sich nach wenigen Tagen auflösen und deshalb schnell ausgegeben werden müssen und die Konjunktur ankurbeln. Langzeitarbeitslose, die als «Leihbrüder» für Einzelkinder vermittelt werden. Eine «Aktive Krankenversicherung», bei der die Patienten einander selber behandeln.

    Das sind nicht einfach nur Spinnereien, das sind «Weltverbesserungsmaßnahmen», meinen die Autoren des gleichnamigen deutschen Films. In acht Episoden stellen sie verrückte Ideen für das von Jammern und Selbstmitleid zerfressene Deutschland vor. Und auch wenn die Vorschläge ob ihrer Unbrauchbarkeit kaum Aufbruchstimmung erzeugen, gelungen ist den zwei Berliner Filmemachern eine großartige Mediensatire.

    «Wenn man heute die Welt verbessern will, muss man den Menschen verbessern, damit er sich mit seiner Welt wieder zurechtfindet», heißt es gleich am Anfang des Films. Da gibt es auch einen Kurs zum gleichzeitigen Anfahren an der Ampel, mit dem Staus reduziert werden sollen. Und den Mann, der versucht, die Autos auf einem großen Berliner Parkplatz nach Farben zu sortieren, einfach so, der Ästhetik wegen. Oder die Idee, als Mensch weniger Energie zu verbrauchen und aus dem Gesparten dann Strom zu erzeugen. Und in allen Fällen weiß ein und derselbe Mann, der «Experte Dr. Johannes Schleede», fachmännisch die Vorteile der Neuerung zu erläutern.

    Die Geschichten kommen als Mischung aus grobkörnigen 70er-Jahre- Bildungsfilmen und Doku-Drama verpackt, dem heute allgegenwärtigen Reality-TV-Format aus Interviews und mitgeschnittenen Szenen. Das Erschreckende ist, diese Kamera-Beichten, bei denen ein Pizza-Fahrer sein Innenleben offenbart oder ein Erfinder leuchtenden Blickes von der Zeit schwärmt, wenn alle Welt dank seiner dicken Sohlen wie er die perfekte Größe von 1,90 Meter hat, diese Flut von Sinnleere, Worthülsen und Mitteilungsbedürfnis könnte so jederzeit im Fernsehen laufen und würde dabei kaum auffallen.

    Und gerade darin liegt die wunderbare subversive Wirkung des Films. Der Unsinn mogelt sich als Ernst getarnt in Bewusstsein, und dann wird das Ganze durch die lückenlose Absurdität des Ganzen zur Farce. Und auch die tägliche Reality-TV-Berieselung dürfte danach nicht mehr ernst zu nehmen sein. Auch eine Weltverbesserung.

    «Wir brauchen mehr Spinner, die sich trauen, einer fixen Idee zu folgen, selbst wenn sie völlig unsinnig erscheint», sagen die Ko- Regisseure Jörn Hintzer und Jakob Hüfner. Und mit so etwas kennen sie sich aus. Erst haben sie seit 2000 an einem Internet-Kunstprojekt mitgemacht. Dann haben sie sich den abendfüllenden Film vorgenommen. Eine erste Förderung kam schon 2001, doch wegen einer Haushaltssperre konnte die erste Episode erst im März 2003 gedreht werden. Und erst jetzt - mehr als zwei Jahre später - kommt das Werk in die Kinos.

    «Weltverbesserungsmaßnahmen» ist vielleicht kein Film, bei dem man sich vor Lachen krümmt. Aber immer wieder schmunzelt. Es sind die Situationen und die Mischung aus ernster Miene und totalem Quatsch, die für gute Unterhaltung sorgen. Und bei der Blinddarm-OP im Windergarten in «Aktive Krankenversicherung» kommt sogar echter Nervenkitzel auf.

    Wie im echten Leben ist es natürlich die Realität, die zur Zerreißprobe für die Weltverbesserer wird. Wie kann der naive Erfinder des 1,90-Meter-Schuhs gegen wölfische Geschäftsleute bestehen? Wie soll das gut gehen, wenn ein 35-jähriger «Leihbruder» nach einem schlechten Traum zu seinen neuen «Eltern» ins Bett will? Und wer würde schon seinem Sohn den Blinddarm von einem wurstfingrigen Automechaniker herausoperieren lassen oder einen Euro- Schein haben wollen, der nach wenigen Tagen zu blankem Papier wird? Immerhin kann man das neue Geld auch danach beim Erfinder wieder zurücktauschen - für fünf Prozent Kommission, versteht sich.

    dpa

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